Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 13.14. (29.3.1877)
- Date
- 1877-03-29
- Page
- Seite 104 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 104 — Aber den herbsten Verlust erleidet die hiesige jüdische Gemeinde und die Gesamnilbeil der deutschen Judenbeit. Eine seltene g e i st i g -p r a k l i s ch und o p s e r w i l l i g e g e d i egene Vollkraft des unausgesetzten Wirkens für die hies. Geineinde nicht nur, sondern auch für die Einheit und F e st i g k e i t der g e s a n> in t e n i s r a e l Gemeinden des Deutschen Vaterlandes ging nun vorloren. Bekanntlich ist die Schöpfung und rüstige Organisirung des deutsch-israelitischen Gemeindebnndes das ausschließliche Werk Kohner's, und durch die mit großer Mühe und Anstrengung neugeschaffenen wohtlhätigen Institutionen in und mit diesen: großen Bunde hat sich K. ein ehrenhaftes großes Verdienst um die Juden und das Judenthn.n erworben und damit sich ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Nun bleibt die schwer zu beantwortende Frage: wer wird dieses seltene schöpierlsche und organisatorische Talent im Gemeindebnnde ersetzen? Ein „jüdischer Kanzler", wie der sel. Pros. Julius Fürst den würdigen Kohner nannte, bleibt immer eine ungewö h nliche Erscheinung, und ein paffender Nachfolger eines solchen kaum auffindbar! — 'n'3'2£'yn (lieber die Beeroigung die Freitag Nachmittag stattfand, in nächster Nr.) F.M. Frankfurt a /M. Vor einiger Zeit brachten verschiedene Blätter einen Bericht über eine angebliche Verhandlung der Coilferenz zu Constantinopel über die rumänische Judensrage; die Aeußerungen der verschiedenen Bevollmächtigten w.neu auszüglich angegeben. Es gehörte ein lehr naives Gemüth dazu, um den Bericht ernst zu nehmen. Abgesehen davon, daß die Conserenz notorisch gar nicht zu irgend einer Discussion über die Juden in Numänien gekoinmen war, trug der Bericht auch deutlich genug den Stempel der Erftadang, er mar ziemlich im Tone der „Parlaments-Sitzungsberichte" der „Wespeii" gehalten. Nachher brachte auch „Univ Jsr." eine Uebersetzung des Berichts, wie wir gern glauben, nur als Witz, besserer oder schlechterer Art. Ein Hr. I. K. in Frarikfurt fühlte sich jedoch benlüssigt, die Geschichte im Univ. Jsr. dem Reichskanzler einzusenden und anzusragen, ob der deutsche Gesandte sich wirklich so, wie da angegeben, über die Judeii geäußert habe. Es ist gewiß sehr anerkennenswerth — und nur darum nehmen wir von der ganzen Affaire Notiz — baß das Reichskanzleramt schleunigst dem Fragesteller geantwortet und ihm erklärt hat, daß der ganze Bericht erfunden sei. Das Schreiben ist vom Staats-Munster o. Bülow unterzeichnet und im „Univ. Jsr." mitgerhests. *) Frankfurt a M, 17 Mürz. (Or.-Corr.) Austrittler und kein Ende! Wenn aber die Maulwürfe von ihrer vergeblichen Arbeit, d>e Mauer des Gemeinde-Verbandes zu unterwühlen, nicht abstehen, so muß die „Wochenschrift" noch einige Zeit ihre Spalten dem Resereiiten zur Verfügung stellen. Ein Austrittler I. Billmann aus Bayern ersuchte brieflich den Rabb. Baniberger zu Würzburg, ihm seine Ansicht über den Austritt mitzutheilen. Dieser, von der Sachlage nicht genau unterrichtet, beantwortete die Anfrage im Hirsch'scheu Sinne. Hieraus schrieo sofort Herr Rooß, Schwiegersohn von Hirsch, an den Rabbiner Bamberger, er möge doch auf seine Kosten hierher reisen und versuchen, den Leiter der Opposition, Herrn M. Mainz, durch seine gewichtige Stimme von der sündigen Opposition gegen den Austritt abzuwenden. Rabb. B. reiste auch hierher und besuchte sofort den ihm als *) Wir nehmen hier Veranlassung, der Reclamation des „Univ. Jsr." im jüngsten Hefte zu entsprechen und zu bemerken, daß der Schluß des ArtrkAs Paris in unsere Nr. 9, welcher besagt, daß die Israeliten und die Liberalen sich von der offiziellen Erklärung der Vorgänge bei Beerdigung des sel. Alkan nicht befriedigt fühlen, wenn jene auch formell correct sei, nicht aus dem „Univ. Jsr.