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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-03-22 · N° 12. (22.3.1877) · p. Seite 99

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 12. (22.3.1877)
Date
1877-03-22
Page
Seite 99 (sequence 7)
Language
German
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■ -ii — 99 — das Christenthum doch noch für die bessere Religion erkennen. Das Ehristenlhum wird gewiß noch einmal alle Menschen unter seinem Banner vereinigen." „Doch nicht das Christenthum von beute!" sagte Lämchen bestimmt. „Auch dieses müßte dann sicher noch einer ganz gewaltigen Umgestaltung entgegengehen. Die Aufklärung aber kommt erst allmählich. Gleich wie die Morgenröthe den heißen Gluthen der Mittagssonne vorausgeht, so schreitet auch die Bildung nach und nach ihrem höchsten Punkte zu, aber wer kann Nachweisen, ob nicht abermals ein Rückfall in Aberglauben und Finsterniß bevorsteht. Die Sonne, Die bis zu ihrem höchsten Punkte gelangt, sinkt wieder hinab, Griechen und Römer sind von der Höhe der Bildung und des Ruhmes in den Sumpf und Morast der Unbildung zurückgesunken, warum sollte gerade hier eine Unmöglichkeit vorliegen, daß ein Gleiches geschähe. Doch jubeln wir der Aufklärung nur frei zu, ob Jude, ob Christ, ob Heide! Zurückhalten läßt sie sich, auch zurückwerfen, aber sie schreitet stets auf's Reue vorwärts und einmal muß sie doch den Sieg erringen. Das Ziel, das sie auf religiösem Pfade erreichen kann, das wird aber doch nur die wahre Menschenliebe sein. — Doch ich ereifere mich, mein Schoppen ist zu Ende, mich erwarteir Geschäfte, ich muß gehen." „Hab' ichs nicht gesagt," schrie Jäckel höhnisch. „Welcher ehrliche Manu braucht die Nacht zu seinen Geschäften?" „Schweigt, Jäckel!" sagte Pickmus, „oder Ihr bekommt es mit nlir zu thun!" „Laßt ihn," beschwichtigte Lämchen. „Bissigen Hunden geht man aus dem Wege! Also guten Abend!" Und damit schritt er stolz zur Thür hinaus. Alle riefen ihm einen freundlichen Gruß nach; nur Jäckel ballte die Faust: „Wart' Jude, das will ich Dir lohnen!" stieß er hastig hervor, und lehnte sich abermals in seine Ecke zurück. „Das ist ein Mann, wie ich ihn liebe!" sagte Pickmus freudig. „Wenil alle Juden wären wie er, weiß Gott — sie wären mir lieber, als mancher Christ." „Das muß man ihm lassen," bestätigte Köning, „ein freisinniger und gebildeter Mann. Ich höre ihn zu gern über dergleichen Dinge sprechen. Doch wo bleibt denn der Herr Pfarrer heule?" „Der wird's heute wohl bleiben lassen, herzukommen!" lachte Pickmus. Jäckel warf ihm einen Zornesblick zu, nahm aber schweigend seinen Hut von der Wand und ging. „Er geht zum Pfarrer!" rief Pickmus, „das steht uiiwiederruslich fest, um ihm Nachricht zu bringen über Alles, was hier gesprochen wurde!" Die Stammtisch-Gäste berichtigten ihre Zeche und begaben sich nach Hause. Fünftes C a p i t e l. In welchem Verhältniß stand Jäckel zum Pfarrer. Warum wurde er während Lämchens letzter Rede im Gasthofe zum „Adler" so bleich wie einer, der kein gutes Gewissen hat? Er halte fteberhaft auf jedes seiner Worte gelauscht, als fürchtete er irgend eine Entdeckung, die Mittheilung einer That, die lieber verborgen bleiben sollte; besonders als Lämchen von den Vorurtheilen und falschen Anschuldigungen sprach, von denen er selbst und seine eigene Familie so schwer betroffen worden. Zum Verständlich des Ganzen müssen wir den Schleier von ernem Geheimniß ziehen, dessen Fäden etwa 18—20 Jahre vor jenem Gespräch im „Adler" gesponnen worden und zwar in des Pfarrers Studierstube. Es war am Sonnabend vor Ostern des Jahres 185. ., als in der neunten Morgenstunde der Stadtschreiber Jäckel, eine kleine knochige Gestalt mit verwildertem