Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 8. (22.2.1877)
- Date
- 1877-02-22
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ders ihren Vater erkannt, der seit einiger Zeit vonr Hause verschwunden war, und war hergekommen, um sich Gewißheit zu ve schaffen. Nach Vorzeigung der Photographie, welche sie bei sich trug, stellte es sich auch richtig heraus, daß der Selbstmörder kein anderer, als ihr Vater, nämlich der. Goldschmied T. F. aus Budapest sei. — Nur war er ein — Katholik. Die Juden forderten nun die Transportirnng des Leichnams aus dem Friedhofe auf Kosten der Famile des Selbstmörders, die Familie hingegen protestirte gegen die unrechtmäßig und eigenmächtig vorgenommene Beerdigung nach mosaischem Ritus. — Beide Parteien haben die Klage anhängig gemacht. (P. Vbl ) Rumänien. Wien. Ter Vorstand der „Israelitischen Allianz zu Wien" hat einen Aufruf erlaffen, in welchem er unter aktenmäßiger Darlegung der Verfolgungen, welche die Juden in Rumänien neuerdings zu erdulden hatten, zu Unterstützungsbeitrügen für dieselben auffordert. Es heißt in demselben: „Die Judenverfolgungen in Rumänien haben sich seit November v. I. in einer Weise erneuert, welche der Barbarei der fi stersten Zeiten gleichkommt. Ebenso mißtrauisch gegen Darlegungen, welche auf Uebertreibuug beruhen könnten, als gegen freche Ableugnnngen, hat die „Israelitische Allianz zu Wien" es sich zur Aufgabe gestellt, in gebotener dringlicher Eile die unverfälschte Wahrheit über die Thal bestände in verläßlicher Weise zu Tage zu fördern, wobei nachfolgende kurzgefaßte Resultate sich ergeben haben. 150 Parteien, niit Frauen und Kindern, eine Seelenzahl von mindestens 740 umfaffend, sind in der strengsten Winterszeit aus den Dorfschaflen des Districts Vaslui (Moldau) allein, woselbst sie seit einer bis auf 25 reichenden Reihe von Jahren ihren Wohnsitz inne gehabt hatten, auf das Unbarmherzigste verjagt worden Die Namenliste dieser Unglücklichen liegt in unseren Bureaux auf, und sind unter denselben bisher 13 Parteien österreichisch ungarischer Nationalität constat'rt worden. Die entsetzliche Hilflosigkeit der ihrer Habe Beraubten und allen Unbtlden Preisgegebenen findet nur in den in Rumänien zu Recht bestehenden Zuständen hinsichtlich der Justiz und deren Handhabung ihre Erklärung. Wie unwiderlegliche Beweise darthun, fielen ein hochbetagter Greis, vier Männer und mehrere Kinder den grausam durchgeführlen Austreibungen zum Opfer. Indem diese der europäischen Civilisation hohnsprechenden Gräuel der Einsichtsnahme der hohen Schutzmächte und das Schicksal der Betroffenen fremder Nationalität der Protection ihrer respectiven Consnlarbehörden überantwortet bleiben, liegt es uns zunächst ob, dem entstandenen Jammer und Elend nach Kräften Abhilfe zu leisten." In der Beilage heißt es: „Den von allen Seiten gemeldeten Nachrichten über die im Districte Vaslui (Moldau) staltgehabten Judenaustreibungen wurden von Seite der run änischen Negierung formelle bündige Dementis entgegengesetzt, welche auch in österreichische Blätter Eirlgang gefunden haben. Um die Wahrheit zu eruiren, sah sich die „Israelitische Allianz zu Wien" veranlaßt, eine specielle Enqußte zimveranstalten, deren Ergebnisse in einem Berichte zuverlM^er Gewährsmänner vom 15./27. Jänner a. c. niedergelegt sind." Aus dem nun folgenden Berichte heben wir einige Hauptpunkte hervor. Die Austreibung hat seit dem November 1876 begonnen. Fast im ganzen Districte Vaslui wurden von den Plätzen Racova, Funduri, Crasne, Mijlocu alle Juden verjagt. Vom Platze Slavniku wurden nur wenige vertrieben, weil der Subpräfect ein gemäßigter Mann ist Es läßt