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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-03-01 · N° 9. (1.3.1877) · p. Seite 75

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 9. (1.3.1877)
Date
1877-03-01
Page
Seite 75 (sequence 7)
Language
German
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75 sant!" sagte er. „Ich bin zwei Jahre hindurch Beichtvater einer jungen Gräfin gewesen; die heimlichsten Heimlichkeiten eines weiblichen Herzens girren mir noch heute in den Ohren!" „Hellte Morgen nun," fuhr der Pfarrer fort, hat mir die alte Amme, welche den jungen Grafen erkannte, das schreckliche Unglück der Liebschaft mit der schönen Jüdin gebeichtet. Ein Mittel, dem alten Salom on Lämchen den wahren Stand der Dinge beizubringeu, habe ich bereits gefunden und, merkt wohl auf, es sind dann blos zwei Fälle als Ausweg denkbar: Entweder der Jllde hält Stand und stößt den Grafen hinaus, — dann wird das junge Blut hartnäckig und widerwärtig, der Graf setzt sich der schöneil Jüdin immer vor Augen auf sein Schloß, dem Alten wird dies unangenehm, es verleidet ihm die Gegend, die er ohnedies später, wie ich Ihnen mittheilte, verlassen will — er geht also und das Haus ist verkäuflich. Der andere Fall ist der, daß der Alte um des vornehmen Schwiegersohnes willen, wenn dieser es anders ernstlich meint, zu unserer alleinseligmachenden Kirche Übertritt und sodann seine Einwilligung zu»l Ankäufe des Gebäudes giebt. In beiden Fällen also ist das Besitzthum des Juden m nächster Zeit frei, und wir können es durch dritte oder vierte Hand ankaufen lassen, um — nun um," wiederholte er lächelnd, „um eine Schule darauf zu gründen." „Sehr gut, Freund, sehr gut!" lobte Pater Clemens. „Ihr habt Scharfsinn, sehe ich und der ist hier vollständig am Platze. Doch der Ort zählt meines Erachtens mehrere Tausend Einwohner und fürchte ich, daß die mit Eurer Stellung verbundene Mühe Euch gar nicht zur weiteren Verwendung desselben konlmen läßt. Ist denn die Gemeinde so arm, daß sie Euch nicht einmal einen Kaplan zur Seite stellen kann?" „Einen Kaplan!" seufzte der Angeredete, „o ja, ein Kaplan steht mir zur Seite, — aber, o mein Gott, das ist ja das Elend, ein Kaplan, wie Gott eine Wiederholung dieses Exemplars gnädigst verhüten möge! Seine Laufbahn war folgende, wenn es Ihnen anders beliebt, sie anznhören. Er begann als Journalist, gab ein demokratisches Blatt heraus, war später in demokratischen Umtrieben verwickelt, hatte sogar Verbindungen mit den Internationalen, ließ sich aber durch herzliche Bitten seiner frommen, gut katholischen Eltern, namentlich der Mutter bewegen, das Redactionszimmer mit der Kanzel, den einfach bürgerlichen, noch halb studentisch zugegeschniltenen Rock mit dem Priesterrocke zu vertauschen. Welcher Wolf im Schafskleide dadurch entstand, mögen Sie selbst erwägen. Da gerade die hiesige Kaplanstelle frei geworden, fand man für gut, den Unwürdigen nach hier zu senden. Während meine Predigten vor leeren Betstühlen verhallen, strömt Jung und Alt herzu, seine gotteslästerlichen, oder wie sie sagen — freisinnigen — Reden zu hören so daß ich mich bald genölhigt sah, ihm nach persönlicher Ueberzeugung das Handwerk zu legen, indem ich selbst allsonntäglich mich dieser Mühe unterziehe. Die Behörde genehnrigte nach eingesandten Berichten meine Verfügung und seitdem hatte ich blos Gelegenheit, ihn zu Begräbnissen und untergeordneten kirchlichen Handlungen zu verwenden, denn seine Tausredeii waren ebenfalls voll des gotteslästerlichen Freisinns. Doch auch von diesen Welligen werde ich mich genölhigt finden, fernerhin abzusehen. Eine Rede, die er bei der Bestattung emes hiesigen Einwohners gehalten, der seit Jahren kein Gotteshaus gesehen und die trotz alledem kein Wort des Tadels, sondern eine Beschönigung des sündigen Lebens genannter Person war, zwingen mich, auch hier untersagend einzuschreiten. Welche Vortheile uns daraus erwüchsen, mein Lieber, wenn ich den Kaplan entfernen könnte und dafür einen gleichgesinnte -, frommen Mann zur Seite hätte. . . ." „Sagten Sie