Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 13.14. (29.3.1877)
- Date
- 1877-03-29
- Page
- Seite 110 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 110 — „Der Jude hat die Monstranz gestohlen!" drang's von Atund zu Mund; ein Dutzend Steine stog durch die Scheiben. Die Horde war an dem Eingänge angelangt, da trat Lämchen heraus und fragte festen Blickes nach dem Begehren der wilden Rolle. „Euer Sohn hat die Kirche bestohlen, er ist durch das Fenster in die Sakristei eingedrungen, man hat ihn erkannt!" klang es mehrfach aus dem Haufen. Lämchen wurde bestürzt. „Ihr lügt!" schrie er. „Wir Juden stehlen keine Monstranzen, das ist eine alte Lüge, erfunden zu unserem Verderben von Judenfeinden; glaubt doch solche Märchen nicht." Lämchens Schreien war vergeblich; wohl waren einige geneigt, ihn, zu glauben, aber da trat Jäckel hervor und rief: „Glaubt dem Juden nicht — das ist ein Diebes- und Lügengestndel, sie haben unseren Heiland gemordet, sie fahnden auf Monstranzen und Hostien. Was steht ihr? Auf durchsucht das Haus!" „Jawohl, durchsuchet das Haus!" sagte Lämchen gelassen, „bei wem Ihr das Gesuchte findet, den will ich selbst der Gerechtigkeit überliefern, und wenn's mein Sohn wäre, so müßte er mir sofort aus dem Hause und dürfte mir nie mehr unter die Augen treten, so wahr ein Gott lebt!" Die wilde Rotte drang in das Haus, Alles ward durch' stöbert; endlich fand man unter Anführung Jäckels die Monstranz in Moritz's Bett. Moritz kehrte eben vom Besuch bei Anverwandten im Rachbardorf zurück. Bestürzt sah er die singedrungene Menge, die nicht übel Miene machte, ihn zu tödten Drohend hob er die Hand zu seiner Vertheidigung, aber ein Schlag von Jäckels Faust machte sie sofort sinken. Ein Sicherheilsbeamter verhaftete Moritz und führte ihn ab. Der Vater sah den Lieblingssohn mit schmerzlichen Blicken nach; dann brach er zusammen und wurde später von zwei mitleidigen Nachbarn und seiner Sckwester Esther in das Haus gebracht, das vollständig demolirt und geplündert war Die wilde Rotte aber stürinte fort, und noch war es nicht Abend, als man das Gleiche mit den Häusern aller übrigen Judenfamilien gethan, Alles geplündert, geraubt und zerschlagen, die Bewohner auf's Gröblichste mißhandelte, so daß der größte Theil derselben, aus Furcht vor Wiederholung dieser Gräuelthaten noch im Laufe der Nacht den Ort verließen. Die SicherheilSbeamUn hatten wenig oder gar nichts zur Unterdrückung der Revolte lhun können — sie waren zu schwach — und bevor Hülse aus der Residenz kam, hatte sich der Sturm gelegt. Nach einigen Wochen kehrten einzelne der gewerbfleißigen Vertriebenen zurück, aber nur, um ihre Häuser zu einen, Spottpreise zu veräußern und sodann den Ort für imruer zu verlassen. Die große Mehrzahl zog sich nach der Residenz. Lämchen allein mar zurückgeblieben, eine schwere Krankheit hielt ihn Monate lang an das Bett gefesselt. Unlerdeß hatte das Gericht die Sache eifrigst betrieben, eine Menge Zeugen wurden für und gegen vernommen, aber das gefundene Corpus delicti blieb der einzig gültige Beweis für die Schuld des jungen Lämchen, der beharrlich leugnete und eine Anzahl — freilich nur jüdischer — Entlastungszeugen vordrachte. Alles war gespannt auf den Schluß der Verhandlung — sie endete mit Entlassung des Angeklagten aus der Haft wegen — Mangels an Beweisen. Jäckel halte sich in seinen Aussagen wiederholt widersprochen, so daß man in die Wahrheit derselben begründete Zweifel setzte. Der junge Lämchen kehrte in das Haus des Vaters zurück. Aber, dieser noch kränklich, verbat fich's ihn zu sehen; er ließ ihn, durch seine Schwester eine ansehnliche Geldsumme einhändigen und ließ ihm sagen: er habe keinen Sohn mehr, er solle nach Amerika gehen, nachdem er durch seine Schuld so unglücklich geworden. Sein Anblick würde hier nur zu weiteren Extravaganzen führen. Weder Bitten noch Drohungen hatten ihn bewegen können, das harte Wort zurückzunehmen. Der