Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 10. (8.3.1877)
- Date
- 1877-03-08
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
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Fragen gestellt morden wären. Hatte der Eine hundert gelöst, so nahm der Folgende sie wieder auf — die gegebene Antwort ging ihn nichts an, ihn interessirte nur die Frage — und er baute hundert neue darauf, daran und dazu. Diese Fragen, die wir in hundert Drusch-Büchern lesen, kommen uns heut meist albern vor. Aber man bedenke: Es galt den Leuten ja nicht um die Frage, sondern um eine künstliche Erklärung, die nur auf künstlich herbeigeschleppte Fragen und Schmierigkeiten aufgebaut werden kann. Denn es ist keine Kunst, einen Vers einfach zu übersetzen, das kann auch ein Kind. Der Jude will Geist und Witz entwickeln und sehen, darum will er sich mit dem Sinn, mit der Uebersetzung, mit der Auffassung, die dem Kinde zugänglich sind, nicht begnügen. Die Art des Fragens und des Antwortens hat von einer Periode zur andern gewechselt. Neuester Zeit ist ein Versuch gemacht, dem Purim eine gar seltsaniliche Deutung und Bedeutung zu geben. Man schelte darüber nicht. Gs ist die Lust an Fragen und Deutungen. Weil alle Welt die Geschichte von Esther und Mordechai als Geschichte genommen hat und Purim als ein jüdisches Fest, weil das die Zehnjährigen wissen, so muß doch auch einmal etwas Anderes probirt werden. Purim ist Loos fest — ja das sagt man schon lange. — Welcher gute jüdische Kopf ist um eine Frage verlegen? es wird sich schon eine finden, da sie noch nicht da ist. Schlagen wir einmal einen andern Weg ein: Purim ist ein griechisches Wein- und Zechfest. Das ist doch eininal etwas Neues. Wenn das durchgesprochen sein wird, so kann man versuchen, Purim vom katholischen Carneval abzuleiten. Aber man ärgere sich darüber nicht. Was hätten alle Darschanim, vom ältesten bis zum heut reisenden angefangen, wenn man ihnen zugemulhet hätte, beim einfachen Wortsinn zu bleiben und uns mit Fragen, Einwendungen und nagelneuen Erklärungen zu verschonen! Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Breslau. Aiphabethisches Verzeichniß der Gemeinden, welche bis jetzt ihre Zustimmung zu der beabsichtigten Petition, den oblig. jüd. Rel.-Unterricht betreffend, gegeben haben: Aachen, Adeleben, Anclam, Antonien Hütte, Arnsberg. — Bartenstein, Belgrad i. P., Beu - then Ob.-Schl., Bonn, Brandenburg, Breslau, Burbach, B urgsteinfurt. — Carls ruh Ob.-Schl., Cassel, Colberg, Constadt, Crefeld, Creutzburg, Crone a. Br., Culm — Demmin, Drossen. — Elbing, Emden, Ems, Eschwege. — Filehne, Freienwalde, Friedeberg i. d Neumark, Gartz a./O, Genthin, Gnesen, Gr ätz (Pr. Posen), Groß-Strehlitz, Gütersloh, Gumbinnen — Hadamar, (Pr. Nassau), Halle, Hameln, Hamm, Horstmar, Hofgeismar, Hüsten — Iutrofchin. — Kattowitz, Königshütte,Ko st rzyn,Kosch min—Landsberga. W Lauen bürg (t. Pom.,) Lehn-Geeste münde. Leobschütz, Liegnitz, Lissa, Louisenthal, Löwenberg, Lübbecke, Lübben i. B., Lüneburg, Lyck. — Magdeburg, Malstad t, M a r i e n w e r d e r, M e i s e n h e i m, M ö r s, Mühlheim a. Ruhr. — Nakel, Neheim, Neuenkirchen, N e u m a r k i. Wstpr., N e u m a|r k i. Schl., Neustadt, Nicolai, Nordhausen. — Osnabrück, Ostrowo, Pr. -O ldendorf. — Patschkau, Pyritz. — Rheine, Ringeslberg, Rinteln, Rosenberg Ob.- S ch l., R ü g e n w a l d e. — Schippe nbeil, Schmiegel, Sch neidmühl, Schönebeck, Schwerin a. W., Schwerfen z, S i ui m e r n, S t.