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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-03-08 · N° 10. (8.3.1877) · p. Seite 80

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 10. (8.3.1877)
Date
1877-03-08
Page
Seite 80 (sequence 4)
Language
German
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— 80 — glauben« auch in jüdischen Kreisen durchaus unjüdisch seien. Einem Gemeinderathsbeschlusse zufolge sind auch die beiden anderen an unserer Religiousschule unter der tüchtigen Oberleinmg des Oberradbiuers verdienstvoll wirkenden Lehrer, die Herren Auerbach und Katz, ersucht worden, ähnliche Vorträge über jüdische Themen zu halten. Es erscheint dies als der geeignetste and zeitgemäßeste Weg, um sowohl jüdischen, als auch fernersteheudeu Kreisen Aufklärung über jüdisches Wesen und Wissen zu bereiten. Aeußerlich ermöglicht wurde dieser Plan erst jetzt bei uns durch Herstellung eines größern Gemeindesitzungssaales, die nächste Veranlassung zu den in diesem Fache zuerst aufgeführten Vorlesungen bot der Wunsch der reiferen Jugend eine jüdisch-wissenschaftliche Fortbildung zu gewähren. — Daß auch in weiteren jüdischen Kreisen hier die Teilnahme für jüdische Angelegenheiten wächst, erwies kürzlich die Ausnahme, welche ein Vortrag des Ge- | meinde-Vorstehers, Adv. Emil Lehmann, in dem hiesigen jü- ( dischen geselligen Vereine „Freundschaft" fand. Das Thema war: „Die Juden im Kulturkampf." — Zu wünschen bleibt hier, wie wohl auch anderwärts, daß den neuern Erzeugnissen der jüdischen Literatur, di^nur leider wenig Käufer und Leser finden, durch regelmäßige Leseabeude mehr Eingang verschafft werde. Kempen, den 24 Februar. (Or. Corr.) Einen schmerzlichen Verlust hat die hiesige israelitische Gemeinde erlitten. Am 20. d. M. entschlief nach zweitägigen schweren Leiden am Gehirnschlage, Herr Rabb.-Ass. Loebel David Schlesinger. Geboren im Jahre 1816 von armen Eltern, wurde er von seiner frühesten Jugend zum Studium der Bibel und des Talmud angehalten und zeigte bald so bedeutende Fähigkeiten und einen so rastlosen Eifer, daß er ein Gegenstand der Liebe und Bewunderung seiner Lehrer und Bekannten wurde. Als er kaum das 20. Lebensjahr erreicht, hatte er es aus Dem Gebiete der talmudischen und rabbinischeu Litleratur zu eurer solchen Vollkommenheit gebracht, daß diejenigen jungen Leute, welche zu j ner Zeit in großer Zahl hierher strömten, um sich dem Studium des Talmud zu widmen, es als ein Glück betrachteten, seine Schüler sein zu dürfen. Mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit kam er stets den Wünschen seiner Jünger entgegen, unterrichtete Jeden, der wollte und wann er wollte. Fast dreißig Jahre lang war er Mitglied des hiesigen Rabbinats und hat sein Amt mit einer Gewissenhaftigkeit und Anspruchslosigkeit verwaltet, die ihm die Liebe und Anerkennung der ganzen Gemeinde erworben. Aber nicht nur einen bedeutenden Talmudgelehrteu hat die hiesige Gemeinde in Herrn Rabb. Schlesinger verloren, weil höher noch stand der Verblichene als Mensch. Milde, Versöhnlichkeit und unbegrenzte Friedensliebe, (die sich besonders zur Zeit der Wirren in hiesiger Gemeinde bei Gelegenheit der Aufnahme eines modernen Rabbiners zeigte) sind die hervorstechendsten Züge seines Characters. Nicht minder anerkennenswerth ist seine Menschenliebe und Bereitwilligkeit, Jedermann mit Rath und Thal beizustehen, nie entließ er einen Hilfesuchenden ohne zur Milderung seines Schicksals durch Trost, Unterstützung oder Verwendung und Fürsprache bei mildthätigen Freunden beigetragen zu haben. Er ist der Begründer eines Vereins „zur Ausstattung armer Bräute", deffen Vorsitzender er bis an sein Lebensende war. Alljährlich pflegte er am 7. Adar (zugleich dem Stiftungstage jenes Vereins) einen Vortrag im Beth-Hammidrasch zu halten; auch in diesem Jahre war der Vortrag bereits angeküudigt, doch er er sollte nicht gehaten werden. An demselben Tage ward Herr Rabb. Schlesinger in ein befferes Jenseits abberufen. Am 8. Adar war die Beerdigung; seiner Bahre folgten ein unabsehbarer Zug, wohl die gesammte Bevölkerung unserer Stadt. Der Leichnam wurde in's Beth-Hammidrasch gebracht, woselbst der langjährige College des Verblichenen Herr Rabb.