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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-02-15 · N° 7. (15.2.1877) · p. Seite 56

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 7. (15.2.1877)
Date
1877-02-15
Page
Seite 56 (sequence 4)
Language
German
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— 56 — ihnen untergelegte Anerkennen, Bekennen oder Verläugnen — wer ist nun der richtige Ausleger ihres Willens — sie selbst oder der Rabbiner?!) „Drittens hörl er nicht ans, fährt vielmehr ununterbrochen fort mit seinem Vermögen zu den Cultus- und Schulanstalten der Reform beizutragen." (Es ist ziemlich richtig, daß von den Beiträgen noch hier und da implicite etwas zu Zwecken der Schule rc. rc. verwendet werden k a u n. Es ist nicht möglich, bei einer Großgemeinde jeden Pfennig nach Herkunft und Verwendung apart zu legen. In Sedom wurden die Pfennige gezeichnet!) „Nach allem Diesem — schließt die Beleuchtung — ist es für jeden Urtheilsfähigen entschieden klar, daß Derjemge, der auf diese Zusatzbeflimmuugeu eingeht und eine dem Sinne derselben entsprechende Erklärung abgiebt, in einem viel höheren Grade alle heiligen Gewissensgrundsätze der jüdischen Orthodoxie verleugnet, als Derjenige, der durch bloßen Nichtaustritt seine religiöse Gewissenspsticht nicht erfüllt. Der Nichlaustrelende bekennt sich nur stillschweigend zu den Grundsätzen der Reform, eine stillschweigende Anerkennung, die auch schon für den aufrichtigen Anhänger des orthodoxen gesetzeslreuen Judenthums wahrlich von nicht geringer Schwere der Verantwortung ist. Wer aber im Sinne dieser Zusatzbestimmungen Gemeinde- Angehöriger zu bleiben erklärt, der sanktionirt in positivster Weise den ganzen Abfall der Reform und verleugnet die orthodoxe Wahrheit. Für den aufrii tigen, seiner Pflicht bewußten gesetzeslreuen Juden giebt es nur Einen von l88infreien Weg: den Austritt ans der Gemeinde nach dem Gesetze vom 28. Juli 1876. Wer seine gesetzestreuen Brüder zu etwas Anderem beredet, der ist SchogehUmaschgeh, der geht irre und führt irre." Der Vorstand der Rel.-Ges. versendet dies Schreiben an seine Mitglieder mit folgenden, etwas diplomatischen Begleitworten: „Bei dem hohen Ernste der Angelegenheit halten wir uns verpflichtet, anliegende uns von dem Herrn Rabbiner zugegangene Erklärung über die Zilsatzbestimmungen der Israelitischen Gemeinde unseren geehrten Mitgliedern hiermit ergebenst zu behändigen, und hoffen wir zuversichtlich, daß dieselbe im ganzen Kreise mtierer Religiousgesellschaft die gebührende Beachtung finden werde." Cassel, im Februar (Or.-Corr.) „Aber die Einführung der Orgel, die höchst wahrscheinlich den Stein des Anstoßes bildet, ist hier mit Stillschweigen übergangen" bemerkteu Sie, geehrtester Herr Redacleur, am Schlüsse meiner Correspoudenz in Nr. 5 Ihrer Wochenschrift. Ja, freilich habe ich von der nichts wissen lassen wollen, denn so was läßt sich ja doch auch verheimlichen, wenn man sie verleugnet! Doch nein, Scherz bei Seite! .1XN1N2 npVifc’, die Orgel steht in der Synagoge, wird gespielt, und ihre Töne klingen so laut und feierlich, daß es ein Unrecht wäre, sie verleugnen zu wollen! Aber sie war hier kein Stein d e s A n fl oßes und ist es auch jetzt noch nicht. Schon vor fast zwei Jahrzehnten wurde der Gemeiudevorstand von mehr als M 3/* der Gemeinde angegangen, die Synagoge mit einer Orgel zu versehen. Bei Erbauung der Synagoge schon, vor fast 40 Jahren, war hier auf Elustellung einer Orgel Rücksicht genommen worden. Die damalige Regierung gab es aber nicht zu, denn das Hassenpflug'iche Regiment wollte die Synagoge nicht durch eine Orgel geziert wissen. Als aber die Gesinnung der Regierung sich geändert hatte, nahm der Vorstand den Antrag wieder auf und entsprach dem Wunsche nicht nur der überragenden Majorität, sondern, mit Ausnahme einer sehr geringen Minorität, beinahe der ganzen Geineinde. Nicht einen Alt gen blick war in der hiesigen Gemeinde durchAufstellungderOrgel der Friede gestört worden. Als die Orgel schon in der Synagoge war, wurde diese von allen Mitgliedern besucht, einschließlich der Herren Goldberg