Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 12. (22.3.1877)
- Date
- 1877-03-22
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 94 — neris humani) hat seinen allerjüngsten Ausdruck gesunden in den Schmähschriften, mit denen ultramontane Unsehlbarkeitsfanatiker wie Rohling, Rodbert, Bischof Martin auf der einen Seite und rückschrittliche Bauernwähler (um das Fremdwort „Agrarier" deutsch zu geben) wie Niendorf und Willinanns auf der anderen Seite, das Volk zu vergiften suchten. In keinem Punkte stimmen die katholischen Ultra's mit den protestantischen Orthodoxen so innig überein, als in dem der Judenhetze. Da schreiben sich die Jesuiten aus Münster und Paderborn und die Berliner Agrarier gegenseitig ab und preisen sie sich gegenseitig an. da sind sie Alle eines Sinnes und einer Meinung: — der Jude wird verbrannt, alles Unheil der Welt kommt von den Juden. Aelter aber als der Culturkaurpf von heute ist der Kampf um die höchsten sittlichen Güter der Menschheit, in welchen die Juden thätig eingreifen, seit es eine jüdische Religion giebt. Es kann nicht meine Absicht sein, hier Ihnen die Lichlseitert unseres Judenthums vor Augen zu führen, denn nicht eine Predigt uiib nicht die Erbauung ist der Zweck dieses Vortrages. Wenn aber irgend eine geschichtlich gegebene — sogen, positive — Religion auf Menschen unserer Zeit und unserer Bildung geistbelebend und herzerquickend zu wirken vermag, so ist es die jüdische Retigion. Sie ist, wie es im 5. B. M. so schön heißt, nicht im Himmel, nicht fernabliegend, sie verweist auf kein „Reich von jener Welt", sie droht mit keiner Hölle, sie verlockt nicht mit einem Paradies von Houris, sie wendet sich nicht an „die Dummen im Geiste", preist die Einfältigen nicht selig, verlangt keinen Verzicht auf Lebensfreuden, empfiehlt nicht die Ehelosigkeit, fordert nicht Glauben,*) sondern Wissen, lehrt nicht Schwärmerei und Enrsagung, sondern Studium und praktische Thäligkeit. Hochachtung und Verehrung gebührt unfern Ahnen, die der Welt den höchsten Cu lturschatz förderten, den der religiösen Entwickelung, mit anderen Worten den desGemüthes. Von den drei Culturvölkern des Alterlhums haben die Griechen die Phantasie, die Römer den Verstand, die Juden das Gemüth zur höchsten Entwickelungsfähigkeit gesteigert und die reichen Schätze ihres Wirkens auf diesen ihren Sondergebieten der Nachwelt vererbt. Aber die Griechen und die Römer sind untergegangen, nur ihre Werke zeugen noch für sie. Die Juden leben noch — in den Augen ihrer Hasser freilich zu lang für ihren Ruhm, in Wahrheit aber zur dauernden Bekräftigung ihrer herrlichen Religion. Sie sind es, welche die Schätze der Vorzeit so tief und innig klärten und mehrten und der Menschheit retteten und zugänglich machten, wie kein anderer Volks¬ *) Das heißt, sie fordert nicht ein blindes Annehmen unbegreiflicher Glaubenssätze, und sie legt nicht das Hauptgewicht auf das Glauben; aber auch nicht auf das Erkennen, Forschen und Denken — was doch einmal nicht von Jedem verlangt werden kann — sondern auf das Thun. In dem nun Folgenden hat Herr Lehmann sich dahin ausgesprochen, daß es für das Judenthum gleich gelte, ob man der Bibel einen göttlichen Ursprung beilege oder sie für Menschenwerk ansehe. Wir haben die betreffenden Sätze, da ihr Inhalt dein Geiste, in dem die „Jsr Woch." geleitet wird, diametral entgegen gesetzt ist, mit Bewilligung des Herrn Verf. weggelassen. Dafür ist wieder Herr L. nicht für den Zusammenhang verantwortlich, in dem die von uns belassenen Sätze jetzt stehen. (Red.) stamm. Stelle man doch einmal die Bibel in Parallele mit der Sammlung griechischer Mythen in der Ilias und Obysse, mit der der germanischen Mythen in dsn Nibelungen, welchen hohen ethischen und ästhetischen Werth erlangt sie da! (Fortsetzung folgt.) Berichte und Correspoudeuzett. Deutschland. Breslau, 15. März. (Or.