-Aff. Saft eine ergreifende Leichenrede hielt. Auf dem Friedhof sprach Herr Rabbiner Dr. Münz Worte der Trauer und des Trostes. -'S -'S -'3 -'fl R. Rumänien. Stettin. (Schluß.) Ich hatte vor einiger Zeit Gelegenheit, mit einem hohen Staatsbeamten, (dem Ex Präfecten Nicolaide) näher bekannt zu werden Als die Partei Bratiano das conservative Element in die Flucht geschlagen hatte, wurde auch Nicolaide ins Gefängniß geworfen, und da habe ich ihn oft in seiner Zelle besncvl. Derselbe meinte selber stets, so oft wir auf die Judensrage in Rumänien zu sprechen kamen, daß d ie Sch u ld a n d eu Iu d e u s elbft lä ge, da selbe nicht genug Energie, den Muth, ihre Rechte zu fordern, anstatt zu erberteln, besäßen;— und wahrlich, der Mann halte wahr gesprochen! — Die Energielosigkeit der rumänischen Juden rührt eben daher, daß sie ihre Gleichstellung als eine ihnen zn gewährende Gnade, nicht als ein ihnen vorenthaltenes R e ch t betrachten. — Sie müssen es fordern, energisch fordern, denn die eigene noch so schwache Stimme tönt mächtiger, als hundert in der Ferne widerhallende Echo's.— Das Verhalten der europäische Diplomatie zur Judenfrage in Rumänien hat uns zur Genüge gezeigt, daß sie es nie ermangeln ließ, den Verfolgten ihr Beileid zu zollen; sobald man au ihr Humauitälsgefühl, resp. das ihrer betreffenden Staaten appellirte. blieb auch ihr Wohlwollen, mündlich und schriftlich bezeugt, nicht ans, die Diplomatie geizt mit diesen Dingen nicht. Aber die rumänischen Juden, haben mehr von ihrem eigenen Auftreten, als von allen auswärtigen Interventionen zu erwarten. Ja ich glaube, wir bezeugen dem intoleranten Laude den größten Dienst, wenn wir ihm öffentlich und zu widerholten Malen jedes patriotische Gefühl kündigen, so lange es uns unsere gerechte Forderung wegen Verleihung der elementarsten Menschenrechte unter Hiuwegleugnung aller von ihm adopttrten Humanitäts- Prinzipien nicht gewähren will. — Ich bin kein Feind der rumänischen Nation, sondern nur der daselbst durch den schnöden Einfluß einiger ruchloser politischer Individualitäten importirten und nach und nach zur Herrschaft gelangten Prinzipien der Menschheits Verhöhnung. — Wre ich den Zeitungen entnehme, haben englische Israeliten und die „Wiener Allianz" den Vertriebenen aus dem Vasluer Districle Unterstützungen zukommen lassen und dürften wahrscheinlich bald auch unsere Glaubensgenossen in Deutschland und Frankreich ihr Scherflein dazu beitragen, aber wo bleibt die Unterstützung seitens der einheimischen reichen Juden Rumäniens? Wo bleibt das Lösegeld dieser Mamon-Menschen, denen während des ganzen so grausamen Jahrzehnts kein Haar gekrümmt wurde, da sie sich stets hinter den schützenden Bollwerken ihres Reichlhums verbargen und verbergen? — Der Jndisereutismus der reichen Juden Rumäniens gegen ihre armen Glaubensgenossen, die allein allen Druck und alles Ungemach zu verkosten haben, ist eine zu bekannte Thalsache, als daß noch ein weiterer Commentar nöthig wäre — Es ist dies ein daheim hausendes Uebel, welches schwer zu überwältigen ist. I. F. *) (Vgl. unter Bukarest. — Wir haben auch den „Presentulu" vom 6./18. Febr. erhalten Derselbe enthält einen Artikel von Tauber, welcher sich mit der „Unirea Üemocvatica“ beschäftigt. Da wir <,en Sinn des Rumänischen Textes höchstens errat Heu können, so wagen wir nicht nähere Angaben über den Inhalt zu machen. Red.) T. Verlad, 8. Febr. (Or. -Corr. — Verspätet.) Der Präfekt Lupascu Halle wiederholt seine Demission eingereichl; ehe sein Herr und Meister Vernescu selbst abging, nahm dieser auch die Entlassung Lupascu's an. Drei Subpräfekten, welche unter Letzterem fungirt haben, sind abgesetzt worden. Aber die vertriebenen Juden irren noch hier und da in der Nähe oder Ferne umher, von einer Rückkehr zu ihren Wohnsitzen und zu ihrem Besitzthum, soviel oder sowenig davon noch existiren mag, ist noch keine Rede. Kogolnitscheano war selbst in Jassy und hat den Juden zugemuthet, eine Erklärung *) In vor. Nr. S. 74 a Z. 27 v. o. muß es st.: das Ausland heißen: Deutschland.:

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