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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-02-22 · N° 8. (22.2.1877) · p. Seite 67

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 8. (22.2.1877)
Date
1877-02-22
Page
Seite 67 (sequence 7)
Language
German
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/ — 67 — kurz nach dem Amtsantritt des jetzigen Pfarrherr» vollendet. In diesem, von einem Garten umgebenen, freundlichen Hauie wohnte jedoch der finstere Geist römischer Priesterherrschaft, der Geist des Utlramontanismus und des Jesuitismus. — Die Thüre zum Studirzimmer öffnete sich, zwei Männer in dunkler Kleidung, die sofort die katholischen Geistlichen erkennen ließ, traten langsam ein. Den Ersten derselben, eine korpulente behäbige Gestalt, auf die Luthers geflügeltes Wort von dem Fasten der Mönche wohl Anwendung finden könnte — die Zahl seiner Jahre schätzten wir auf fünfundvierzig — erkennen wir sofort als den, wenn auch blos körperlich ehrfurchtgebielenden Pfarrherrn. Sein Begleiter, den er freundlichst zum Niederlassen auf dem blaugebtümten Sopha einlud, ist eine lange, auffallend hagere Gestalt mit stechenden Augen und hoher Stirn, den Körper in die schwarze Civilkleidung gehüllt, wie ne die katholischen Geistlichen unserer Großstädte täglich zur Schau tragen, hatte sich vor einigen Tagen als Jesuilenpater Clemens schriftlich bei ihm gemeldet. Die dralle, freundliche Köchin brachte einen Imbiß und zwei Flaschen Wein, die der Wirth eigenhändig entkorkte, nachdem er die Dienerin mit einem danklächelnden Blicke gnädig verabschiedet. „Nun mein Lieber," sagte er, nachdem sie die Gläser gefüllt und der Fremde den köstlichen Trank nach Gebühr gelobt hatte — „sagen Sie, wie gefällt Ihnen der Flecken der Erde, den ich zur Zeit bewohne?" „Nicht übel; als ich der Straße einherzog, beobachtete ich die Leutchen bei der Arbeit und ich gestehe, der Eindruck, den ich hier empfing, war der beste, den ihr wünschen könnt. Wie das schneidet und nläht, und rastlos von Garbe zu Garbe eilt, froh und heiter sein Lied dazu singend, zufrieden trotz des Schweißes, den die schwielige Hand in Strömen von der gebräunten Stirn streicht! Mein Lieber, ich sagte mir sofort: das ist ein Volk, das der Herr segnet, dessen Bäume er reichlich begießt, und dessen Frucht er gnädig beschirmt." Der würdige Pfarrherr seufzte. „Leider", sagte er, „leiht der Himmel seinen Segen diesmal den Unwüdigen, oder vielmehr, dieser Segen des Himmels hat sie seiner unwürdig gemacht! O, mein Lieber, ist das ein gottlos sündiges Volk bei all' seinem Fleiß und all' seiner Arbeit. Tretet ein bei einer Predigt in uwere Kirche — und Ihr findet sie halb leer. Der Organist, die sehr gelichtete Kinderschaar, ein Dutzend Frauen und wenige Männer — das ist die ganze Zuhörerschaft. Wie oft wünschte ich im Stillen, daß ein Unglück über Rolandsau hereinbräche, denn das Unglück ist eine eindringliche Lehre — ein Mahnen, an das Dasein des Herrn sich zu erinnern. Ein kleiner Brand, ein Hagelschlag, das wäre die beste Erinnerung an das Dasein der Kirche und die beste Adreßangabe an unser« Herrgott, die Kirche würde sich dann schon füllen und —" „Schade!" sagte der Fremde sinnend. „Wir hatten so Gutes im Sinne, so aber wurde unser Vorhaben durch den heutigen Beschluß des Gemeinderathes vereitelt!" Der fromme Pfarrherr seufzte. „Unmöglich". Hm, noch nicht ganz — aber — doch theilweise! „Ja, ja, wenit der Himmel «reine Gebete erhören wollte, um einen artigen Hagel oder eine Nacht der Flamnren, wenn er den Würgengel Pestilenz nur einen Monat in diese Gefilde senden, und ernten lasse» wollte, welche Wohlthat hätte er den armen Seelen der Ueberlebenden, wie der sterbend Umkehrenden damit erzeugt." „Wenn ich iricht irre, — sagte der Fremde wieder, nachdem er ein zweites Glas geleert, — so sagten Sie mir, daß noch immer eine Aussicht sich uns eröffne, sodaß wir hoffen dürften, binnen Kurzem doch noch ein Grundstück durch die dritte Hand im Orte zu erwerben. Wir müffen hier Wurzel