arme Moritz war darauf zerknirscht hinausgezogen und hatte nie wieder etwas von lich hören lassen. Lämchen aber blieb, trotz der vorausgegangenen Verfolgung, im Orte wohnen; auch hatte Niemand gewagt, Um irgend weiter zu kränken, oder an das Vergangene zu erinnern. Er blieb als der „letzte Jude" in Nolaudsau. Ende des fünften Kapitels. Das offene Grab. Am Fuße des Nhöngebirges, aber noch zum Thüringerlande gehörig, liegt das Großherz. Weimarische Dorf G . . . . s. Es ist ein stattliches Dorf mit vielen hübschen Wohnhäusern und einem gräfl. Schlosse, das ein in in neuer Zeit angelegter prächtiger Park umrahmt. Auch eine ansehnliche israelitische Gemeinde befindet sich seit urdenklichen Zeiten dort. Der Todtenhof derselben liegt in einiger Entfernnng vom Orte an dem aufNelgenden Gebirge angelehilt. Hier rnhen der Schläfer viele aus von des Erdenlebens Sorgen und Mühen- Weißschimmernde Grabsteine bezeichnen ihre Ruhestätten, zu denen alljährlich die noch tm Erden wallen befindlichen nächsten Angehörige der müden Schläfer nach jüdischer Siite einmal pilgern, um rm Gebete der Heimgegangenen zu ged.n. ken, für deren Seelenheil zum himmlischen Vater zu beteu- und um deren Fürsprache a»i Throne Gottes zu flehen. Hier unter diesen Gräbern befiiidet sich auch das „offene Grad", welches alljährlich und auch im vorigen Jahre wieder viel von sich reden inachle und fortwährend macht. Was für Bewandtniß hat es mit dem „offenen Grabe"? Es ist ein Grab, das sich nicht vor Kurzem erst, sondern vor etwa vier Jahren schon über seinem Insassen gewölbt hatte. „Gewölbt hatte", sage ich; denn diese Wölbung ist es, die immer und immer wieder schwindet und sich fast bis zur Bloslegung des Sarges senkt. Und so oft man auch die Füllung erneuert, immer zeigt die Einsenkung sich wieder auf's Neue. Vielen Bewohnern des Ortes kommt ein Gruseln an, wenn von diesem Grabe gesprochen wird, uiid Mancher würde um kernen Preis des Nachts feinen Weg an dem „Jndentootenhofe" vorbei nehmen. Ob man bis jetzt nach einer natürlichen Ursache geforscht, weiß ich nicht; aber eine traurige Geschichte ist es, die an das Leben des Mannes sich knüpft, der in diesem „offenen Grabe" ruht; eine Geschichte, zu der im israelitischen Leben sich nicht leicht ein Seuenitück finden dürste, namentlich nicht in jenen noch nicht so sehr culturbeleckren Zeiten und Kreisen, eine Geschichte von romanhaftem Aiistriche und doch wahr bis in alle Einzelheiten. Noch leben der Zeugen viele derselben. Folgendes ist der Inhalt der in Rede stehenden Begebenheit: Vor etwa 30 Jahren lebte in G . . . s ein junger Israelit, Namens K. Er hatte das Schuhmacherhandwerk erlernt, trieb aber Handel und genoß den Ruf eines tüchtigen Handelsmannes. Auch sonst war er unbescholten. Seine Vermögenslage war sehr gut. Zu gleicher Zeit war dort ein junges isr. Mädchen, Tochter wohlhabender und ebenfalls in G . . . . s ansässiger Eltern. Die beiden jungen Leute waren als Kinder eines und desselben Ortes znsammen ausgewachsen. In einem so kleinen Orte begegnen die Menschen sich gar oft einander. Das war wohl mit K. und jenem Mädchen, die beide 1mit bereits in heiratsfähigem Alter standen, auch der Fall, und wenn sie sich begegneten, blieben sie oft zusammen stehen und sprachen mit einander. Was sie mit einander sprachen, mag häufig zärtlichen Inhalts gewesen sein, denn sie liebten einander. In einem so kleinen Orte konnte dieses nicht lange Geheimniß bleiben. Es mochte den beiden Liebenden auch gar nicht um Geheimhaltung zu thun sein; denn sie hatten ernste Absichten, und ihre beiderseitigen äußern Verhältnisse standen sich zienilich gleich. Da traten unerwarteter Weise Umstände ein, welche ein solches Verhättniß für außerhalb desselben Stehenden in der Erzählung „intereffant", in der Wirklichkeit aber für die Betheiligten sehr bitter machen. Eie Ellern des Mädchens waren mit der Neigung ihrer Tochter nicht einverstanden und hatten einen ank!