Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 7. (15.2.1877)
- Date
- 1877-02-15
- Page
- Seite 57 (sequence 5)
- Language
- German
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ter habe nicht lediglich nach dein Principe zu urlheilen, sondern auch locale und persönliche Verhältnisse mit in Betracht zu ziehen. So werde ja auch ein in Aufregung begangenes Verbrechen anders beurtheilt, als wenn es mit kaltem Blute vollbracht worden fei; so werde der gebildete Verbrecher anders bestraft, als der uiigebildele. Als Erfordernisse eines jeden ordentlichen Gottesdienstes und als Mittel zur Erhaltung der gottesdienstlichen Ordnung stellte er Verständniß uild B lehrung auf. Die Gemeinde sei nicht frei von aller Schuld, wenn sie nicht solche Einrichtungen treffe, daß Verstünvmß und Belehrung Dem Gottesdienste nicht fehlen, aber die Negierung könne vielleicht Störungen des Gotlesdienites nicht strafen, welche ans dem Mangel an Verständniß und Beehrung hervorgegangeii sind, so sie die Gemeinde in der Einrichtung der dafür erforderlichen Institutionen nicht nur nicht direct unterstütze, sondern zum Theil indirect hindere. Unter dem früher» Ministerium nämlich habe der jüdische Religionsunterricht nicht als obligatorisch gegolten, und dadurch fei es den Vorständen erschwert worden, einen Religionslehrer anzustellen und die Kinder zuur Besuche der Religionsschule anznhalten. Außerdenr sei das Ministerium der Absicht des Rabbiners, die Religionsschule zu inspiciren und in den Gemeinden zu predigen, mit den Vorständen hindernd irr den Weg getreten. Das jetzige Ministerium habe freilich, dein Prrncipe der confessionsloseu Simultanschulen entsprechend, auch Den jüdischen Religionsunterricht als obligatorisch erklärt und bestiurml, daß auch für dessen Kosten aus öffentlichen Mitteln aufzukoinmen sei; aber dennoch sei bis jetzt in den weurgsten Gerneinden weder für Religionslehrer und -Unterricht gesorgt, noch werde dafür bezahlt. Den Gemeinden aber fei jetzt durch Auflösuug der Confessiousschulen und den Wegfall der Jnrraden aus denselben die Möglichkeit genomruenen, aus eigenen Mitteln für Religionslehrer und -Unterricht zu sorgen. Mit dem Lehrer fehle der Geineinde auch der Cantor uiiü somit dem Goltesoieiiste neben Verständniß und Belehrung auch die Würde und Ordnung, da irgend Jemand aus der Gemeinde die Leitung des Gottesdienstes zu übernehmen genöthlgt sei. Wohl sei es nicht die Sache des Gerichts, solche Zustände zu ändern, aber deiii Richter müsse daran liegen, sie zu kennen, um danach die Strafbarkeit und das Strafniaß des vorliegeriden Falls zu benrtheilen. Das Urtheil lautete auf eiiie geringe Geldstrafe. Der vereinzelte Vorfall I at aber auch noch ein allgenieilies Interesse und dieses rst uns die Hauptsache. Es hat nämlich seine Bedenken, durch polizeiliche Gewalt Ordnung und Andacht in den Gottesdienst zu bringen. In uiisereii Vorständen steckt immer noch zu viel von dem alten machte,aberischen und befehlenden Parnoßus; viele sind sogar der thätigen Theilnahme am Gottesdienste entfremdet, ihr Auge ruht ilicht andachtsvoll auf dem Gebetbuche, sonderu schweift Wache haltend im Gotleshause uuiher. Nicht so! Ruhe und Ordnung des Gottesdienstes müssen in der Art desselben begründet, durch unsre Andacht gesichert fein und daraus wie von selbst hervorwachsen. Warum sind I Ruhe und Ordnulig im christlichen, wenigstens dem evange I lischen Gottesdienste musterhaft? warum unterscheidet sich die- } ser darin immer noch von dem bestgeordnelen jüdischen Gottesbienste? Es scheint dies in der allgemeinen Verständlichkeit des Gotlesdienites zu liegeil, und weil der katholische Gottesdienst ebenfalls unverständliche Eleniente hat, eine Sprache, welche nicht jeder versteht, lassen auch hier Ruhe und Ordnung viel zu wünschen übrig. Ich bin weit entfernt, für gänzliche Entfernung der hebräischen Sprache aus unserm Gottesdienste zu reden; ich plädire nur für die allgeuleine Verständlichkeit des Gottesdienstes, während jetzt die Wenigsten die hebräischen Gebete lesen, geschweige verstehen können. Und da sollen Ruhe und Ordnung bei Allen gesichert sein? Ferner entbehrt