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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-03-22 · N° 12. (22.3.1877) · p. Seite 98

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 12. (22.3.1877)
Date
1877-03-22
Page
Seite 98 (sequence 6)
Language
German
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98 aller Welt läßt man den Kindern freien Willen, ob sie lernen, den Unterricht pünktlich besuchen wollen, oder nicht? Man kann ferner wohl sagen, daß ein jüdischer Vater die Wichtigkeit des Rel.-Unterrichts einsehen müsse, und daß andernfalls Zwang ihn nicht zu dieser Einsicht bringen könne — aber daß auch das Schulkind solche Einsicht haben und den Rel.-Unterr. als den wichtigsten erkennen müsse, während ihm alle Einrichtungen der Schule jeden anderen Unterricht, einschließlich Turnen und Singen, als wichtiger, nämlich sein Zeugniß, Versetzung, Lob und Tadel, einflußreicher bezeichnen, das kann kein Vernünftiger behaupten. Darin liegt aber der Kern der ganzen Sache. Halberstadt, 12. März. Auf die an das Haus der Abgeordneten gerichtete Petition wegen des Arbeitslust, enses jüdischer Sträflinge ist nachstehende Antwort ergangen: „Berlin, den 6. März 1877. Das Haus der Abgeordneten ist in seiner Plenarsitzung vom 2. März d. I. dem Beschlüsse der Petitions - Commission beigetreten: „Die von Euer Wohlgeboren eingebrachte Petition vom Januar 1877 zur weiteren Erörterung im Plenum für nicht geeignet zu erachten, da ein dogmatisches Gesetz nicht verletzt ist, und im Uebrigen das Justizministerium noch vor Erlaß der allgemeinen Gesängnißordnung zur Einholung von Rabbinats- Gutachten bereit erklärt hat." Wenn uns dieses Resultat der Petition auch durchaus nicht befriedigt, so haben wir doch wenigstens die Beruhigung, unserer Pflicht genügt zu haben; hoffen wir, daß die einzuholenden Gutachten die wünschenswerthe Erledigung der Angelegenheit herbeisühren." München, 12. März. (Or-Corr.) Au der hies. Universität, die bisher keine jüdischen Lehrkräfte aufzuweisen hatte, haben sich im Zeitraum weniger Monate zwei jüdische Docenten in der juristischen Facultät habilitirt: Dr. Philipp L o t t m a r aus Frankfurt a. M. und der mehrjährige Sekretär unserer Gemeinde, Dr. Theodor Löwenth al von hier. Der gestern erfolgten Habilation des Letztgenannten wohnte nebst sämmtlichen Professoren der Juristenfacultät auch der Cultusminister Dr. von Lutz bei. Schwerin in Meckl., 13. März. (Or.-Corr.) Der Rabb. Dr. Feilchenfeld hat in seiner Predigt am vorigen Sabbath dringend und mit zu Herzen gehenden Worten dazu ermahnt, daß man auch hier sich an der „Alliance Jsr. Univ" betheilige. Auf einen Erfolg ist wohl zu rechnen. Kiel, 9. März. (Or.-Corr.) Am Schuschan Purim feierten die Eheleute Wolf Salomon und dessen Frau ihre goldene Hochzeit. Der Mann ist 75, die Frau 72 Jahre alt (sie hat noch kein graues Haar), beide noch rüstig und ihrem Geschäfte nachgehend. Am 28. des Morgens wurde das Jubelpaar von einem zweimaligen musikalischen Ständchen begrüßt, das erste von der Seebattaillons-Musik, das andere von dem Gesangverein „Concordia" gebracht. Um 11*/, Uhr wurde zur Synagoge gefahren. Dort wurde das „goldene Paar" von den Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen und deren Frauen, sowie von den Enkeln empfangen. (Im Ganzen haben sie 6 Söhne, 3 Töchter und 29 Enkel.) Die Weihrede hielt der Oberrabbiner Dr. Löb aus Altona. Die Synagoge war voll von Zuhörern.. Hierauf wurde Mincha gebetet, und dann fand ein Festessen nebst Ball unter Betheiligung von Juden und Christen statt. Das Jubelpaar nahm an der Festlichkeit, die bis gegen Morgen währte, in heiterster Stimmung Theil. Wien, 18. März. Der Ministerpräsident Fürst Auersperg beantwortete heute die Interpellation in Betreff der Austreibung