* entnommen ist. Wir hatten diese Bemerkung anderswoher geschöpft. Die Citirung des „Univ. Jsr." bezieht sich nur auf das Vor gehende und hätte daher vor der drittletzten Zeile stehen müssen. Wir werden in Zukunft vorsichtiger sein und uns hüten, den Hrn. Redacteur des „Univ. Jsr." in den Verdacht zu bringen, daß er auch nur mit dem Schatten eines Gedankens eine That oder eine Unterlassung seiner Regierung bemängeln würde — dafür ist er wieder seinerseits doch ein Alt-Liberaler, und er wird daher uns für unsre Gedanken über eine Erktärung der Leute Mr. Mac Mahon auch Zollsreiheit gestatten. Lamdan bekannten Herrn Mainz; der aber den Rabb. B. durch die Darstellung, daß es gerade religiöse Pflicht sei, bei der Gemeinde zu verbleiben, weil nunme .r die Erbauung eines neues Frauenbades, einer neuen Synagoge und noch andere Zugeständuiffe in sichere Aussich: gestellt seien, und somit eine große Anzahl von Gemeindemitgliedern, die nicht der Rel.-Gesellschfft beigetreten sind, den Orthodoxen erhalten bleiben, so nmstimmte, daß er sagte, Herr Mainz habe durch seine Opposition inekadesch haschen, gewesen; er halte jedoch den Austritt für keinen J'stur! Sprach's und reiste sofort ohne Hirsch, Roos und Eons, gesprochen zu haben, wieder nach Haus. K. Frankfurt a.fM, 1. März. (Or.-Corr.) In der vortrefflichen Abhandlung über sämmtliche Talmud-Ausgaben*) von Robbinowitz drückt den Berf. S. 93 seine Verwunderung darüber aus, daß der Frankfurter Rabbiner Abr. Brod (gest. 1717s zu der amsterdamer Ausgabe (1714) keinen Cousens gegeben habe. Die Ursache ist aus dein Inhalt zweier Briefe zu entnehmen, die im hiestgeu Gemeind,e-Archiv sich befunden haben — die nun aber mit noch vielen andern S ch r i f t st ü ck e n a b h a n d e n gekommen sin d. Ein Brief von 1715 ist vom Hofprediger Jablonsky in Berlin in hebr. Zuschrift an die Baumeister und an den Rabb. Brod gerichtet. „Wie verlautet — schreibt er — solle in Amsterdam der Talmud mit dem rabbinischen Cousens gedruckt werden, was aber eine Verletzung der kaiserl. Privilegien sei, die Gottschalk in Frankfurt a. O. erhalten habe; er ersuche daher die Baumeister den Rabbiner zu veranlassen dieses, zu redressiren. damit Gottschalk klaglos gestellt werde." Ein zweites Schreiben in hebr. Sprache von Berlin (Unterschrift unleserlich), von gleich.'m Inhalt an Rabb. Brod fügt noch bei, „daß es sehr nothwendig sei, sich Gottschalk gefällig zu erweisen, da in seiner Offizin gegenwärtig eine Vertheidigungsschrist gegen die von einen getauften Juden erhobene Anklage wegen Kindermord's „bei Cleve" gedruckt werden solle" Diese Schrift ist höchst wahrscheinlich das im hiesigen Archiv befindliche Gutachten von Jablonsky über die Frage, ob die Juden zu ihren Religionsgebräu Heu Christenblut bedürfen. Dieses Gutachten wurde hervorgeruien, als ein getaufter Jude. Israel Saxel, 1715 die Juden in Nynwegen beschuldigte, daß sie ein Kind in der Synagoge ermordet hätten. Der Druck dieses Gutachtens scheint unterblieben zu sein. In der Beschreibung der Frankfurter Talmud Ausgabe hat Robbinowitz nicht erwähnt, daß 1727 von der kais. Bücher-Commisuon die Traktate Berachoth und Aboda Sara mit noch andern bei Kellner edirten Werken absignirt und erst 1752 frei gegeben wurden, worüber im „Jüd. Literaturblatt" (1875) aktenmäßig berichtet worden ist. Von allen diesen Schriftstücken sind aber nur noch einige Uni.ersitäts - Grnachten und das nachfolgende Schriftstück vorhanden. So wird in einer intelligenten Gemeinde mit altjüdifcheu geschichtlichen Urkunden umgegangen!! Ueber die verstümmelte Ausgabe des Traktats Berachoth (S. 99 der Abhandl. von Rabdinow.) hat der Herausgeber desselben eine sehr interessanten Vertheidigungsschrist geschrieben, die, ohne Unterschrift und Datum, uns vorliegt. Der Vers, beschreibt ganz historisch die Talmudverfolguugen, Conftskationen und Verbrennungen in den kaiserlichen Ländern durch die Anstiftung der Jesuiten Um dem außerordentlichen Mangel an Talmud-Exemplaren abzuhelsen, schreibt der Vers., wollten die Prager Judeu dem Prof Jablonsky 309 Exempl. seiner Edition abkausen, wenn er die unbehinderte Einführung erwirken wolle, und bei der Anwesenheit des Kaisers in Prag baten sie Jablonsky, auf ihre Kosten zu diesem Zwecke nach Prag zu reisen. Als Jablonsky sich hieraus nicht einließ, versuchte der Buchhändler Isaak aus Nikolsburg 8 Expl. durch p’WiKn 'tWK (?) einzuschmuggelu; an der Grenze wurden sie aber weggenommen und der Buchhändler mit sei- *) Diese Abhandlung wird auch separat verkauft. (Red.)