Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 8. (22.2.1877)
- Date
- 1877-02-22
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
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— 66 — Zeit ihrer Arbeitsunfähigkeit eine wöchentliche Geldunterstützung von 9 Mark zu gewähren; es ist das gewissermaaßen eine Unfallversicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit. Die hetr. Gesellschaft zählte im abgelaufenen Jahre 110 Mitglieder. Die Einnahmen (an Beiträgen, Zinsen, Spenden rc.) betrugen 1188 Mark, die Ausgaben beliefen sich in Summa auf 1011 M, wovon auf Unterstützungen 801 M. kommen. Unter den 9 Unterstützten befindet sich 1 mit 451, 1 mit 144, 1 mit 108 u. s. w. Das Vermögen der unter Leitung der HH. Ph. Rosenheim, N. Gradnauer und Leop. Rosenthal stehenden Gesellschaft beläuft sich auf rund 4700 M. Erfurt Hr. Benary ist zum Commerzienrath ernannt, Hr. Isaak Lamm zum Mitglieds der Handelskammer und Hr. Rabb. Dr. Jaraczewsky in den Waisenrath gewählt worden. Letzterer hielt Ende vor. Monats im Gewerbeverein mehrere, mit großem Beifall aufgenommene Vorträge über Astrologie und Mythologie der Egypter, Babylonier und Phönizier. T. Hamburg, 9. Februar. (Or.-Corr.) Vor einigen Wochen sind hier innerhalb weniger Tage drei Herren Levy, verschiedenen Familien angehörend, aber alle drei reiche und mit Recht angesehene Leute, gestorben, dämlich HH. Dav. Jac. Levy, Sams. H. Levy und Louis Samuel Levy. Den Wohlthätigkeitsanstalten der Stadt sind nach Testament oder nach den Bestimmungen der Testament-Executoren von jedem sehr namhafte Legate zugefloffen. Da nun in Ihrer Nr 6, natürlich durch die Namensgleichheit, Verwechselungen der Spenden in dem daselbst mit;etheilten Verzeichniß untergelaufen sind, wobei namentlich der Name des sel. Herrn. Louis S. Levy stark verkürzt worden ist, so sende ich Ihnen ein authentisches Verzeichniß, damit Sie danach eine Berichtigung geben können. Es sind also von Louis S. Levy, resp. desien Wittwe Louise geb. Sieskind, bedacht worden : Allgemeine Armen-Anstalt mit 600 M.; Blinden-Anstalt von 1830 mit 600 M.; Frauen-Verein 600 M.; (diese 3 nicht confessionell) Leop. Cohn; Stiftung mit 600 M.; Krankenhaus der deutsch-isr. Gem. mit 100 M; Verein zur Bekleidung armer Schüler der T.-T. mit 500 M.; Verein von 1871 zur Vertheilung von Lebensmitteln mit 600 M.; Mietheverein von 1828 mit 600 M; Frauenverein zur Unterstützung von Wittwen mit 600 M.; Gesellschaft zur Vertheilung von Feuerung von 1783 mit 600 M.; Mischenet Sekenim mit 600 M.; Mädchenbekleidungsverein mit 300 M.; Feuerungsverein von 1855 mit 600 M.; isr. Mädchenschule von 1798 mit 600 M.; Frauenverein zur Unterstützung von Wöchnerinnen mit 600 M.; Talmud-Toraschule mit 1000 M.; isr. Vorschuß-Institut mit 1500 M.; Armen-Commission der deutschüsr. Gemeinde mit 600 M.; deutsch-isr. Waiseninstitut mit 600 M.; isr. Schillingsrena mit 600 M. Zum Andenken des Herrn D. I. Levy sind von desien Ehefrau Henriette geb. Berg gespendet: dem Paulinenstift 300 M.; der Blindenanstalt von 1830 300 M.; der Deichstraßen- Synagoge 3000 M.; Feuerungsverein von 1855 300 M.; dem deutsch-isr. Waiseuinstitut 500 M.; Verein junger isr. Armeufreunde 300 M.; israel. Wohlthätigkeits-Verein von 1856 300 M. Minden. Wie die verschiedenen Parteien das Hetzen gegen die Juden als Mittel zu ihren Zwecken und Agitationen benutzen, davon hat unser Wahlkreis (Minden-Lübbecke) ein Beispiel geliefert, welches an Beweiskraft wie an Seltsamkeit wohl kaum übertroffen werden kann. Es standen einander hier gegenüber General von Etzel, Candidat der Liberalen, und Nathusius, Candidat oer orthodopconservativen Partei. Was hat nun ein preußischer Offizier höchsten Ranges und Adliger mit den Juden zu schaffen? Wie kann man ihn, bezw. seine Wahl, durch Hinweis auf Juden