-Corr) Die von mir übernommene Vertretung unsrer Petition in diesem Blatte „scheint", nach dem Urtheile eines Correspondeuten der Jüd. Presse, dessen hohe Ungnade ich durch meme in Nr. 7 d Dl. versuchte Widerlegung seiner Bedenken ans mich zu laden das I schmerzlich bedauernswerthe Unglück hatte, „für das Unternehrnen sehr verhäilgnißvoll zu werden." Zwar gehen immer noch Zustimmungen ein, (wir werden in nächster Nr. mit Veröffentlichung der Namen fortfahren) zwar erklären sich die drei angesehendsten Blätter des dabei intereinrten Landes, Preußens, für uns*), aber immerhin, den Hrn. Correspondenten scheint es verhängnißvoll — Dem Herrn Korrespondent scheint übrigens noch manches Andre, was unser Einenl nicht recht einlenchten will. Halben Sie z. B. die Bezeichnung „Separitift," auf diejenigen bezogen, welche das Austriltsgesetz als willkommen begrüßen, für eure Beleidigung? — Wenn das nicht der Fall ist, so ist vielleicht die Wendung eine Beleidigung, daß ein Separatist, der gegen die Petition ist, „auch hierin etwas Separates haben will?" Ich gestehe, ich hatte in ineiner Besprechung des Laienartikels in Nr. 5 der Jüd. Pr. harmlos zum Zweck leichterer Kenntlichmachung der Quelle des Widerspruchs diese Bezeichnung gewählt, und muß nun hören, daß ich „Zank und Streit zwischen die friedlich berathenden Parteien zu werfen" gewagt habe, indem ich meinen Gegner als einen „Separatisten, der überall etwas Separates haben wolle, dennncirie." Ich bin mir bewußt, weder wie mir mein Gegner vorwirst „unwillig", noch „gereizt" gewesen zu sein, als ich jenen Artikel schrieb. Mein Gegner, der aus Achtung vor seinen Lesern sich in unsre Sphäre zwar nicht „hecabziehen lassen" will, weiß jedoch Ausdrücke wie „Unfähigkeit, den Ernst wichtiger Dinge zu begreifen/' „verschwommue Unklarheit" u bergt, so gut zu handhaben, daß man ihn», ohne ihm Unrecht zu thun, eine Vertrautheit mit diesen Begriffen nicht absprechen darf — doch sei dem, wie ihm wolle. Auf persönliche Jnvectiven würde ich nicht geantwortet haben und meinem Gegner den unmolivirten Ton sittlicher Entrüstung gern zu gute halten, wenn ich nicht fürchtete, daß das, was er Sachliches über meinen Artikel vorbringt, geeignet wäre, seine Leser irre zu führen. Daß es mir nicht gelungen, durch meine Ausführungen ihn zu überzeugen, thut mir zwar sehr leid, nimmt mich aber nicht Wunder, da er durch seine ganze Darstellung zeigt, daß ec mich nicht verstanden — oder nicht hat verstehen wollen. Er will beispielsweise gefragt haben, „warum denn der obligator. Religionsunterricht für Elementarschulen nur so formell (soll heigen obenhin) berührt sei und die ganze Agitation nur auf die höheren Schulen gelenkt würde." Ich habe seinen Artikel nicht mehr zar Hand, müßte mich aber sehr irren, wenn jenes nur so formell wirklich in seiner Frage gestanden hätte, wenn er nicht vielmehr gefragt hätte, warum wir für die höheren „u n d »ich t" für die Elementarschulen den obligatorischen Unterricht forderten. Darauf haben wir mit „charakteristischen Windungen uiib *) Denn auch die Red. d. Jüd. Presse erklärt sich einverstanden mit uns, da unsere bereits ausgearbeitete Petition, die nur darum noch nicht veröffentlicht wird, weil es indiscret wäre, dieselbe dem Publicum eher als dem Ministerium mitzutheilen, den von der Red. gestellten Forderungen genügt. (S. unter „Stettin" weiter unten. Red.)