Gesichtsausdruck die breiten Stufen des Pfarrhauses hinauf und nach der Expedition des Pfarrers schritt. Derselbe lehnte behaglich in seinem Arbeitsstuhl und sah dem Ankommenden freundlich entgegen. „Was bringt Ihr, Jäckel?" sagte er schlau lächelnd. „Wir haben uns, dünkt mir, seit lange nicht gesehen!" „Seit einem Jahre wohl, Hochwürden!" »Ja, ja, jetzt erinnere ich mich, es war eine unglückliche Geschichte, Jäckel," sagte der Pfarrer nachdenklich, „deren Verwerfliches ich Euch nur aufs Reue zu Gemüthe führen kann. Was verlangtet Ihr noch damals von mir?" „Ich bat Euch, die kirchliche Trauung an mir und der Maria Hellmann zu vollziehen. Ich habe damals vor Euch auf den Knien gelegen, habe Euch darum angefleht, denn ich hatte sie von Herzen lieb und liebe sie noch, obgleich sie eine Lutherische ist, eine Ketzerin, wie Ihr sagt; Ihr aber habt mir geflucht und mit der Hölle gedroht, nnd als ich Euch gesagt, daß es sicher nicht Gottes Wille sei, die Menschen um des Glaubens willen elend zu sehen, da habt Ihr mich wie einen Hund hinausgestoßeu und mir nur unter einer Bedingung die Wiederkehr offen gehalten." „Und die war?" „Daß die Maria Hellmann ihren Glauben verleugne und römisch werde. Aber ich habe die Zumuthung gegen mein Weib für eine Sünde gehalten und hab's ihr kaum zu sagen getraut, denn ich wußte, daß sie nicht von ihrem Glauben laffe — und ich Hab' sie auch nur darin bestärken können!" „Welch gottloser Wahn, Jäckel! Könnt Ihr Euch nicht von diesen sündlichen Ansichten entfernen?" „Sündlich!" „Nun wohl Herr Pfarrer! Aber trotzdem habt Ihr mich bis heule mit ihr hausen lassen?" „Weil Eure Verzweiflung mich rührte, Jäckel, und ich immer noch hoffte. Euch besseren Geoanken in die Arme zu führen. Aber was bringt Ihr mir heute? Seid Ihr am Eitde doch zu besseren, bußfertigen Ansichten gekommen?" „Ich kann Euch leider kein „Ja" entgegenbringen. Mein Zweck war, Euch zu bitten, mein Kind zu taufen!" „Euer Kind? Doch nicht das Kind der Maria Hellmann?" t-- „Mein Kind, Herr Pfarrer, ist selbstverständlich auch ihr Kind!" „Ihr mußtet Euch doch wohl sagen, daß ich das Kind nicht eher taufen w.rde, als bis die Mutter in den Schooß unserer alleinseligmachenden Kirche Übertritt. So lange mag Euer Kind ein Heide bleiben, es ist meine Pflicht und weder Bitten noch Drohungen werden mich zu einem anderen Entschlüsse bringen!" „Ist das die christliche Liebe, die Ihr immer und immer wieder predigt?" „Such' ich mein Wohl, Jäckel? Such' ich nicht das Seelenheil derjenigen, die Ihr Euer nennt? Ist es Haß, wenn ich nicht will, daß sie als Ketzerin zur Hölle verdammt werde?" „Herr Pfarrer, bevor ich nach Rolandsau kam, bin ich Jahre lang im Lande der von Euch so verdammten Ketzer gewesen, ich habe mit ihnen gebetet, ihre Gottesdienste gesehen und nichts Frevelhaftes oder Verdammungswürdiges daran gefunden!" „Ihr habt ihre Gottesdienste besucht? Jäckel, was sagt Ihr? Am Ende habt Ihr Euch gar selbst der Ketzerei schuldig gemacht?" „Ich bin meinen« Glauben treu geblieben, und will mein Lebtag nicht als Abtrünniger gelten, aber eben so wenig will ich mein Weib dazu verleiten! Aber ich halte es für Unrecht, wenn Ihr uns die kirchliche Einsegnung weigert, dir der lutherische Priester doch ruhig vollzog!" „Warum laßt Ihr denn Euer Kind nicht lutherisch taufen?" sagte der Pfarrer höhnisch. „Warum? Ihr wißt es ja nur zu gut! Einmal ist kein lutherischer Priester in der Nähe, und wenn dies der Fall wäre, was nützte es, da ja das Gesetz bestimmt, daß die Confesston des Vaters die des Kindes bestimme." „So lange Euer Weib nicht Eure Religion annimmt, werde ich Euer Kind nicht taufen, Jäckel!" (Forts, folgt.) er *

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