Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 13.14. (29.3.1877)
- Date
- 1877-03-29
- Page
- Seite 106 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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vom 14. Sept. 1876 (zum Jahreswechssel) und das Januarheft des sog. Centralblattes vor, aber sie reichen vollständig zur Kennzeichnung des Mannes aus. Nachdem er in ersterem einige Berschen an der Spitze gesetzt, ebenso „brechlich und schwächlich, wankend und schwankend" wie das Lebensschifflein, das sie ansingen — nachdem er in der Abonnements Einladung ein Mal die Tendenz des Unternehmens auseinandergesetzt und goldne Berge versprochen, — nachdem er dies zum zweiten Male in einem Artikel „Was wir wollen" gethan und hierbei nianches Schöne und Gute, namentlich einen Kampf gegen die Invasion des russisch-polnischen Bettlerthums verheißen hat, — nachdem er alsdann noch einige „Stimmen über unsere Zeitung" (d. h. die in mehreren Zeitungen inserirten „Reclamen") zusammengestellt, — schreibt er zum dritten Male über Zweck und Ziel des Blattes einen Artikel, der, weil die Wiederholung doch zu auffallend ist, es sich gefallen lassen muß, in die Spalten des Feuilletons eingezwängt 311 werden, wenn er auch seinem Inhalte nach überall hin eher als in dieses gehört. Derselbe beginnt: „Wieder nimmt ein Jahr von uns Abschied, das über die Erde ging mit dröhnendem Schalle, ein Jahr bedeutungsvoll für die Politik, bedeutungsvoll für den Kampf zwischen Staat und Kirche, bedeutungsvoll für das Judenthum, ein Jahr, wo das Wesen des mächtig treibenden und schaffenden Gottesgeistes sich auch den Stumpfesten und Sorglosesten fühlbar macht e. Ein Jahr bedeutungsvoll für die Politik, denn allem Anscheine nach bereiten sich große Dinge vor, ja mehr als das, schon spielt sich ein Kriegsdrama ab, dessen Bedeutung für die Gestaltung der Geschichte und Kultur gar nicht abzusehen ist, der Schluß des Jahres redet zu uns mit dem ehernen Munde der Kriegstrompete, mit dem mächtigen Donner der Geschütze." — Als wir diese Worte lasen, mußten wir verwundert ausrufen: Wie, „das Bischen Herzegowina" und der Aufstand des kleinen Serbien und Montenegro — ist das denn wirklich so schlimm! „Der dröhnende Schall, der eherne Mund der Kriegstrompete, der mächtige Donner der Geschütze" es war uns, als wenn dieses nach einem Jahre, wie 1866, oder 1870 geschrieben wäre — und richtig, es sind auch die auf den Krieg bezüglichen Bemerkungen fämmtlich nach dem Kriegsjahr 1866 geschrieben; nur war der Schreiber nicht l)r. Schreiber in Elbing, sondern vr. Joel in Breslau. Man lese die ersten Sätze einer Neujahrspredigt für 5627 in den Festpredigten von vr. M. Joel p 97: Ein Jahr nimmt von uns Abschied, das über die Erde ging mit dröhnenden Schalle, ein Jahr ereignißreich und folgenreich wie nur wenige, ein Jahr, das seine Schrecken warf auch in die Brust der Beherzten, . . . . ein Jahr, wo das Wehen des Gottesgeistes sich fühlbar machte auch den Stump festen und Sorglosesten unter uns Wenn schon sonst der Augenblick, der als die Grenzscheide zweier Jahre uns den Rückblick aus das Erlebte vorschreibt, reich ist an Erinnerungen der manigfaltigsten Art; . ... wie sollen wir Herr werden der Stunde, die ein Jahr abschließt, das zu uns geredet mit dem ehernen Munde der Kriegstrompete . .?" Man sieht, der Mann verstehBs, auf die Weise kann man schon jede Woche einen Bogen zusammenbringen. Nach diesen selbstverständlich nicht schlecht ftilisirten Sätzen, bei denen nur aus dem „Wehen" ein „Wesen" geworden, folgt eine ganze gleichfalls nicht schlecht stiliarte Spalte über den Kulturkampf und dann doch etwas über die Juden speziell, das im Stile einen merkwürdigen Abstand von dem Früheren bekundet. Außerdem erhält die Probenummer eine Erzählung „Der gute Jüd," einen Bericht über die berliner Hochschule mit Erwähnung der Studirenden, dir sich bereits in fester Lebensstellung befinden — selbstverständlich läßt Herr vr. S. feine werthe Persönlichkeit durch gesperrte Lettern hervortreten — einen auch in der Boff. Zeitung abgedruckten Nekrolog auf