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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-03-08 · N° 10. (8.3.1877) · p. Seite 78

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 10. (8.3.1877)
Date
1877-03-08
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 ©eit obgenannte hervorragende Gelehrte die wissenschaftlichen Resultate mittheilten, ist wohl manche Hypothese aufgetaucht, und bereits widerlegt worden, welche die mos. Cosmogonie in Frage stellte. Mit banger Aufmerksamkeit verfolgt der wahre Anhänger des Mosaismus die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung, denn er fühlt instinctiv, daß von dem Augenblicke an, wo ein Jrrthum oder eine Unwahrheit evident in der Bibel nachgewiesen werden könnte, es um die Autorität der ganzen Torah geschehen wäre. Geschichtliche Ueberlieserungen können geändert und umgestaltet worden sein, — wer will das Nachweisen? — die Natur ist jedoch stets controllirbar und wird in dieser Beziehung ein Jrrthum nachgewiesen, dann ist der Zweifel auch an dem historischen Theil gerechtfertigt. Um so mehr müssen uns nachfolgende Worte unseres eminenten Naturforschers Helmholtz, der den gegenwärtigen Standpunkt der Wissenschaft repräsentirt, erfreulich erscheinen:*) „Auch die mosaische (Sage) weicht nicht sehr ab, namentlich wenn wir der cksichtigeu, daß das, was Moses im Anfang „Himmel" nennt, von der Veste, dem blauen Himmelsgewölbe, unterschieden ist, also dem Weltraum entspricht, und daß die ungeformte Erde und die Wasser der Tiefe, welche erst später in die über der Veste und der unter der Veste geschieden werden, den chaotischen Wellstoffen glichen. „Und Gott sprach, es werde Licht und es ward Licht." Aber wie in dem leuchtend gewordenen Nebelballe und auf der jungen feurigflüssigen Erde der modernen Cosmogonie war das Licht noch nicht in Sonne und Sterne, die Zeiten noch nicht in Tag und Nacht geschieden, wie es erst nach.der Erkaltung der Erde geschah. Da schied Gott das Licht von der Finsterniß und nannte das Licht den ersten Tag. Nun erst, und nachdem sich das Wasser im Meere gesammelt und die Erde trocken gelegt hatte, konnten Pflanzen und Thiere entstehen, denn für sie taugte einzig Tag und Nacht. Unsere Erde trägt noch die unverkennbaren Spuren ihres alten feurigflüssigen Zustandes in sich! Ebenso wird die jüdische Chronologie durch folgenden Pasius in seinem Vortrage erläutert: Was uns die Museen Europa's von den Ueberbleibseln Aegyptens und Assyriens zeigen, sehen wir mit schweigendem Staunen an, und verzweifeln uns zu der Vorstellung einer so weil zurück liegenden Zeitperiode aufzuschwingen und doch mußte das Menschengeschlecht, offenbar schon Jahrtausende bestanden und sich vermehrt haben, ehe die Pyramiden in Ninive gebaut worden sind. Wirschätzen die M e nsch e n geschichle auf 6000 Jahre, aber so unermäßlich uns dieser Zeitraum auch erscheinen mag, wo bleibt er gegen die Zeiträume, während welcher die Erde schon eine lange Reihenfolge jetzt ausgestorbener, einst üppiger und reicher Thier- und Pflanzengeschechter, „aber keine Menschen" trug. (Schluß folgt.) *)„ Ueber die Wechselwirkung der Naturkräfte und die darauf bezüglichen neuesten Ermittelungen der Physik." Populäre wissenschaftliche Vorträge von H. Helmholtz. DieUrrvergänglichkeit d. Geschichte Israels. (Schluß) Und vom Gesichtspunkt der V ö l k e r geschichte aus betrachtet, ist die Purimgeschichte erst recht nicht wichtig. Ein winziges Völkchen sollte vertilgt werden. Wenn es nun wirklich vom Erden-Schauplatz verschwunden wäre — was dann?! Wo ist denn Ahasverus' Reich