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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-03-29 · N° 13.14. (29.3.1877) · p. Seite 105

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 13.14. (29.3.1877)
Date
1877-03-29
Page
Seite 105 (sequence 5)
Language
German
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105 — neu Genossen nach Prag gebracht. Durch einflußreiche Vermittelung wurden sie gnaden voll ans ein Jahr zur Straßenreinigung in Eisen verurtheilt. Die anfgefangenen Ex. wurden mit noch vielen anderen hebräischen Werken, nach denen die Jesuiten suchten, an dem Pranger verbrannt. Bon allen Seiten wurde nun darauf hingearbeitet, eine, neue Talmudausgabe zu ermöglichen. Das Consistorium, an das man sich wendete, fragte hierüber den berichtigten Censor Hasselbauer, auf welche Weise die Druckerlaubniß gegeben werden konnte, und auf dessen Erwiderung wurde solche ertheilt, unter der Bedingung, daß die von dem Censurkollegium bezeichnten verfänglichen Stellen ausgemerzt wurden. Die Prager Juden wählten nun einige Gelehrte, um hierüber mit den Sensoren zu berathen, mtb wenn möglich, die verpönten agadischen Stellen zu vertheidigen. Nachdem eine Bereinigung zu Stande gekommen war, wurde das Verzeichnis der auszumerzenden Stellen im Traktat Berachot dem Rabbinatscollegium zur Genehmigung vorgelegt, und nach mehreren Verathungen hat dasselbe seinen Consens gegeben, mit dein Vorbehalt, daß derselbe nur für Berachot und Seraim ertheilt fei. Auf Verlangen einiger Gemeindevorsteher rechtfertigte das Rabbinat seine Zustimmung zu dieser Verstümmelung in einem ausführlichen Gutachten. Alls diesem Schriftstück geht mit Sicherheit hervor, daß die Verdächtigung des R. Jak. Emden, dem die Gegner von R. Jonath. Eibenschütz und auch Rabbinowitz nachgeschriebeil haben, unbegründet ist;*) ebenso ist auch die Angabe von Emden, daß die Frankfurter Gemeinde es sich 100,000 Gulden kosten ließ, um die Prager Ausgabe vom Kaiser verbreiten zu lassen, unwahr; der obenerwähnte Proceß wegen der Bücherconfiscation, der in der That der Frankfurter Gemeinde immenses Geld gekostet hat, mag wohl dieses Quiproquo verursacht haben. Daß Eibenfchütz nicht Verfasser dieses Schriftstückes ist, geht daraus hervor, daß der Schreiber den Rabbiner Abr. Brod seinen Lehrer nennt, und der Prager Rabbiner Eiben - schütz gar nicht mit Namen genannt wird. Königsberg. Die vom R ibbiner Dr. B a m b e r g e r a»l Sorge Job. Jacoby's gehaltene Rede ift in der , K. Hart. Z." vollständig abgedruckt. Es ist wohl noch kein yiabbinir in dem Falle gewesen, in verhällnißwäßig kllrzer Frist nacheinander zwei Männern wie Kofch und Jacoby Leichenreden zu halle», Reden, lei deireil in so hohem Grade die gespannte Aufmerksamkeit intelligentester und urtheilfähigfier nicht-jüdischer Kreise den Worten folgen mußte, bei denen der Redner wissen konnte, daß sein Vortrag well über die Grenzeil der Stadl hinaus, ja im ganzeil Vater lande beachtet uiid beuitheilt werden müsse Dazu kain in beiden Fällen die nicht leichte Ausgabe, einestheils der jüdischen Rede und dem Judenthilm nichts zil vergeben, ihnen das Ihrige zu gewähren, anderentheils die nicht'jüdische Zuhörerschaft, die ja nach Qualität und Quantität hier überiviegen mußte, durch Poinliren des confissionellen und prunkendes Reclanliren des Juden in denl Verftorbeilen nicht zu verletzen. Auf Grund des gedruckten Vortrags erkennen wir gern an, daß Herr Dr. Bamberger diesmal, wie s. Z. an der Leiche Kosch's, sich in glänzender Weife feiner Aufgabe entledigt hat. *j Sieh« Grätz X, 390, woselbst die hier angedeutete, allerdings gar schmähliche Verdächtigung erivähnt ist. — Hr. Rabbinowitz hat diese aber nicht reproducirt! sondern nur die Geschichte von den 100,000 Ex. ermähnt. Daß R. Jon. Eib. der Hauptwortführer und Bertheidiger des Talmud gegenüber dem Censur-Collegium gewesen ist, geht aus dessen Vorrede zu '272 (citirt bei Rabbin.) klar hervor. Derselbe hat der Prager Ausgabe apologetische Erklärungen zu einigen Agada's angehängt, von denen bei Rabbin. S. 100 einige mitgerheilt werden. Die über JTpTnS KD2 IKDH ist ganz kostbar, man kann sie wohl geradezu als nfhtf bezeichnen. Somit hat auch diese sonst in unerhörter Weise verstümmelte Prager Ausgabe ihren Werth. Das oben erwähnte hebr. Schreiben verdiente abgedruckt zu werden; Wochenschr. und Literaturbl. sind leider auf Mittheilung größerer hebr. Schriftstücke nicht eingerichtet (Red) Den Zeitungsberichten und Privatnachrichten zufolge hat die Rede auch ganz ungetheilten Beifall gefunden. Daß der Vorstand der Syn.