Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 12. (22.3.1877)
- Date
- 1877-03-22
- Page
- Seite 96 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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96 kenswerther, als es für uns sehr besorgnißerregend ist. — Im October vorigen Jahres wurde nämlich der Handelsmann Moses Moses II. aus Rapperhauien bei Ziegenhain ans seinem Felde von dem frühern Besitzer desselben, der ihm jetzt dasselbe bestellte, mit einem Mffthaken dergestalt aus den Kops geschlagen, daß der Tod unmittelbar daraus eintral. Ja diesen Tagen fand die gerichtliche Berhandlnng zu Marburg statt, bei der der Staatsanwalt nur sechs Monate Gefängniß beantragte, wozu der Gerichtshof auch vernrtheilte — So besorgnißerregend ist aber dieser Ausgang, daß schon verschieden geäußert wurde, ernen Inden zu erschlagen, kostet jetzt nur 6 Monate Gefängnlß — Die Zeiten sind nicht so rosig, als man in den meisten Kreisen sich vorstellt. Nicht umsonst konnte sich erst neulich wieder eine Judenhetze, und zwar in Spangenberg ins Werk setzen, wo wieder einmal das alte Mährchen von dem Christenblut aufgetischt wurde. Bei einem dortigen Israeliten diente nämlich ein Christenmädchen. Vor etwa 1'/, Monaten verschwand das Mädchen plötzlich, ohne daß sich Jemand vorstellen konnte, wie imb wohin? Aber bei den Eltern des Mädchens und bei den Christen überhaupt — da hieß es leid): „Die Inden haben es ermordet; sie muffen Christenblut haben". Das Haus des Jsraeliten wurde nun — selbst von Gerichtswegen — von oben bis unten nach dem Mädchen durchsucht. Trotzdenl man nun nichts vorfand, beruhigte sich die Bevölkerung nicht, und es kam auch zu manchen Ausschreitungen, ja sogar zu Pistolenschüssen soll es gekommen sein, bis ein Brief von dem Mädchen ankam, welches seinen Eltern mittheilte, daß es mit einem Eisendahnarbeiler durchgegangen sei. Wenn man dieses Ereigniß auch einestheils belächeln muß, so hat es doch auch seine sehr ernsten Seiten, und mahnt uns Israeliten, aus unserer Hut zu sein; denn wenn einmal eine HT1J eintritt, so können die Juden nicht läugnen, viel zu ihrem Unglücke selbst beigetragen zu haben. Bekannt ist ja, daß gerade ihnen bei jeder Gelegenheit der Vorwurf genrachl wirdj, sie treiben unreelle Geschäfte und stürzen damit die Christen ins tiefste Elend. So soll auch der zu Rapperhausen erschlagene Moses sich sein Unglück selbst bereitet haben und darum diese geringe Strafe eingetreten sein, indem der Gerichtshof annahm, der Mörder sei durch seine gänzliche Verarmung, die der Ermordete verschuldet, zu der Thal gereizt worden. — Daher ist es heilige Pflicht, von derartigen Geschäften abzumahnen, ehe es — Gott behüte — zu spät ist. —8 Aachen, 13. März. (Or.-Corr.) Mit Bezug auf die in Ihrem Blatte gebrachte Korrespondenz aus Leipzig, kann ich Ihnen die erfreuliche Mittheilung machen, daß auch in unserer Gemeinde die Wanderbettelei in Folge der strengern Controlle bedeutend abgenommen hat. Der hierorts bestehende Jsr. Armen-Unlerstützungs Verein, der ein jährliches Budget von ca. 6000 Mark auszuweisen hat, hat sich die Aufgabe gestellt, die in hiesiger Gemeinde unb in der Umgegend wohnhaften, — namentlich verschämten — Armen recht kräftig zu unterstützen, dagegen die umherziehenden professionellen Schnorrer nur in soweit zu berücksichtigen, als denselben die Weiterreise dadurch ermöglicht wtro. Unsere Gemeinde hatte bisher durch die Letzteren viel zu leiden gehabt, da sie an der von den reiselustigen polnischen Juden stark frequentirten Heerstraße nach Paris liegt. Hoffentlich wird zum Wohle der deutschen Jndenheit in unserenl prosaischen Zeitalter die Romantik des „fahrenden Volks" bald ihr Ende finden. — Stuttgart. Der Staatsanzeiger für Württemberg bringt in seiner Festnummer vom 6. März unter den Auszeichnungen in Folge des Geburtssestes Sr. Majestät des Königs Karl die Ernennung des Dr. I. Wasser m a n n, Rabbiners in Stuttgart, theol. Mitglieds der israel. Oberkirchenbehörde, Beisitzers des Ehesenats des K. Obertribunals, Ritters des Friedensordens, in die VI. Rangstufe der K. Rangordnung der K. Staatsbeamten; der