selbst sammt allen größeren und kleineren Nationen und Völkergruppen seiner 127 Provinzen, wo ist „der Reichthum der Herrlichkeit seines Regiments und die majestätische Herrlichkeit seiner Größe?" Versunken und vergessen, nur gelehrter Forschung noch zugänglich. „Die Erde besteht trotzdem noch fort", und alles geht ruhig seinen Gang, ob noch so viel Nationen vergehen und verwesen. Der Wald bleibt ja auch bestehen, wenn die Blätter fallen und Zweige brechen. Was würde es wirklich zu bedeuten haben, wenn damals Haman ein Natiönchen abgeschlachtet hätte? Wer dächte noch heute daran, wer spräche davon? Israel hat seine gesonderte Stellung in der Weltgeschichte. Ist diese Weltgeschichte, ist die Entwickelung der Menschheit denkbar, faßbar, läßt sie sich erzählen ohne Israel. Wie der einzelne Mensch in körperlicher Beziehung lebendig sein kann, > ohne Arm, Fuß, Auge, Ohr, aber nicht ohne Herz; ntld wie er in geistiger Beziehung Mensch sein kann, auch wenn ihm die eine oder andere Anlage und Befähigung abgeht, aber nicht ohne die gotterkeuneude Vernunft, so kann die Menschheit gedacht werden ohne dieses und jenes Glied, aber nicht ohne das Volk des Herzens und des Geistes, das Volk der Religio n. Darum ist's ja auch nicht die weltliche Begebenheit, die Palast-Jntrigue, Minister-Cabale, Harems-Revolution, Vezier- Absetzung, deren wir eigentlich am Purim gedenken. Das märe 'u diesem Augenblicke ganz speziell lächerlich, da wir Derartiges eben in allerlei Variationen auf's allerfrischeste und überraschendste erleben. Es ist das religiöse Moment, die Fügung des Weltlenkers, der um so erkenilbarer wirkt, weil er verborgen ist und weil sein Name im Buche nicht genannt wird. Um Gottes Leitungen darzulegeu, ist das Büchlein ganz besonders geeignet. Sie liegen vor uns, „entrollt" wie das Buch, wie ein „offener Brief", Nt212>2 rnjfcO. Da ist Vorbereitung von langer Hand her. Nicht nur Wasthr's Verstoßung und die Entdeckung der Verschwörung, nein, der Midrasch weist noch auf eine lauge, lange Vorgeschichte hin, die gar nicht im Buche sieht: wenn Saul den Agag nicht verschont hätte, hätte Haman nicht cxfftirt, und wenn dagegen David den Simei gelödlel hätte, so wäre Mordechai nicht geboren. Und dann die Schürzung des Knotens und die immer engere Verschlingung und endlich die Lösung. Wie ein Roman! Und wenn man eine Geschichte erfinden wollte, um die Schtcksalsleitung darzulegen, so könnte man nichts Besseres erfinden. Oder wär's wirklich Roman und Erfindung? Wir verlangen nicht, daß man's als Wahrheit, auf Glauben annehme, weil man Jahrtausende es als Wahrheit geglaubt hat. Kritik ist erlaubt. Man hat vieles in der Geschichte unwahrscheinllich gefunden, also mährchenhaft. Aber an einem persischen Hofe konnte alles ganz wohl sich so abwickeln, wie es berichtet ist. Die Einwände gehen immer von der Voraussetzung aus, daß z. B. Ahasverus ein ordentlicher, vernünftiger, nüchterner rc. Monarch gewesen, der also z. B. wissen nrußte, was er lhat und ivas er gestern gethan oder befohlen Aber das Umgekehrte ist überall richtig, und damit fallen alle Bedenken der historischen Kritiker. Dagegen hat gut wissenschaftliche und wohlbegründete Forschung immer niehr Beweise für das echtpersische Colorit der Erzählung bis in die kleinsten Details hineingeliefert j Indessen das Fragen und Einwendungen-Machen liegt l nun einnial in den Juden. Vergeblich würde man z. B. i einen Bibelvers suchen, und wäre er noch so einfach, auf den 1 nicht zehn, und dann hundert, und dann noch einmal hundert

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