Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 8. (22.2.1877)
- Date
- 1877-02-22
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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64 — tusverwaltung und unter zahlreicher Berheiligung hiesiger Gemeindeangehörigen die feierliche Eröffnung der Lipschützschen Versorgungsanstatt statt. Ein edles Brüderpaar: Julius und Benno L ifisch ütz, gebürtig zu Kriegshaber, und vor mehreren Jahren — ersterer dahier, letzterer in Wien — verstorben, bestimmte seinen sehr bedeutenden Vermögensnachlaß von circa 400,000 Mark zur Stiftung einer Versorguugsanstalt dahier für altersschwache, arme Israeliten und errichtete sich durch diesen großartigen Akt humaner Gesinnung ein unvergängliches Denkmal in den Herzen aller wahren Menschenfreunde. Nachdem der königl. Advokat Herr 1)r. Aub, erster Vorstand der israel. Cultusgemeinde, in lichtvoller Weise Entstehung, Zweck und Bedeutung der Anstalt dargelegt halte, hielt Herr Rabbiner Dr. Perles die Weiherede und besprach, anknüpfeno an Jesaras 58, 7 u. s. s., die Regelung der socialen Frage nach jüdischen Grundsätzen. Der Redner hob namentlich hervor, daß Förderung der Humanität im Allgemeinen und werkthäliger Fürsorge gegen Arme und Bedrängte insbesondere den Grundgedanken unserer heiligen Lehre bilde, und daß ir i ch t Aufhebung aller S t a n d e s - und Vermögensunterschiede, wohl aber die durch lhatkräftige, nachhaltige Unterstützung der Rothleidenden erreichbare Ausgleichung im socialen Leben von der mosaischen Gesetzgebung angestrebt werde. Nachdem den Manen der edlen Stifter der wohlverdiente Nachruf dankbarer Anerkennung gewidmet worden war, schloß Redner die erhebende Feier mit dem üblichen Weihegebete. In die in jeder Beziehung zweckmäßig eingerichtete Anstalt sind vorerst 15 Psründner und Pfründnerinuen aus den verschiedensten Theilen Bayerns ausgenommen. Oesterreich. Wien. Aus dem 34. Jahresbericht des Vereins zur Beförderung der Handwerker unter den inländ. Jsraelüen ergrbt sich „im Ganzen und Großen ein getreues Bild der Zeitverhältmsse. Stetige Vermehrung der Zöglinge bei andauernder Minderung der regelmäßigen Zuflüsse." 369 Zöglinge sind in diesem Jahre — gegen 319 im vorigen — unter der Obhut des Vereines gestanden. Neu aufgenommen wurden 111 — gegen 77 —, die Lehre vollendet Huben 71. Diese letzteren bilden eine seit dem vierunddreißigjährigen Bestände des Vereines noch nie erreichte Zahl. — Die Lehre vor ihrer Vollendung haben 46 verlassen, und so zählte der Stand Ende des verflossenen Jahres 252 Zöglinge. Im Gegensätze hiezu ist leider abermals eine Abnahme der Milgliederzahl um iliehr denii 70, und in dessen Folge auch einen Ausfall in den Jahresbeiträgen uni fast fl. 400 zu constatireu, wobei die unerläßlichen Ausgaben, wie Taxen, Wäsche und Bekleidung um beinahe fl. 800 zugeuommen haben. Im Vergleiche zum Vorjahre betrugen die Einnahmen: 1876, fl. 9193. 89, 1875', fl 9157. 64. Daß sich 1876 doch ein kleiner Plus ergeben hat. liegt daran, daß 832 fl. rückvergütet wurden. Die Ausgaben betrugen 1876, fl. 8915. 78, 1875, fl. 8290. 57. Die obwalieiiden, für den kleinen Gewerbsmann besonders drückendeit Verhältnisse, sowie manche in den letzten Jahren nach dieser Richtung gemachten unangenehmen Erfahrungen, veranlaßten den Vorstand, nur diejenigen jungen Leute zur Etablirung eines selbstständigen Gewerbes zu ermuthigen, welche hinreichende Gewähr für die Wahrscheinlichkeit günstigen Erfolges bieten. Aus diesem Grunde konnten auch die so wohlthätig wirkenden Baron Königswarter- und Therese Meyer-Stiftung ihre Verwendung in diesem Jahre nicht finden. -r- Prag, 2. Febr. Der jüngste ministerielle Erlaß, von welchen in Nr. 5 d. Bl. gesprochen wird, nach welchem die Israeliten derjenigen Ortschaften, in welchen kein Rabbiner rst, sich bezüglich der Eheaufbietungen und Trauungen der nächstgelegenen Rabbinatsgemeinde anzuschließen und die entfallenden Gebühren zu zahlen