Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 13.14. (29.3.1877)
- Date
- 1877-03-29
- Page
- Seite 111 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 111 — bereit Heiraihsplan für dieselbe in Aussicht genommen. Die Bewerbungen K.'s bei denselben um die Hand ihrer Tochter wurden daher abgewiesen. Die Liebe hatte aber in dem Hcrzen K's lief Wurzel gefaßt. Ob sie bei dem Mädchen eben so tief gesessen? oder sollte es bei dieser nur eine von den auf dem Lande zur Belebung des allda so dürftig ansgestatteten gesellschaftlichen Lebens üblichen „Bekanntschaften" gewesen sein, die eben so gleichgültig wieder gelöst werden, als sie geknüpft worben sind? Wer kann das wissen! Genug. >ie zeigte sich als gehorsame Tochter und willigte in die Verbindung mit dem von den Eltern in Aussicht genommenen Manne. Die Verlobung sollte in aller Kürze stattfinden. K hatte diese Kunde auch vernommen, und der Liebesschmerz mochte heftig in ihm wühlen. Eines Freitags Nachmittags stand das Mädchen vor der Hauslhüre und war mit dem Pntzen einiger Geräthe für den bald eintreienden Sabbath beschäftigt. Da trat plötzlich K. zu ihr heran Er mar sehr aufgeregt. „Ist es wahr," fragte er, „daß Du Dich mit jenem Monne verloben willst?" „Ja," sagte sie, „meine Eltern wollten es so, ich kann nicht anders!" „Wenn ich Dich nicht besitzen soll, so soll es auch Jener nicht!" antwortete er. Dabei zog er eine Pistole aus der Tasche und schoß dem Mädchen eine Kugel durch die Brust, daß sie augenblicklich todt niedersank. Man kann sich den Aufruhr denken, den diese schreckliche That veranlaßte. Er halte unmittelbar nach derselben seinem Leben durch Ertränken ein Ende zu machen gesucht, wurde aber noch zeitig aus dem Master gezogen und festgenominen. Dem Gerichte vorgeführt, machte er hier den Versuch, sich mir einem Federmesser die Gurgel zu durchschneiden. Auch dieser Versuch mißlang. Bei der Abmesiung der Strafe wurde seine heftige Leidenschaft als Milderungsgrund angenommen und er nur zu einer sechsjährigen Zuchthausstrafe verurtheilt. Nachdem er 5 Jahre seine Strafzeit verbüßt hatte, wurde er begnadigt. Er kehrte wieder nach seinem Heimathsorte zurück. Hier betrieb er nicht nur seine Handelsgeschäfte vor wie nach, sondern sein Herz ging auch wider „Liebe suchen". Das ist nun weniger merkwürdig, als daß er auch wirklich wieder Liebe fand. Ein israelitisches Mädchen schenkte seinen Bewerbungen Gehör, und da sich kein Hinderniß entgegenstellte, welches diesem Verhältnisse einen tragischen Ausgang hätte verschaffen können, so wurde auch bald die Verehelichung vollzogen. Obgleich diese Ehe mit Kindern gesegnet wuve, war sie doch eine sehr unglückliche. Der Mann halte die äußere Strafe zwar abgebüßt, mit seinem inner» Richter vermochte er sich vermuthlich nicht so leicht abznfinden Solche Unglückliche suchen dann häufig diese Stimme Gottes in ihrem Innern durch den Genuß berauschender Getränke zu betäuben. Das mag auch ihn zum Schnapsglase gefiihr haben. Er ergab sich dem Trünke im höchsten Grade und zerstörte dadurch gründlich sein eheliches Leben und seine Gesundheit. Vor etwa vier Jahren erlöste ihn der Tod, der hier wohl mehr als mitleidiger Befreier, denn als Schreckensbote erschienen ist. Dieses ist die Geschichte des Mannes mildem „offenen Grabe"' - B. H. Der Werth des Weibes. Eine morgenländische Sage. An der Scheide zweier Welten, Wo der „Bach Aegypten'S" rauscht, Wo der Amu') in den Zelten Thebens Wundermährchen lauscht. Koset mit dem Wüstenbrodem Gosens süßer Blüthenodem; Leuchtend schäumt empor das Meer An Rhinocolura's Wehr. Eine müde Karavane Hält am Bache lange Rast, Und hinüber nach dem Plane Schweift und glüht der Blicke Glast. Viel