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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-03-29 · N° 13.14. (29.3.1877) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 13.14. (29.3.1877)
Date
1877-03-29
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Beilage zur Israelitischen Wochenschrift. M 13. 14. Magdeburg, den 29. März 1877. 8. Jahrgang. Feuilleton. Der Letzte Jude. (Fortsetzung.) „Dann niuß ich mich an das bischöfliche Vicariat unl Beistand wenden!" „Thul's getrost, Jäckel; ich lebe deshalb so ruhig als bisher. Habt Ihr Euch betreffs der Trauung nicht auch dahin gewandt? Welches war das Resultat?" „Man ist mir bis heute die Antwort schuldig geblieben." „Run — Ihr seht, daß dergleichen zu nichts führt. Ihr seid in meiner Hand und wenn ich will, bleibt Euer Kind jahrelang ungetauft, ausgenommen, Ihr gebt Euer sicheres Amt auf und wandert aus, wenn Ihr anders die damit verbundenen Schwierigkeiten überwindet. Aber ich weiß, Ihr hängt an Eurer Heimath und werdet Euch nicht so leicht bestimmen lassen, ihr den Rücken zu kehren." „O, Ihr kennt das Menschenherz, Herr Pfarrer, also müßt Ihr auch ein menschlich Herz haben. Ich sehe, es liegt in Eurer Hand, mein Kind zur Taufe zuzulaffen oder davon zurückzuweisen! Ich bitte Euch also nochmals darum, ich flehe Euch an, Herr Pfarrer, tauft mir meiu Kind!" „Ihr kennt meine Bedingung!" „Ich kann sie nicht erfüllen. Gestattet mir, mich an den Geistlichen des Nachbardorfes zu wenden!" „Das Kind gehört in meine Parochie, kein Anderer als ich, darf die heilige Handlung an ihm vollziehen." „So thul's!" „Es ist das Kind einer Lutherischen, einer Ketzerin. Die Kirche hat Euch nicht mit ihr vereinigt, folglich ist sie nicht Euer Weib, und das Kind nicht Euer, sondern ihr Kind, das Kind der Lutherischen darf ich nicht katholisch taufen!" „Herr Pfarrer, ich Hab' in meinem Leben noch vor Niemand geknieet, vor Euch will ich's thun nur meines Kindes willen. Und nun bitte ich Euch nochmals, tauft mir mein Kind. Das Gesetz straft mich, wenn es noch länger ungetauft bleibt!" „Nicht Euch, sondern Marie Hellmann trifft die Strafe. Ihr geht frei aus!" „Also um Ihretwillen übt Toleranz, Herr Pfarrer, ich kann mein Weib nicht in Verzweiflung sehen!" „Euer Weib? Sie ist nicht Euer Weib!" „Treibt mich nicht zur Verzweiflung! sie ist's vor Gott. Und das Kind ist mein Kind:" „Ueberlegt es Euch, Jäckel! Ich Hab' kein ander Wort. Geht, morgen hoffe ich eine andere Sprache von Euch zu hören!" „Ich werde und kann nicht anders reden, als ich's heute gethan!" „So geht; aber Euer Kind bleibt ungetauft!" „Soll ich mein Kind morden! mein Weib ermorden! Wißt Ihr, was Ihr verlangt?" „Daß Ihr sie mordet, — verlange ich nicht!" „Ist es christlich, den Menschen zur Verzweiflung zu treiben?" „Ich übe mein Amt, und das, was ich thue, ist meine Pflicht!" „Nun denn, ich gehe; die Folgen über Euer Haupt!" Er stand auf; das Gesicht war vor Zorn verzerrt, er wandte sich zu der Thür: „Es ist Euer letztes Wort?" fragte er noch einmal mit zitternder Stimme. „Mein letztes", sagte der Pfarrer kalt und ruhig. Jäckel stieß die Thüre mit dem Fuße auf; die Hände geballt stürzte er hinaus. Jetzt hielt der Pfarrer die rechte Zeit für gekommen. „Jäckel," rief er ihm nach, „auf ein Wort!" Ein Hoffnungs- - strahl leuchtete auf de n Gesicht des Verzwe felnden. „Ihr j wollt?" seufzte e. „O, ich wußte es ja, Fhr könnt nicht