nicht," fiel Cleinens ein, „daß sich der Kaplan in demokratische Umtriebe eingelassen, ja bei der Internationale belheiligt war? Sollte es Ihnen da nicht leicht werden, den Mann — unter den jetzigen Verhältnifien — bei Seite zu schaffen? Ein beschriebenes Blatt Papier von seiner Hand — und eines schönen Morgerls ist der Kaplan imt Hülfe der Polizei in Gewahrsam gebracht." Der edle Mann lachte und der Pfarrer mit. „Es wird wohl nichts Anderes übrig bleiben," sagte er dann, „wenn er nicht bald versetzt wird. Wir könnten Tausende für heilige Zwecke sanlmeln, wie fie das Nachbarkloster zu B. mit der „blutschwitzenden Jungfrau" zur Zeit gesammelt. Mein Lieber, schafft wackere Brüder zur Stelle und eine wnnderthätige Relique, die Umgegend ist noch gut katholisch und ich würde hier gar Vieles zu Stande bringen." „Lassen Sie den Muth nicht sinken, Freund! Man weiß nicht, was die Zukunft ausbewahrt. Es könnte Alles werden — wenn —" „Wenn nur der Himmel gnädigst aus uns herabsähe. — Doch zum Zwecke Ich bin gewöhnt, gegen Abend bis zur anbrechenden Nacht ein Stündchen oder zwei im Gasthofe vorzusprechen, — Nicht etwa des Trinkens — oder der Un- | terhaltung wegen, o nein, man macht ein Spielchen mit dem ( Schulzen oder dem Förster, d.e schon infolge täglicher oder doch öfterer geschäftlicher Berührung nicht umhin kännen, das gebotene Spielchen anzunehmen. Dabei erhält man sich durch Schlichtung vorkommender Streitigkeiten auch bei dem Theil der Anwesenden, welche sündhaftermeise der Kirche fern bleiben, im gebührenden Ansehen, und vor Allem hindert man die Atheisten im Vorbringen ihrer religionsfeindlichen Ideen. Ueberdies sind wir dann in der Ncfi,e des Judenhanses und können ruhig abwarten, welche Wirkung der Brief hat, den ich vorbereitend heute Mittag an den Besitzer geschrieben. Vielleicht unternehmen wir auch eine kleine Excurfion in das Innere desselben." „Wir wollen hoffen, daß sich Alles zum Guten wendet," sagte der Fremde, „Alles in majorem Dei gloriam." Sie nahmen das Abendbrov ein, das die dralle Köchin indeß bereitet, der Pfarrer sagte ihr freundlich lächelnd „Gute Nacht," damit verließen sie das Haus. (Forts, folgt.) Hohes Alter. Der Schullehrer Joseph Mannheimer in Lakenbach (Oesterreich) feierte dieser Tage seine diamantene Hochzeit. Er ist 102 Jahre alt, hört und sieht recht gut, ißt mit Appetit und schläft einen gesunden Schlaf. Die Jubelrede hielt er sich und semer 99 I. alten Ehefrau selbst, sie lautete nach dem „Wiener Jsr." kurz, wie folgt: Rebekkaleben, wir sind Glückskinder, ich über 100, Du bist bald 100 unb eia Biederweib, das mehr als Perlen werth, wir feiern heute „Diamanten", — sind wir nicht reiche Leutchen? In Jwanowitz (Mähren) starb eine Frau Pauline Spitz 104 Jahre alt. Sie war nie krank gewesen und hatte nie Arznei genommen. Sie hinterließ 7 Kinder, das älteste 80jährig, 17 Enkel, 19 Urenkel, von letzteren einer bereits verheirathet. —Die „Eislebener Zeitung" vom 11. d. schreibt: „Heute verstarb hier die Wittwe Oppenheim (Jsraelittn) in dem gewiß sehr selten erreichten hohen Alter von circa 111 Jahren und war dieselbe nicht nur in unserer Stadt, sondern wohl in der ganzen Grafschaft Mansfeld die älteste Person. Sie wurde im Elsaß 1766 am 20. April geboren, aber Ort ihrer Geburt, sowie was für eine Geborene sie ist, ist unbekannt. Ihr Ehemann ist vor etwa 40 Jahren verstorben und Nachkommen sind nicht vorhanden. Was den Appetit, das Augenlicht und Gedächtniß anlangt, so war dieses noch sehr gut zu nennen. Durch einen erlittenen Beinbruch war fie seit l’/a Jahr behindert auszngehen. Noch in letzter Zeit gab sie vei Erzählungen ans den Kriegsjahren die genauesten Angaben über Zeit, Personen, sowie Thaten. Selif (Algier). Wittwe Camir Cohen, geborne Bent Gänoun, starb Ende Januar, sie war in Algier im December 1762 geboren, war also über 114 Jahre alt geworden. Sie war Ahnin der jetzt blühenden Familie Aboucaya und hinterließ fünf Generationen und an 70 Nachkommen beiderlei Geschlechts. (Arch. Jsr.)

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