-Gemeinde seinem sehr vernünftigen Beschlüsse, keinen Redner weiter zum Worte zuzulassen, nicht auch die Ausführung gesichert hat, ist einigermaßen zu bedauern. Es haben noch viele gesprochen, wie aus den Zeitungen bekannt geworden ist, und es ist dabei auch manches — Ungewaschene zu Tage gekommen. Als non plus ultra von Taktlosigkeit wird uns gemeldet, daß ein Sprecher Jacoby mit Jesus in seinem Kampfe gegen die Pharisäer verglichen hat. Doch wozu dabei verweilen, wir schließen lieber mit den Eingangsworten der Bamberger'schen Rede: „Es sterben die Könige und lassen die Krone ihren Söhnen; es sterben die Reichen und lassen ihre Schätze den Kindern; dieser Weise ist gestorben und hat seinen ganzen Schatz mit sich genommen — und hat uns zuruckgelassen." G Aus Weftpreußen, im März. (Or.-Corr.) Der Charlatanismus blüht wohl auf keinem Gebiete mehr, wie auf dem jüdisch-religiösen. Solange er fich in engen Grenzen hält, etwa nur einer einzelnen Gemeinde Sand in die Augen streut, mögen diejenigen mit ihm fertig zu werden suchen, die mit ihm in unmittelbare Berührung kommen. Wenn er aber in eine größere Oeffentlichkeit tritt, wenn vereint mit Geringschätzung der positiven Religion geistige Unreife in den bewegenden Fragen des Judenthums das große Wort führen und die öffentliche Meinung beeinflussen will, dann muß die Nachsicht aufhören, dann ist es Zeit, den Humbug zu entlarven und ihn in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Vor wenigen Jahren hat eine Skandalgeschichte, welche sich in Stettin zugetragen, in der jüdischen Welt nicht geringes Aufsehen gemacht. Der dortige Vorstand halte einen jungen Theologen mit der Abhaltung von Predigten an den hohen Festtagen in einem damals neben der Synagoge eingerichteten Betlokale beauftragt. Als er am Neujahrsfeste seinen Vortrag hielt, erkannte in ihm einer seiner Zuhörer eine Person wieder, welche aus der Fahrt nach Stettin in der (natürlich christlichen) Restauration eines Bahnhofs Bouillon getrunken hatte. Die unausbleibliche Folge war, daß der Vorstand nach stattgehabter Untersuchung ihn von der Fortsetzung seiner Predigten dispensirte und noch vor dem Versöhnungsfeste entließ. Man sollte nuu meinen, daß dieser gezwungenen Verabschiedung der freiwillige Abschied von der ganzen Rabbiner-Carriere gefolgt wäre Denn mag es auch in Amerika trefe - bouillontrinkende Rabbiner geben, in Deutschland ist für solche auch in den radikalsten Gemeinden, abgesehen von der Reformgemeinde in Berlin, kein Raum. Gleichwohl ist im vorigen Jahre jener Prediger bouillonieligen Angedenkens als Rabbiner Dr. Emanuel Schreiber in Elbing und dazu noch als Redacteur des „Israelitischen Gemeindeblattes" und des „Jüdisch-Literarischen Centralbtaties" wieder aufgetaucht. Was wird das Publikum über einen solchen Rabbiner und Redacteur denken? Alle Parteien werden ohne Zweifel darüber einig sein, daß ein Mensch von solcher Vergangenheit weder zum Vertreter der Interessen des orthodoxen, noch der des freisinnigen Judenthums, sondern höchstens zum Vertreter der Interessen des Judenthums eines Holdheim, für den er auch in seinem Ceutralblatte (Januarheft p. 12) eine Lanze bricht, berufen sei. Aber Herr Dr. S. will vielleicht eben Pionier des höchsten Fortschritts sein und sieht sich am Ende n'tr den Träger einer weltgeschichtlichen Mission an, der darin bestände, den amerikanischen Radikalismus auf europäischen Boden zu verpflanzen. Vielleicht findet er auch bei uns zu Lande Fanatiker des Unglaubens, bei denen eine solche öffentliche Verhöhnung der Speisegesetze als eine Empfehlung für einen Rabbiner gilt. Aber das Eine werden doch auch diese verlangen, daß der Herausgeber eines Blattes Aufsätze schreiben könne, ohne aus anderen Schriften die Sätze zu entlehnen und daß er in den Elementarkenntnissen wenigstens so weit unterrichtet sei, um sich nicht vor Quintanern eine Blöße zu geben. Wie sieht es aber mit diesem Herrn aus? Uns liegt freilich nur die Probenummer des Israel. Gemeindeblattes

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