-J o h a n n, P r. - S t a r g a r d, Stend a l, S tolp, Str e lno, Sudw eil er, S uhl. — Tarnowitz, Tholey, Thorn, Tirschtiegel, Trebnitz, Trein essen, Tuchel. — Völklingen, Vlotho. — Marburg, Warstein, Wernigerode, Wetzlar, Wiesbaden — Zül li ch a 11. Im Ganzen bis jetzt 115 Gemein den; weitere Z ust i m ni u u g e n e r w ü n sch t. Berlin, im Februar. Gegen Ende v. M. hat der Prediger Ziegler aus Liegnitz im Berliner „Unionverein" einen Vortrag gehalten, der, nach den Berichten der Vossischen und anderer Zeitungen wegen seiner vorurtheilslosen Würdigung des Judenthums hier wohl Erwähnung verdient. Der Redner sprach über „das nachexilische Judenthum und die Synagoge:" „Ihr wißt nicht, was ihr anbetet; wir aber wiffen, was wir anderen, denn das Heil kommt von den Juden!" für die Wahrheit dieses Wortes, zu einer Heidin gesprochen, hat die Geschichte den Beweis geliefert. Das jüdische Volk weiß, was es anbetet, es macht die Religion zum obersten Interesse des ganzen Volkes, und wir gestehen willig ein, daß unsere Religion aus dem Judenthum gekommen ist. Und gerade das nachexilische Judenthum ist der Grund und Boden, aus dem das Christenthum hervorging, denn der Klosterbruder in Lessing's Natha« erinnert mit Recht daran, daß Jesus selbst Jude war. Wir haben es bei diesem nachexilischen Judenthum zu thun mit einer Nation, die einen Entscheidungskampf führt um Sein oder Nichtsein. Zwei Fragen ergeben sich: 1) Wie erwehrt daffelbe sich des Hellenismus und der römischen Staatsgewalt und inwiefern nimmt es dieselben in sich auf? 2) Entwickelt es sich fort und in wie weit? In Beziehung auf die erste Frage gab Redner eine Uebersicht über die heldenmüthige Gegenwehr der Juden gegen Syrien und Rom. Wir heben aus diesem Theile nur einige, die Stellung der Parteien oder Secten im Jndenthum besprechende Sätze hervor. Wir haben hier eine von der unter den Christen hervorgebrachten Characteristik der „Pharisäer" mit abweichender Beurtheilung, in der die Forschungen jüdischer Gelehrten wieder zu erkennen sind. Der Redner sagte: „Doch nicht blos die äußere Macht, anch die innere Gestaltung der Parteien im Judenthum hat seinen Fall herbeigeführt. Den Römern treu war die Adelspartei der Sadducäer, ter ehemaligen Zadokiten; ihre Standesinteressen den religiösen und nationalen voranstellend. Ihnen gegenüber sind die Pharisäer die eigentlichen Volksmänn''r, begeistert für Aufrechterhaltung des Gesetzes im Kampf gegen das Fremde. Mit Bewunderung und Hochachtung hören wir die Beispiele von Todesfreudigkeit und Opfermuth um der Heilighaltung des Gesetzes willen; so werden tausend jüdische Männer im Ausbruch des syrischen Kriegs niedergemacht, weil sie nicht am Sabbath kämpfen durften. Auch im Kampf mit den Römern hat diese Begeisterung und Todessreudigkeit für das Gesetz selbst die Sieger wiederholt tief bewegt." In Beziehung auf die innere Entwickelung und Gestaltung des Judenthums heißt es: „Das Volk erscheint nach dem Exil gründlich geläutert: Zurücksinken in Nalurdienst ist unmöglich, unbedingter Gehorsam gegen das Gesetz schon seit Esra heilige Psticht, einzige Rettung. Das ganze Leben des Israeliten wird von klein auf durch das Gesetz uinspannt; schon für die Knaben giebt's zur Zeit Jesu Gesetzeslehrer; in den Synagogen werden Gesetz und Propheten gelesen, erklärt, erbaulich ausgelegt. Aber nicht bloß für die Kenntniß, sondern auch für die Ausübung wird eifrigst gesorgt: eine eindringende Casuistik läßt keinen Zweifel darüber, was in jedem einzelnen Falle der Wille Gottes sei. Der Stand der Gesetzeslehrer, Schriftgelehrren oder Rabbinen ist ein hochverehrter" u. s. w. Dresden, den 26. Februar. (Or.-Corr.) Im Laufe dieses Winters erfreute uns unser Oberrabbiner Herr Dr. Landau durch gediegene, auch von gebildeten Christen zahlreich besuchte Vorträge über „Glauben und Aberglauben," in denen er eben so wissenschaftlich gründlich als freisinnig überzeugend nachwies, daß die mancherlei Erscheinungen des Aber-