haben, darf nicht blos deswegen als ein bedeutender Schritt zum Beffern begrüßt werden, weil dadurch das Ansehen der wirklichen Rabbiner gehoben wird, es ist ein noch wichtigerer Grund, welcher diesen Erlaß als sehr erwünscht erscheinen läßt. Seitdem in vielen Kreisen die Kreisrabbinate aufgehoben worden sind, herrschte in Böhmen bezüglich der Trauungen eine heillose Verwirrung; in den kleinern Ortschaften gehörte es zu den Alltäglichkeiten, daß jeder Unbefugte, der oft von dem jüdischen Ehegesetze gar keinen Dunst hatte, Trauungen vornahm, wodurch die Gefahr sehr nahe lag, daß Ehen, wlche gegen das jüdiiche Ehegesetz verstoßen, geschlossen werden können Dieser Unzukömmlichkeit wird durch den Erlaß ein Ende gemacht. Es dürften aber auch durch den Erlaß einige größere Gemeinden, welche schon seil Jahren ihre Rabbiuatssitze itnbesetzt lassen, wie z. B. Raudnitz, Herniemestic, Schültenhofen u. A sich veranlaßt sehen, wieder Rabbiner zu berufen, was gewiß nur von guten Folgen sein kann. Die Gemeinden sollten doch schon einseh en, daß ein wissenschaftlich gebildeter Rabbiner weit Ersprießlicheres für Synagoge und Schule wirken kann, als ein mustkalisch gebildeter Canlor, um in erster Reihe die Rabbinerfrage zu lösen, und dann für den wohlgeschulten Chor mit Cantor zu sorgen. Auch in Prag giebt es größere Synagogen, w.lche das Gotteswort dem Gesänge zum Opfer bringen, und wollen ihre Mitglieder eine Predigt hören, so sind sie genöthigt, als Gäste am fremden Tische zu erscheine». Nach den Statuten der Prager Chebra Kadischa, deren Grundstock von dem berühmten hohen Rabbi Löb herrühren soll, werden ani Rüsttage des Monates Schebat in unserer Gemeinde zwei Deraschoth gehalten. Die erste Derascha wird im Vereinssaale gehalten, in derselben hat der betreffende Redner eine beliebige Stelle aus dem Commentare über den Tr. Aboth vom anzuführen, nach Beendigung der Derascha folgt das Jom Kippur Katan Gebet, und hierauf die zweite Derascha in der Klaussynagoge, als der dem Vereinssaale zunächstgelegeneu. In diesem Jahre hielt die erste Derascha Herr vr. N. Grün, und die zweite Herr Prof. Kämpf vor einem sehr zahlreichen Auditorium. — Im Afike Jehuda-Vereine hielt am Abende des 13 Jänner Herr Rabb. vr. Plaut aus Karlsbad einen mit vielem Beifall aufgenommeuen Vortrag über Josephus. Rakos-Palota (Ungarn). An einem Morgen des verflossenen Januar trieb der Kuhhirt seine Heerde auf die Weide hinaus. Beim Palataer Walde angelangt, sah er an einen Baumstamm angelehnt einen alten Mann stehen, rief ihm einen guten Morgen zu und ging seines Weges. Plötzlich bemerkte er jedoch, daß seine Kühe stehen blieben und sich beim Anblicke des alten Mannes furchtsam zurückzogen. Der Kuhhirt rief dem alten Manne zu, von dort wegzngehen, da er seine Kühe nicht weiter bringen könne, erhielt jedoch auch auf wiederholtes Zurufen keine Ailtwori. Stumm und unbeweglich blieb der Alte an seinem Platze stehen. Da verließ den guten Kuhhirten denn endlich die Geduld, und mit erboster Miene schritt er auf den vermeintlichen Trotzkopf zu. Da gewahrte er aber, was seine scharfsichtigeren Pflegebefohlenen schon früher wahrgenommeu hatten, baß nämlich der alte Mann nicht am Baume stand, sondern stch an demselben aufgehängt hatte, und zwar an einem so langen Stricke, daß seine Füße beinahe den Boden berührten. Auf die sofort erstattete Anzeige des Kuhhirten wurde die Leiche vom Baume herabgenommen, in die Gemeinde gebracht und sezirt, und nachdem der Honorar-Komitats-Arzt „mit vollkommener Bestimmtheit" konstatirte, daß der Tobte ein todter Jude sei, wurde der Leichnam nach dem mosaischen Ritus im dortigen israelitischen Friedhofe beerdigt. Kaum hatte jedoch der unglückliche Selbstmörder einige Tage im Schoße der Muttererde Ruhe gesunden, als seine in Budapest wohnende Tochter nach Räkos Palota kam, um den Leichnam ihres Vaters zu reklamiren. Sie hatte von dein Selbstmorde gehört, hatte in der Beschreibung des Selbstmör- \\