Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 9. (1.3.1877)
- Date
- 1877-03-01
- Page
- Seite 74 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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74 r \ i i eilt Land träumen, das sie sammt ihrer noch so ausgezeichneten Bildung, einzig und allein weil sie Juden sind, verachtet und verhöhnt, nicht zu nahe treten, mögen sie in ihrem Eifer, falls sie wirklich die mehr als lobenswerthe Natur besitzen, denjenigen zu lieben, von dem sie unendlich gehaßt werden, nach Herzenslust selig werden; aber das können wir ihnen streitig machen, daß ihnen das Recht zustehe, dictatorisch patriotische Gefühle von den Massen, von der Gesammtheit ihrer gehetzten und verfolgten Glaubensgenossen zu verlangen. Verhielt es sich in Frankreich, Deutschland u. s. w, wo man den Juden lange den Patriotismus streitig machte, nicht ebenfalls so? War es nicht z. B. Mirabeau, der im Jahre 1784 eine Denkschrift „Moses Mendelsohn und die Reform der Juden" veröffentlichte, worin er nachwies, daß die verschiedenen Juden nur dann gute, nützliche und patriotische Bürger werden können, wenn der Staat sie in die Reihen seiner berechtigten Bürger aufnehme und alle confessionellen Schranken aufhebe? Und sollte heute, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nicht endlich auch in Rumänien Jemand das zu verkündigen oder vielmehr zu wiederholen wagen, was bereits vor fast 100 Jahren proklamirt worden ist? Solche correcte, mit den obschwebenden Verhältniffen in vollkommener Harmonie sich befindenden Aeußerungen würden bei den größten Judenfeinden ganz entschieden weit eher als alle erkünstelten patriotischen Demonstrationen Billigung finden. — Es wäre doch Zeit, daß der intelligente Theil unserer rumänischen Glaubensgenossen sich diejenigen Juden in das Ausland u. s. w. als Vorbild erwählte, welche in einer Zeit, wo sie wohl geduldet aber nicht gleichberechtigt waren, ununterbrochen für die vorenthaltenen Rechte kämpften, ohne jedoch indirect (wie in der Zuschrift an die „Unirea Democratica") zuzugestehen, daß die Juden selbst dann, wenn sie von allen Rechten ausgeschlossen, dennoch patriotisch sein müßten. — Eine rückhaltlose, offenherzige, keinen Hintergedanken hegende Sprache, fiele stets schwerer ins Gewicht, als alle noch so schön klingenden patriotischen Ruhmredigkeiten.— (Schluß folgt.) Vermischte und neueste Nachrichten. Breslau, 21. Febr. Heute Vormittags 11 Uhr wurde in der Synagoge des jüd.-theol. Seminars der Jahrestag des Todes des sel. Dir. Frankel von einer Schaar andächtiger Jünger und Freunde des Verstorbenen gefeiert. Erhebender Gesang begann und schloß die Feier, deren Mittelpunkt eine vortreffliche Gedächtnißrede des Dr. Eschel ba cher war, gleichfalls eines Zöglings des Verstorbenen, der jüngst in Bruchsal zum Rabbiner gewählt worden ist. In dem von edler Begeisterung getragenen Vortrage gab der Redner einen Abriß des reichen Lebens Frank els und entwarf ein Bild von der genetischen Entwickelung seines praktischen und wisienschaftlichen Wirkens. — Hoffentlich wird der Vortrag durch den Druck einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden. Berlin. Der Vorstand der hies. Synagogen-Gemeinde hat endlich unter den vielen Predigtamtscandidaten eine Wahl getroffen, sie fiel auf den Dr. Frankl aus Mähren, 31 Jahre alt, der seine Ausbildung auf dem Breslauer Rabbinerseminar erhalten, und deffen Gastpredigten hier im vor. Jahre Beifall hatten. Berlin. Die Concurrenz um den Preis der Michael- Beerschen Stiftung für Maler und Bildhauer jüdischer