verheißend, mehr gewährend, Heimische und fremde nährend, Lockt sie Chemi's') Luftgestld' Zauberdämmrig. fegensmild. Frieden, Ordnung, sie umschweben Saumthier, Treiber, Heerd' und Hirt, Nirgends Trotz und Widerstreben, Weder Schlag noch Klage schwirrt. Alle fühlen sich geborgen Unter steten Liebessorgen Ihres Eigners, dessen Blick Sicher bürgt für ihr Geschick. Unter einer Tamarinde, An dem hohen Uferrand, Sanft bewegt vom Abendwinde Fließt ein faltiges Gewand Hell von Haupt und Schultern nieder Auf das Ebenmaß der Glieder. Welche herrliche Gestalt, Von dem Abendroth umwallt! Um den hehren Scheik der Wüste Spielt ein letzter Sonnenstrahl, Eh' sie heute geht zu Rüste ') Amu-Beduine, Bewohner der nordöstlichen Grenze Egyptens. (B rüg sch, üiost. d’Egypte I, 62) Chabas fPapyrus Ballier Nr. I.) *) Chemi, „das Ägypten (Dfi) schwarze Land" — Drüben hinter grauem Wall, Eh' sie scheidet von den Auen, Will sie noch sein Antlitz schauen, Oder erst vergolden gar Seines Hauptes Silberhaar! Sonnig schimmert's um den biedern, Wohlgeformten, edlen Mund, Sonniger noch unter Lidern, Rüthselhaftes giebt es kund. Welche Augen! Seelenspiegel, Reinster Tugend Ehrensiegel! Rückhaltlos und voll vertraut, Wer einmal in sie geschaut. Welche Augen! still Verzücken Glänzt in ihnen zauberhaft, Gleich des Sehers Ferneblicken, Himmelstrunken, weltentraft; Bald jedoch gekehrt nach Innen. Ganz versenkt in tiefes Sinnen, Dann, wie Kinderaugen treu, Unschuldsvoll, so rührend scheu. Und sie späh'n ins Nilgelände, Wo gar hohe Menschenkraft Kunstverständig regt die Hände, Unerreichte Wunder schafft, Ströme bändigt, Meere geißelt, Steppen tränkt und Felsen meißelt, Ueberfluß entringt der Noth, Mit dem Sein versöhnt der Tod. Ließ' nur nicht durch rauhes Schalten Hochgemuther Herrscherdrang Warme Nächstenlieb' erkalten, Liehe nicht der Regelzwang Herz verhärten, Aufschwung lähmen, Menschen die Natur bezähmen, Um genarrt von lerrem Schein, Selber Sklaven dann zu sein. — Will er Weisheit dort erringen, Woher Wahn und Dünkel kam? Will nur fromme Lehren bringen Terachide Abraham? Oder geht dahin sein Wille, Daß der Seinen Noth er stille? All' das zieht ihm durch den Sinn, Da er schaut nach Annu') hin. . . . 3) Annu, das biblische Horch, Gerassel und Gedränge Schallt heran schon von der Furt, Als ob ehern Wehrgehänge Schlüg' an Panzer, Schien' und Gurt! „Ewig lebe Usurtasen* *)! „Habt ihr Purpur, Au.bra, Vasen, „Goldgeschmeide, Prachtgewand? „Gebet her den Zoll zur Hand! „Wer da kommt ins Reich der Wunder „Zahlt vorerst die Grenzgebühr'." Gierig wühlend auch im Plunder, Ziehen Sack und Pack herfür Nun die Zöllner, wägen, zählen, Klettern rings an den Kameelen, Machen Halt an einem Schrein, Rütteln dann und spähen drein. „Ei, ruft Abraham, nur sachte! Werthvoll ist, was er enthält." Doch der Zollbeamte lachte: „Welche Steuer hier entfällt Will ich wissen, aus die Lade!" Aengstlich Jener: „Arger Schade Käm' daraus! Denk' sie sei voll Von Gewürz, und schätz' den Zoll." „Nein, sie muß noch mehr umfassen." „„Fein Gewebe, bunt gewirkt? Gut, ich zahl', sollst sie nur lassen."" — „Köstlicher ist, was sie birgt." — „ „ Nun denn Gold und viel Juwelen, Dir soll es am Zoll nicht fehlen."" — „Laß mich schauen in den Schrein, Theurer mag sein Inhalt sein!" — „ „ „Zöllner, Du hast recht gerathen. Köstlicheres birgt der Schrein, Denn Gewänder, goldbrokaten. Als Gewürze, Edelstein, Höher» Werthes als Geschmeide: Seelenlabsal, Augenweide, O, den minniglichsten Leib — Sarah, Sarah ist's, mein Weib!""" — Brünn. Dr. B. Placzek. *) Usur tasen, ein egyp. König der XII. Dynast, Zeitgenosse Abrahams. „Ewig lebe", eine dem hebr 'Tp ob: '■’rPEJ entsprechende Formel, die häufig vorkommt. -.-7f