Kanzlist und Kassirer bei der K. Oberkirchenbehöroe H. Stern wurde zum Collegial-Secretär befördert. Die Rabbinen find in die VIII. Rangstufe mit den Pfarrern eingetheilt. — Die K. israelitische Öberkirchenbehörde hat schon seit Jahren die Anordnung getroffen, daß die, aus dem K. Schullehrer-Seminare entlaffenen jüdischen Schnlamtszöglinge zu Rabbinen entsendet wurden, um bei denselben einen halbjährigen Cursus in speciftsch jüdisch hebräischen Unterrichtsfächern durchzumachen. Heuer wurden zwei Candidaten dem Rabbinen Lndw Kahn zu diesem Zwecke zugewiesen. — Der Ausschuß des israel. Lehrervereins in Württemberg ist bei der israel. Oberkirchenbehöroe vorstellig geworden, daß dieselbe Vorsorge treffe, daß die jüdischen Schulamtscandidaten eine entsprechendere, wiffenschaftliche Bildung in de>l isrielitischen Religionsfächern und in der biblischen und rabbinischen Literatur erhallen. Es steht zu hoffen, daß am K. Schullehrer-Seminar in Eßlingen eine tüchtige Kraft dazu verwendet werde und ließe sich dieses Aint vielleicht einem künftigen Rabbinatsvicare in Stuttgart übertragen, der mit diesem Lehrauftrage zugleich von aufsichtswegen betraut würde. Königsberg, 12. März. Die Beerdigung Joh. Jacoby's fand gestern unter großartiger Betheiligung statt. Schon am Vormittage waren die Straßen sehr belebt und war von dem in der Gartenstraße (hinter der Universität) gelegenen Trauer - Hause ein dichtes Gedränge. Mit denr Mitlags-Kurierznge kanren noch viele auswärtige Theilnehmer und verschiedene Deputationen an, darunter als Abgesandte der Fortschrittspartei Dickert und Bürgers, als Vertreter der demokratischen Partei Guido Weiß, endlich als Abgeordnete der socialdemokratischen Fraktion Most und Rackow. Gegen 1 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung; nach einer ziemlich genauen Schätzung folgten mehr als 5000 Personen dem reich mit Kränzen und Palmenzweigen geschmückten Sarge, darunter der Oberbürgerineister, Mitglieder des Magistrats nnd der Stadtverordnetenversammlung, und Vertreter der Universität In den Straßen, durch welche der Zug ging, bildete die Bevölkerung Kopf an Kopf gedrängt Spalier bis zum Königsthor. In der Halle des israelitischen Kirchhofs hielt der Rabbiner Dr. Bamberger eine Grabrede, in welcher ec des Verstorbenen Verdienste als Mensch, Bürger und Arzt würdigte und ihn mit Spinoza verglich, mit dem er das ideale Streben nach Wahrhert und Klarheit gemeinsam gehabt. Gleich Columbus habe Jacoby gegen alle Hindernisse seinem hohen Ziele zugestrebl, das ihm indessen gleich Moses nur von ferne zu schauen vergönnt gewesen Sein Wirken habe ihm ein für alle Zeiten bleibendes Denkmal gesetzt. Hierauf wurde der Sarg unter den rituellen Ceremonien zur Gruft getragen. Obwohl der Vorstand der Cullusgemeinde das Halten weiterer Reden verboten hatte, sprachen doch noch mehrere von den Delegirten. (Magistrat, Stadtverordnete und Universität hatten es abge lehnt, sich durch eine offizielle Betheilignug an der Beerdigung des „Juden von Königsberg" — wie die Kreuzzeit. Jacoby zu nennen pflegte — zu ehren.) In Labischin (Prov. Posen) soll, wie die „Bromb. Ztg." meldet, unter eigenthümlichen Umständen der Uebertritt eines 18jährigen jüdischen Mädchens zum Katholicismus erfolgt sein. Das Mädchen, die Tochter eines dortigen Händlers, verschwand aus dem elterlichen Hause. Nachforschungen ergaben, daß sie sich auf dem der Gräfin Skorzewska gehörigen Schloß Lubostron aufhält und dort am Sonntag, den 4. o. M., nachdem sie schon einige Wochen vorher heimlich im katholischen Glauben unterrichtet worden, die Taufe empfangen haben soll. Dieser Vorgang, zu dem, wie man sagt, die Liebe zu einem Schneidergesellen katholischen Glaubens den Anlaß gegeben, hat die äußerst strenggläubige Synagogengemeinde von Labischin in gewaltige Aufregung versetzt. Auf Verlangen der Eltern erhielt der Gensdarm Bunzel den Auftrag, das Mädchen zuriickzubringen, das beschuldigt wird, bei ihrer Flucht 36 Mk. entwendet zu haben. Er begab sich auch nach Lubostron. Das Mädchen wurde jeoch seitens der Gräfin Skorzewska nicht ausgeliefert und dem Gensdarmeu die Weisung