österreichischer Israeliten aus Rumänien. Aus derselben ging hervor, daß die ursprünglichen Nachrichten über das brutale Vorgehen des rumänischen Präfekten und seiner Organe zwar etwas „übertrieben, im Ganzen aber in den Thatsachen begründet" waren. Die Beamten wurden in Anklagestand versetzt, und eine neuerliche Enquete sucht nun die einzelnen Vorgänge genau festzustellen. Wien. Hier ist schon wieder ein deutsch-jüdisches Blatt (in hebr. Lettern) aufgetaucht. „Die Jllustrirte Wiener Jüdische Preffe, Organ für Politik, Handel, Wissenschaft und jüdische Interessen " Die Probenummer bringt als Illustration ein Portrait Mosenthals. Wien Für den neuen an den Centralfriedhof anstoßenden isr. Friedhof hat die hie>. Gemeinde 60,000 Gulden zu zahlen. In der jüngst bezüglich der Beschaffung dieser Summe stattgehabten Vorstandssitzung erklärte Hr. Baron Moritz v. Königswarler, Vorstandsmitglied, sich bereit, die ganze Summe sofort vor der Hand vorzustrecken. (Wien. Jsr.) Prag. Hier starb am 12 d. Mts. der Fleischhauer Koppelmann Freund im Alter von 117 Jahren. (Er war als sein Vater starb 12 Jahre alt, und seitdem sind nachweislich 105 Jahre verfloffen). Der Verstorbene war bis einige Tage vor seinem Tode rüstig und machte täglich seinen Spaziergang ohne Begleitung; am 8. d. M. stolperte er und fiel. In Folge dessen kränkelte er einige Tage und starb. Seine Frau verlor er vor 2 Jahren, 99 Jahre alt. (W. I.) Pest. Am 15. Februar ist das hiesige Taubstummeninstitut m Wirksamkeit getreten. Das Curatorium hat nämlich beschlossen, bis zur Eröffnung der großen Landestaubstummenanstalt für die Pflege und den Unterricht einiger Taubstummen auf privaten» Wege zu sorgen. Es haben vorläufig 7 Zöglinge Aufnahme gefunden. Triest. S. Maj. der Kaiser Franz Joseph hat durch Vermittelung des Statthalters Baron Pino de Friedenthal der israelitischen „Brüderschaft zu gegenseitiger Hülfsleistung Maskil ei Dal" die Summe von 200 fl. aus seiner Privatschatulle „zur Vermehrung des Grundfonds" auszahlen laffen. Der Statthalter hat sich mit einem sehr wohlwollenden Schreiben an den Vorsteher des Vereins, Hrn A. di S. C u r i e l (Redaktion des Corr. Jsr) seines Auftrages entledigt. (Corr.Jsr.) London. R. Hirsch Dainow, der unter dem Namen „der russische Maggid" rühmlich bekannt geworden war, ist am 6. d. M. gestorben. London. Die seit einem Jahre verwittwete Baronin Meier v. Rothschild ist auf der Reise nach Nizza, wohin sie auf Anrathen der Aerzte fick begab, an der Wassersucht gestorben. Sie stand im 46. Lebensjahre. Die Armen Londons verlieren an ihr eine große Wohlthäterin. Constantinopel. Unter den 40 Wahlmännern befanden sich 9 Griechen, 6 Armenier, 4 Juden. Diese wählten die 10 Deputirte für die Hauptstadt. Es wurden 5 Muham., 3 Armenier, 1 Grieche und 1 Jsr. — Abraham Agiman Effendi, Kaffirer des Hauses Camondo—gewählt. Letzterer erhielt gleich beim ersten Wahlgange die absolute Majorität. Jerusalem. Dem „Schaare Zion" entnehmen wir, die intereffante Notiz — die wir in den Journalen nicht gefunden haben — daß den Oberrabbinen in Jerusalem und Constantinopel die Weisung der hohen Pforte zugegangen ist, es solle alljährlich der Tag der Verkündigung der Constitution (23 Januar) feierlich begangen werden. — Selbstverständlich ist das überall im Reiche und für alle Religionsparteien angeordnet. Der reine Muster-Constitutionalismus! Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) „In hundert Jahren," lachte Reimer, „existiren wohl sicher keine Juden mehr. In Rolandsau sind sie ja bereits bis auf den letzten ausgestorben." „Was das Erste betrifft," meinte Köning, „so mag Reimer vielleicht recht haben. Die wachsende Aufklärung wird auch das Judenthum berühren und am Ende werden sie

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