der jüdische Gottesdienst oft des verständnißreichen und würdevollen Vortrags der Gebete, selbst wenn beamtete Cantoren fungiren, geschweige wenn dies Laien thun. Und da will man allgemeine Andacht, Ruhe und Ordnung erwarten? Auch leidet der Gottesdienst sehr oft an zu großer Länge gegen die tradirten Grundsätze von Uebermüdunb des Publikums (nmtD “11320, und diele bis zur Uebermüdung ausgedehnte Länge wirkt um so uachtheiliger, wenn Verständniß und Würde fehlen. Und da sollen Ruhe und Ordnung von selbst andauernd gesichert sein? In den wenigsten Gemeinden hat auch der Gottesdienst, und zwar jeder Gottesdienst einen belehrenden und erbauenden Vortrag, ivodurch hauptsächlich das Interesse am uud im Gottesdienste wach erhalten werden kann Und wo immer noch so wenig für und so viel gegen die Erhaltung der Andacht, Ruhe und Ordnung im Gottesdienste geschieht, da wundert man sich, wenn diese fehlen oder gestört werden?- (Ohne auf das hier Besprochene eingehen zu können, möchten wir doch bemerken, daß solch grobem Unfug in der Regel persönliche und Familien-Feindschaften zu Grunde liegen. Deutsch, hebräisch, kurz, laug, modern, altmodisch bleibt d a - b e i gleich. Red.) Oesterreich. 6. Prag, im Januar. (Or.-Corr.) Schon zur Zeit des Talmud, als die Juden in ihrer Gesammtheit sich durch innige Anhänglichkeit an den Glauben und die Lehre auszeichneten und mit wahrer Opferfreudigkeit Gut und Blut für dieselben einsetzten, wodurch sie selbst ihren größten Widersachern Bewunderung abnöthigten, galt der Satz |n mn.BS ry'V p*6 n^irQÜ/*) der in der gegenwärtigen Zeit erst zur großen Wahrheit geworden. Leider wird im Allgemeinen von den jüdischen Einwohnern Prags das S'2 (§ü?/ 1) nicht allein nicht beachtet, fast kann es von ihnen heißen, D.Tltfrö 2'123 13“11MV1 04M* 106, 35) ich sage mit Absicht „fast", denn nicht um das „Lernen aus den Thalen der Völker" ist es ihnen zu thun, es ist dies eine rein äußerliche Rachahmungsfucht, die durch den bekannten classischen Ausspruch, wie er sich räuspert und wie er spuckt rc., zutreffend characterlsirl wird. Es ist eine traurige Thatsache, daß es nur wenige jüdische Häuser hier giebt, die nicht den Weihnachtsabend festlich begehen, in den sogenannten bcsseren Häusern scheut man sich nicht, Weihnachtsbäume aufzustellen und Bescheerungeu an Groß und Klein zu vertheilen, der Vers der h. Schrift m*u?X “j^ tfEfi (5. Mos. 16, 21) scheint für diese Juden gar nicht zu exestiren. Die Bedenken, die die Vernunft bei den Intelligenten unter diesen Leuten über diese höchst uiipaffende Theilnahme an den Festfeierllchkeiten eines anderen Glaubens erhebt, werden mit sophistischen Interpretationen des Weihnachtsfestes beschwichtigt, dasselbe sei kein speciftsch christliches Fest, denn schon die alten Heiden begingen um diese Zelt das Fest der Sonnenwende, die Hoffnung auf das nahe Wiedererwachen der Natur aus dem starren Winterschlafe sei der Anlaß zu diesem Freudenfeste, der nahende Frühling werde von allen Seilen jubelnd als Erlöser begrüßt. Mit solchen Spitzfindigkeiten beschwichtigt der „denkende" Theil unserer Glaubensgenossen die gegen die Berechtigung dieser Feier in jüdischen Kreisen aussteigenden Bedenken, die Majorität jedoch folgt gedankenlos nach und thut mit, weil es so „Mode" ist. Welch lohnende Aufgabe läge nicht in diesen Zuständen für die hiesigen Rabbinen, das Volk hierüber zu belehren, daß die Theilnahme an derlei Festlichkeiten eines Fremden, der Verleugnung und Entäußerung des angestammten Glaubens nahe kömmt, es zu überzeugen, daß dies von den intelligenten Christen nur mitleidig belächelt wird, während es im gemeinen Volk Unwillen über die Zudringlichkeit der Juden erregt. Ist dies alles schon sehr bedauerlich, so entziehen sich derlei Vorgänge, die sich im engen Familienkreise bewegen, mehr weniger der öffentlichen Kritik, allein was soll es bedeuten, wenn ein öffentliches Wohlthätigkeitsinstitut bei Gelegenheit der am 25. v. 41!. begangenen Gründungsfeier das Kirchenlied „Sonnlagsmorgen" von Mendelssohn-Bartholdy, *) Die Israeliten in der Diaspora treiben Götzendienst unwissentlich und unvorsätzlich (Ab. Sar. 8.).