fich dahin präcisiren, daß gegen vier Fünftel im Districte die Maßregeln executirt wurden. Von den Verriebenen sind 114 Familien iu Vaslui bekannt; circa 50 Familien sollen noch in anderen Ortschaften sich befinden. Alle sind Familienväter, und zwar von 3—9 Kindern. Von Christen fremden Schutzes wurde keine Seele verjagt, auch nicht das Licenzengesetz angewendet; Die Austreibung fand auf mündliche Ordre des Präfecten Neroh Llipasco statt. Die mitschuldigen Subalternen sind die Subpräfecten Namens Lascar Sion, Costachi Ramascu, Jordachi Motufil, Costiu Stourdza, (letzterer ist diese Woche einer chronischen Krankheit erlegen). Die Primars sind wegen der Austreibung unschuldig, da sie vom Präfecten und Subpräfecten strenge Ordre hatten. Gewaltthaten waren fast überall, Gräuelscenen nur in einzelnen Communen. Es wurde keine eigentliche Untersuchung eingeleitet, nur exceptionell auf Verlangen des Mendel Salomon, rumänischen Unlerthans, domicilirte Commune Jvanesci, Plaffa Racova. Dies wurde vom österreichischen Viceconsul protokollirt. Die Untersuchung hat bis nun nichts zum Resultate gehabt, trotzdem voin Parquete seine Klage am Thatorte als wahr co.astatirt wurde. Es folgen dann Auszüge aus 10 mit österreichischen Uuterthanen aufgenommenen Protokollen. Diese berichten insgesammt iu jammervoller Wiederholung dieselben Schandthaten: Austreibung, Beraubung und mehr oder wenige schwere Mißhandlung. Wir lasse» eins folgen weil es das kürzeste ist: Ich Moise Grünberg, österreichischer Unterthan, von der Commune Gircin, Plaffa Racowa, District Vaslui, wo ich seit 20 Jahren wohne, erkläre: „daß am 30. Nov. 1876 ein Consilier, begleitet von einem Vategel zu mir kam, legte mich und meine Familie auf einen Wagen und ließ mich aus dem Dorfe führen! Mein ganzes Vermögen blieb dort und weiß bis heute nicht, was damit geschah; mein Schaden ist sehr beträchtlich." Die übrigen Protocolle sind viel länger und berichten von vielfachen körperlichen Mißhandlungen mit mehr oder weniger schweren Folgen. Hie und da hat der Beamte Theile von der Habe der Juden an Bauern u i. w. verschenkt u. d. m. Den Schluß des Momerandums bildet ein ganz specielles Namens Verzeichniß der Ausgetriebenen — zu dem noch Ergänzungen in Aussicht stehen. Es enthält Name, Wohnort, Vaterland und Zahl der Familienglieder. Hieraus beziffert sich, wie oben augegeben, die Zahl der Vertriebenen auf 150 Parteien mit 740 Personen, worunter 433 Kinder. Es sind jedoch mehr, weil bei vielen Personen die Zahl der Familienglieder nicht angegeben ist. — Beim Schluß der Redaktion geht uns ein ähnlicher Berich l vom C e n t r a l - C o m i t e der Alliance isr. Univ. aus Paris zn. Dieselbe enthält 48 Protokolle, einschließlich der obenerwähnten zehn. Die Namensliste ist jedoch in dem Wiener Bericht vollständiger. Aus Wiener Blättern sehen wir, daß der „Aufruf" gleich in den ersten Tagen bedeutende Erfolge erzielt hat, am 8. und 9. gingen 2934 Gulden und 3000 Reichsmark (vom rumän- Hilfscomit^ in Berlin) ein. — Der Präfect Lupescu ist inzwischen abgesetzt und an seine Stelle der Oberst Miclescu ernannt worden*) Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Zu den von uns in Nr. 6 aufgezählten 5 jüd. Reichstagsabgeordneten ist als sechster noch Herr Mendel (für Charlottenburg) nachzutragen. Magdeburg Außer den in jeder jüd. Gemeinde befindlichen Krankenpflege- und Beerdigungsgesellschaften existirt hier auch noch eine „Kranken-Unte rstü tzungs-Gesellschaft", die den höchst löblichen und anerkennenswerthen Zweck verfolgt, den kranken Mitgliedern, die es beanspruchen, während der *) Correspondenz von T, im nächsten Blatte.