Religion ist in diesem Jahr für Bildhauer bestimmt. Frankfurt a. M. Ein hiesiges Lokalblatt veröffentlicht ein spezifizirtes Verzeichniß der Ausgetretenen nach Namen, Geburtsort, Stand und nach den Familienbeziehungen unter einander. Die Gesammtzahl beträgt 85, darunter sind n e u n geborene Frankfurter, und diese sind fast insgesammt zwei Familien angehörig. Die Uebrigen sind mit wenigen Ausnahmen aus den kleinern Orten der Umgegend eingewandert. Acht von den Nicht-Frankfurtern gehören der Familie des Rabb. Hirsch an; siebzehn sind Beamte u. s. w. der „Religionsgesellschaft". — Der neue Friedhof der letzteren ist bereits in Gebrauch genommen worden. Halberstadt. Die Familie Hirsch hat durch den Tod des im 45. Lebensjahre verstorbenen Hrn. Sieg mund Hirsch abermals einen herben Verlust erlitten. Das Leichenbegängniß des gleich seinen! Vater und ihm voraufgegangenen Brüdern s. A. durch seltene Wohlthätigkeit, Religiösität und Ehrenhaftigkeit ausgezeichneten Mannes fand unter großer Betheiligung Seitens der Gesammt-Einwohnerschaft — Hoch und Niedrig, Christen und Juden — und zahlreich herbeigeeilter Freunde, Verwandten und Verehrer statt. Sein Andenken wird zum Segen bleiben! Wien. Auf dem israelitischen Friedhof wurde dieser Tage der erste Proselyt beerdigt. Derselbe, Namens Isaak Franz Endtresser, war vor 5 Jahren, 31 Jahre alt, zum Judenthum übergetreten und war religiös im wahren Sinne des Wortes. Dies zeigte sich auch bei seinem Ableben, denn kaum eine halbe Stunde vor seinem Tode ließ er Leute herbeirnfen, sagte Widduj und nach Wiederholung des Schma schlief er sanft ein. Dr. Jelline k hielt ihm die Leichenrede. (W.Jsr.) Wien. Se. Majestät der Kaiser hat dem Med.-Doctor und emeritirten Professor Ludwig August Frankl als Ritter des Ordens der Eisernen Krone dritter Elaste in Gemäßheit der Ordensstatuten den Rltterstand mit dem Prädicate „Hochwart" verliehen. Im Haag wurde am 21. Februar der zweihundertjährige Gedenktag Spinoza's gefeiert. Die Festrede sollte Berthold Auerbach halten, da dieser jedoch verhindert war, sprach Ernst Renan. Aus Serbien berichtet man, daß sich unter den von der Regierung für die serb. Kammer empfohlenen Kandidaten auch ein angesehener Israelit, Abraham Oser aus Belgrad, befinde; derselbe erhielt die Majorität. Die Stadt Janina (in Epirus) hat einen ihrer jüdischen Mitbürger, den Kaufmann Moses Davitschon Effendi zu ihrem Abgeordneten in das türkische Parlament gewählt. Wie man hört, soll dieser Deputirte von einer eingewanderten polnischen Familie abstammen und eigentlich Davidson heißen. Algier. In einem Berichte des Wohlthätigkeitsvereines für 1875—76, den „Arch. Jsr." auszüglich mittheilen, finden wir eine Einnahme-Position: „Erlös aus dem Verkauf von Grabsteinen aus allen Friedhöfen." Höchst befremdlich, wenn es sich, wie nicht anders zu vermuthen, um '""Dp handelt! Ein Urtheil läßt sich freilich, ohne jede Kenntniß der lokalen Verhältnisse und vielleicht auch Gebräuche, nicht fällen. Feuilleton. Der letzte Jude. (Fortsetzung.) „Aber ist die Quelle, der diese Nachricht entspringt, auch eine sichere?" „Ich habe sie aus der sichersten, die ich bis heute kenne", entgegnete der Pfarrer, aus der einzigen, die ich für wahr halte — aus dem Beichtstuhl. Der Beichtstuhl liefert mir alle Nachrichten und Geheimnisse. O, es giebt, — fügte er lachend hinzu, — auf unserer lieben Mutter Erde wahrlich keine bessere Unterhaltung als jene, im Beichtstuhl zu sitzen und die Geheimnisse von Hoch und Niedrig, Alt und Jung, kennen zu lernen. Auch Clemens lachte. „Amüsant allerdings, sehr amü-