unmenschlich sein." „Ich habe mch.s versprochen!" sagte der fromme Mann. „Zunächst schwört mir. Alles geheim zu halten, was ich Euch jetzt vertraue." Jäckel schwur; der Pfarrer lud ihn mit einer leichten Handbewegung ein, Platz zu nehmen, was er auch that. „Sagt Jäckel, was geschieht der Marie Hellmann, wenn das Kind nicht getauft wird?" „Sie wird in den Kerker geworfen und schimpflich über die Grenze gejagt!" sagte Jäckel zitternd vor innerer Erregung. „Dies wäre Euch natürlich nicht recht?" „Die Schande überlebte weder Marie noch ich." „Vielleicht giebt es einen Ausweg, Jäckel. Ich helfe gern, wenn es im Bereiche meiner Macht liegt," sagte der Pfarrer mit sanfter Stimme. „Ihr wißt mein Urtheil über die Lutherischen," sagte er weiter, „es sind Ketzer und Verdlmure. aber es sind auch Menschen, die wenigstens den Christennamen tragen, und die Zeit ist sicher nicht fern, wo sie allesammt in den Schooß der heiligen Kirche zurückkehren. Euer Weib ist die einzige Person dieses Glaubens in unferm Flecken. Aber von dem vertriebenen Volke, den Mördern Christi, weilt hier eine große Anzahl. Ihr kennt sie, diese Blutsauger uud Wucherer; es gibt kein größer Verdienst, als sie zu vertreiben und ihr den Christen abgenommenes Gut diesen wieder preiszugeben; sie müssen mit Gewalt in die Arme des Christenthums getrieben werden. Wie viel Unheil haben nicht schon die Juden angerichtet? Woher komint es, daß sie täglich reicher werden, während die Christen verarmen? fragt Euch nur selbst! Die Regierung schützt sie — aber nur zum Schein — denn sie fühlt die drückende Last des Jndenvolkes bitter. Sie drückt aber auch ein Auge zu, wenn einmal den Juden — zurückbezahlt wird, was sie den Christen gethan. Das Volk muß dem Christenthum — gleichviel durch welches Mittel — zugeführt werden, oder... Ein Vorwand ist bald gefunden. Es ift einfro m m e s Werk, Jäckel, und überdies die Summe, welche die Blutsauger zusammengeraubt, haltet Ihr es für Unrecht, sie der christlichen Bevölkerung zurückzugeben? Die That braucht jedoch einen M a n n, — auf Unterstützung der Bevölkerung könnt Ihr zählen, ich habe in meinen Predigten schon dafür gesorgt — Jäckel, ich bedarf Eurer Hülfe; Euer Kind ist getauft, sobald Ihr —" „Herr Pfarrer!" stammelte Jäckel, „was sagt Ihr, ich soll —" „Ich frage, ob Ihr wollt und nichts weiter." „Aber mein Gewiffen! Welcher Frevel!" „Ihr habt Vergebung im Voraus! Euer Kind — Sagt, ob Ihr wollt, oder geht. Bedenkt aber wohl, was der Marie Hellmann bevorsteht, wenn Ihr „nein" sagl." Jäckel rang sichtlich mit sich, auch er liebte die Juden nicht, aber es widerstrebte ihm, unschuldige Menschen wie ein Räuber zu überfallen Das ohnehin verwilderte Gesicht hatte einen wahrhaft dämonischen Ausdruck angenommen „Ich-will!" stieß er endlich hervor. „Was soll's?" „So hört! In der St. Hedwigskirche ist diese Nacht eingebrochen worden; die Juden waren es; der Sohn des Juden Lämchen und mehrere Andere sind dabei gesehen worden!" Er flüsterte noch einige Worte in des Betäubten Ohr, drückte ihm eine silberne Monstranz in die Hände und drängte den Betäubten zum Aufbruch. „Morgen taufe ich Euer Kind," sagte er noch, „aber heute noch muß Alles geschehen!" Jäckel stürzte fort; eine Stunde später wälzte sich eine I erregte Menschenmenge, an ihrer Spitze Jäckel und noch sechs wilde Gesellen nach dem Hause des Juden Lämchen.

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