vr. Leberecht, dann zwei > kleine anderen jüd. Blättern entnommene Notizen und endlich! eine Notiz über die Rabbinerwahl in Marburg (Hessen), letztere vom Redacteur selbst herrührend, — aber sie ist auch danach. Es heißt nämlich hier wörtlich: „Herr Professor vr. Cohen, Doceut der Philisophie an der hiesigen Universität, wurde vom Herzoge beauftragt, sein Gutachten über die Fähigkeiten der Candidaten abzugeben." Herr Schreiber hätte doch wenigstens aus der Ueberschrift der von ihm benutzten Joelschen Rede ersehen sollen, daß es ein Kriegsjahr 1866 gegeben hat, und weitere Erkundigungen hätten ihn darauf führen müssen, daß das Hessen, zu welchem die Universitätstadt Marburg gehört, von Preußen annektirt worden sei. Es wäre ihm auch nicht schwer gewesen, von irgend einem seiner Religionsschüler es herauszubringen, daß die nunmehrige Provinz Hessen auch früher kein Herzogthum, sondern ein Chur f ü r st e n thum gewesen!-Doch genug hiervon. Wir unterlassen es, aus das Jüd. Centralblatt näher einzugehen und bemerken nur, daß die Unversrorenheit, mit der Herr vr. S. in seiner Kompilation „Ueber die Berechtigung zur Reform der Gebete" das traditionelle Jnoenthum beschimpft und die hervorragendsten Männer der Wissenschaft begeifert, uns einzig und allein zur Besprechung der Probenummern bewogen hat. Zum Schlüsse möchten wir nur dem Herrn Schreiber die Frage vorlegen, weshalb er denn für sein Feuilleton den Stoff aus dem längst trivial und alltäglich gewordenen Chassidimleben entlehnt hat. Piquanter und anziehender wäre es doch sicherlich gewesen, wenn er statt des Aufsatzes „Der gute Jüd. Wahre Erzählung von vr. Schreiber" lieber seine eigene Vergangenheit dargestellt hätte unter dem ähnlichen Titel: „Ein schöner Jüd. Die wahre Geschichte von vr. Schreiber." (Nachdem ich seit Monaten mehrere eingesendete, gegen das Schreiberffche Blatt gerichtete Artikel zurückgelegt und von ververschiedenen Seiten darüber Tadel hingenoinmen hatte, daß die „Jsr. Wach." zu dem Treiben des „Gemeindeblattes" schweige, gebe ich Vorstehendes zum Abdruck. Mit Widerstreben! Dies gilt weniger dem Blatte, welches ich nur 2—3mal gesehen, sondern der Person. — Die oben erzählte Geschichte, wahr wie sie ist, ist aber noch das Geringste — Bouillon befleckt an sich noch nicht den Character. Aber wer damals die Ausflüchte und Winkelzüge angehört hatte, (unter anderm sollte ich glauben, daß Schr. am Lrew Rosch haschono faste, unterwegs schwach geworden sei rc.) bis dann das Geständniß erschien, daß ec allerdings sich nicht an die Speisegesetze gebunden erachte — wer weiter Einiges über die Führung des Bretresfenden, als Hauslehrer in T, erfahren hat, was jedenfalls für einen Rabbiner nicht paßt — wer da weiß, daß Schr. im vor. Sommer einem würdigen Manne von hier, der ihn in Elb. traf, rundweg ableugneke, daß er je in Stettin gewesen sei — der begreift sowohl mein früheres Widerstreben, wie die Erklärung, daß ich auf nunmehr etwa weiter erfolgende Polemik nicht eingehen werde. Faktisch zu berichtigen ist an dem Vorstehenden nichts. Red.) Oesterreich. Wien, 16. März. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses beantwortete Minister-Präsident Fürst Au - ersperg eine Interpellation in Betreff der rumänischen Juden folgendermaßen: die Herren Abgeordneten vr. Promber und Genossen haben in der Sitzung vom 20. v. M. eine Interpellation an mich gerichtet, welche die Ausweisung österreichischer Staatsangehöriger israelitischer Confession aus Rumänien zum Gegenstände hat. Ich habe die Ehre, Folgendes zu erwidern: Die Vorfälle, auf welche die Interpellation sich bezieht, haben die volle Aufmerksamkeit der Regierung auf sich gezogen. Schon auf die erste Anzeige hat das Ministerium des Aeußern zum Schutze der österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen und zur Wahrung unserer Vertragsrechte die geeigneten Verfügungen getroffen. Die über diese Vorfälle auf das sorgfältigste eingeholten Erkundigungen ergaben, daß die Nachrichten, welche darüber in die Oeffentlichkeit gelangten, zwar nicht frei von Uebertreibungen waren, im