fassen, wir müssen es. Man muß den Leuten darlegen, von welch großem Nutzen eine neue Schule hier wäre, «ran muß den Frauen besonders sagen, daß die jetzigen Schulen eine Brutstätte der Verderbniß, der Jrrreligiosität sind, und daß der enge Raum der jetzigen Schulen für den Gesundheitszustand der Kinder von großem Nachtheil wäre u s. w." „Ach, wenn nur nicht der Feinde so viele wären", seufzte der Pfarrer. „Feinde! bah! die katholische Kirche hat seit ihrer Begründung Feinde wie Sand am Meere, und wie groß und mächtig steht sie da! Je mehr Feinde, desto größer der Triuinph. Die Gegend ist reich, sehr reich sogar, der Kern des Volkes katholisch, — sollen wir uns von einigen Kampfhähnen abhalten lassen, das zu thun, was unsere Pflicht ist, die verirrten Seelen auf den rechten Pfad zurück zu führen? Haben wir erst eine Schule hier errichtet, dann ist auch der Orden trotz Gesetzen hier und der Sieg ist unser. Daß unsere Schule großen Zuspruch haben wird, sind wir gewiß. Der Geburts- und Landadel wird uns seine Kinder schicken, der Geldadel und die Reichen des Ortes werden Geschmack daran finden, dies nachzuahmen und nach kurzer Zeit wird sich ja Herausstellen, welcher Unterschied zwischen unseren Thätigkeitsmitteln und denen der Gemeinde-Schulen ist." „Kein Zweifel!" „Nun also? Welches ist das Grundstück, d-s Sie noch erwerben zu können glauben? Haben Sie eine Idee — einen Plan?" „Ob ich einen Plan habe? Einen großen, vortrefflichen Plan!" sagte der Pfarrer mit iriumphirender Miene. „Hört mich an: In unserm Flecken wohnt, dem Himmel sei es gedankt, blos ein Jude, der „Letzte" von mehreren Hunderten, welche früher hier seßhaft gewesen. Ein Kirchendiebstahl vor Jahren war die Ursache ihrer Vertreibung, die Scheu vor einer Wiederholung der damaligen Scenen, vielleicht auch der Zufall, trug die Schuld, daß sie sich nicht wieder ansiedelten. Dieser „letzte Jude" gilt bei seinen Glaubensgenoffen in der Umgegend als „aufgeklärt", so daß er, wie ich glaube, vielleicht auch zu unserer alleinseligmachenden Kirche übertreten würde. Doch dem sei wie ihm wolle!" „Nun hat aber der Jude ein Töchtercheu, ein frisches, allerliebstes Ding. Sie zu yerheirathen, dainit sie nicht noch Mehreren den Kopf verdrehe, als sie bereits gethan, ist der sehnlichste Wunsch des Alten. Er würde dann mit Freuden sein Haus verlausen und für sein Geld in der Residenz ein weit würdigeres Asyl für seinen Retchlhum zu gründen Gelegenheit nehmen Nun habe ich aber bemerkt, daß das junge Ding seit Kurzem eine Liebschaft mit einem Ingenieur unterhält, der, wie man sagt, behufs Anlegung einer neuen Bahn zur Zeit hier domicilirt." „Eine neue Bahn?" warf der Fremde ein, „Mich dünkt, diese sei längst in Angriff genommen! Jst's nicht die Linie Rolandsau-Gottessegen! — die an den Walzwerken der Gräfin vorüberführen soll?" „Gewiß", entgegnete der Pfarrer, „nur werden die Walzwerke nicht mehr lange im Besitze der Gräfin sein und demnächst die Arbeit gänzlich einstellen müssen, wenn die stolze Frau sich nicht baldigst zum Verkaufe entschließt. Die erste Folge dieser Halsstarrigkeit mußte die sein, daß die Bahn nicht ausgebaut wird und diese ist für unsere Zwecke die angenehmste. Sie wissen, mein Lieber, mit den Eisenbahnen gehen auch die Elemente höherer Bildung immer näher heran und je gebildeter das Volk wird, je machtloser wir. Was jedoch den Ingenieur betrifft, so ist sicher der Bahnbau nur der schützende Mantel, der seine wahre Person verbirgt und dürsten meine technischen Kenntnisse den seinigen sicherlich die Wage halten. Unter dem Rocke des Ingenieurs verbirgt sich im Gegentheil der junge Graf von Rolandsau. — Unter der falschen Hülle konnte er sich um so leichter in das Herz der schöneil Jüdin schleichen, und wie weit die Liebelei führt, wird man ja wohl sehen!" „Aber woher wiffen Sie das?" fragte Pater Clemens. „Woher? Man hat den Grafen erkannt und es für eine Pflicht gehalten, mir diese Entdeckung mitzutheilen." (Fortsetzung folgt.)

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