discreditiren? Das räth schwerlich irgend Einer, der's nicht gelesen hat. So ist denn das betreffende, an die Bauern vertheilte, von der „Mind. Zeit." abgedruckte Flugblatt wohl mittheilenswerth. Es lautet: „Lewe Landlüe in Müuden-Lübbecke — an de Städter wende ick mi nich, denn de sind so in das lieberale Wesen verbiestert, dat se man blos noch von de Petroleumhelden curirt werden könet — ick hübe höret, dat Ji einen General in dee Reichstag wählen wullt. Dagegen wäre nu im Allgemenen nix intowenden, man de upgestellte Candidat. den sine Moder ne Judentochter was, hat for sine jüdische Sippschaft so ne Lewhaberie, dat he, als er Director von de Kriegsakademie was, den ungedöbten Juden Dr. Lazarus als Lehrer anstellte, de aber nich länger btiw, als de Herr General sülmst, und dat was nich alltolange. Oak in die Frimürkerie, worin he för Meester speelt, hat he sich gewaltig bemoihet, den Juden Jngang to verschaffen un he was ganz grimmig, als dat nich glücken wulle. De Candidat also, den die Liberalen upstellt, is en Lewhaber von de Judenwirthschaft, un wat dat bedütet, dat weet jeder redliche christliche Landmann. Von Juden, Lasker, Bamberger nn so fürder, werdet de Liberalen regieret; die Inden sind es, de us de schönen Börsen-, „Bank"- und Wuchergesetze makt hebbet und noch viele andere im Sinne hebbet, und us endlich Allen das Fell über de Ohret trecket. Will Ji also dat Judenregiment noch mehr in de Högte bringen, so kön Ji nix beeteres dohn, als den Herrn von Etzel zn wählen. Es grüßt In ein Landsmann und ein Landmann." Wien, 18. Februar. Der Minister für Cultus und Unterricht hat angeordnet, daß in den Mittelschulen nicht, wie da und dort vorkam, den Schülern einer und derselben Claffe an einem Vormittage zwei Lehrstunden der Mathematik ertheilt worden. Da, wo aus Rücksicht auf die israelitischen Schüler am Sabbath nicht Mathematik gelehrt wird, können an einem Tage zwei Stunden für Mathematik bestimmt werden. — Der Dichter M o s e n t h a l ist im Alter von 56 Jahren gestern gestorben. Jerusalem. Die hiesigen jüd. Blätter klagen sehr über Regenmangel, in Folge dessen der Preis des Waffers sehr hoch geworden ist und auck die Getreide- und Mehlpreise erheblich steigen. Es droht dadurch den Armen große Roth. Man fürchtet, daß der Regen nunmehr ganz ausbleiben, oder wenn er jetzt noch fallen sollte, für die Landwirthschaft schon zu spät kommen wird. Die Sefardim in Jerusalem haben, um Regen zu erflehen, eme Ceremouie vorgenommen; welche in den Blättern beschrieben, aber selbst von „Schaare Zion" seltsam und befremdlich genannt wird. Man hat mit großer Feierlichkeit in Prozession eine Menge alter D’ISD zur Stadt hinausgetragen und begraben. Dies geschieht auch sonst regelmäßig etwa alle fünf Jahre, geschah jetzt aber früher als sonst. Wie (das jetzt in schönerer Ausstattung erscheinende „Habazeleth") vom 26. Januar berichtet, „öffneten sich am selbigen Tage die Schleußen des Himmels und wohlthätiger Regen strömte herab." Serbien. Aus Belgrad, 12. Februar, läßt sich die „Polit. Corresp." telegraphiren: „Die Pforte scheint auf die Präliminarbedingung, betreffend die Gleichstellung der Katholiken und Juden gegen das von Serbien gemachte Zugeständniß zu verzichten, diese Frage auf dem Wege der Legislative selbstständig regeln zu wollen; dagegen telegraphirt ein Corr. des.'„Daily Telegr.", der Großvezier bestehe auf der Forderung der relig. Freiheit. Feuilleton. Der Letzte Jude. Drittes Kapitel. Da, wo Rolandsau nach Norden umbiegt, — die gelammte Häusermaffe bildete einen Halbkreis, — also gerade in der Mitte des Ortes liegt das stattliche Pfarrhaus. Man kann nicht behaupten, daß es mittelalterlich gebaut sei, denn die Fenster waren hoch und licht und der Ziegelbau deutete ebenfalls uicht auf entschwundene Jahrhunderte, — es war