und Hahn. Kein Einziger hatte längere Zeit hindurch deshalb die Synagoge gemieden. Einflüssen von außen wahrscheinlich war es zuzuschreiben, daß etwa 5—6 Mitglieder sich später*) vereinigten und ein eigenes Minjan begründeten. In einer Gemeinde von damals schon über 400 Familien wurde dem se bstverständlich kaum Beachtung geschenkt. Man hat ihnen sogar Thorarollen zur Verfüguug gestellt, wenn sie darauf Anspruch machen würden. Von d'esen 5 oder 6 traten aber nach und nach bis auf Hrn. Juda Goldberg Alle wieder zurück, besuchten die Synagoge mit der Orgel wieder wie zuvor und besuchen sie heule noch. Das i st aber ja der Punkt, um d eu es i u unserem Falle sich handelt; ob Störung des Friedens oder nicht! Und welche unerhörte Frechheit ist es von Ehr mann gewesen, §u berichten, durch die Orgel sei der Friede gestört worden, obgleich kein wahres Wort daran ist. Weil eine einzige Familie die Synagoge nicht besucht, soll durch die Orgel der Friede der Gemeinde gestört worden sein! Ob ein solcher Mensch das Recht hat, mit seinem „Wahrheitsgefühl" sich zu brüsten, sei dem Urtheile der Leser Ihrer geschätzten Zeitung und — dem Ihrigen überlassen! Daß er, der angeblich für Herrn G o l d b e r g (?) das Material gesammelt haben will, er, der kaum zwei Monate erst hier mar und von dem Hergange, w'e, von wem und weshalb die Orgel in die Synagoge kam, ob damals Gegner vorhanden waren oder nicht, auch das Geringste nicht weiß, den Rabbiner als einen Störer des Friedens hinstellen will, und zwar einzig und allein, weil sein „Wahrheitsgesühl" verletzt war: glauben Sie ihm das? Der Mann mit einem so leicht verletzbaren Wahrheitsgefühl liest in der Zeitung, er sei als Rabbiner nach Eassel berufen und — schweigt; er liest eine jesuitische Berichtigung und — schweigt; er ist über die wirkliche Berichtigung einer Nachricht zu seinen Gunsten (freilich ohne sein Wissen (?) gegen seinen Wollen (?) in seinem Wahrheitsgefühle verletzt, aber denkt doch nicht daran, selbst zu berichtigen, was gegen seinen Willen nunmehr verbreitet werden soll, auch dann noch nicht, als sein aufopfernder Freund Baum trotz der Berichtigung seine Behauptung aufrecht halten will!**) Wozu das den Leser veranlaßt, Sie haben es ausgesprochen! Aus dem Kreise Alzey (Or.-Corr.) Ans. Jan. An unserm Gerichte wurde in diesen Tagen über einen Krawall verhandelt, welcher auf einem benachbarten Dorfe während des jüngsten Jom-Kippur-Gottesdienstes in der Synagoge statlhatle. Dort, wie in vielen, selbst städtischen Synagogen, herrscht der Unfug, daß am Jom-Kippur Männer ihre Frauen, Kinder ihre Eltern besuchen; fast überall geht die sonst n'usterhasle gottesdienstliche Ordnung am Jom-Kippur in die Brüche. Dieses Mal drängte sich ein Kind in die Bank, welches den Vater besuchen wollte. Die vorne Stehenden hielten das Kind zurück, um es nicht einzulasien; der Vater kam seinem Kinde zu Hülfe, und so entwickelte sich ein förmlicher und lauter Streit nebst heftiger Schlägerei in der Synagoge während des Gottesdienstes. Die Polizei hatte sich einmischen müffen, und dadurch kam die Sache zur Anzeige und gerichtlichen Verhandlung. Wer will solche Rohheiten entschuldigen oder gar in Schutz nehmen? Und doch hat der Rabbiner des Kreises, als Sachverständiger hinzugezogen, zu Gunsten der Angeklagten plädirt. Er verwarf natürlich eine solche Ausartung vom Standpunkte socialer und religiöser Bildung. Ader der Rich- ) Wie lange nachher, weiß ich nicht mehr. **) Es liegt uns noch ein Schriftwechsel zwischen LR« vr. Adler und dem Redakt. des „Jsr. Boten" vor. Ersterer übersendet Letzterem eine bündige und ganz sachlich und ruhig gehaltene Berichtigung der Erklärung der HH.'Goldberg und Hahn, welche der „I. B." veröffentlicht halte. Der Red. antwortet, er werde Anmerkungen hinzufügen müffen, und bittet die Sache beruhen zu lassen, vr. A. besteht auf Abdruck. Darauf bemerkt der Red des I. B. im Briefkasten: Dr. A. habe nicht einmal versucht, sich zu rechtfertigen. Wir müffen nun die Bezeichnung „harmlos" und „selbst dupirt", die wir von dem „I. B." in unsrer Nr 1 gebraucht haben, zurücknehmen — wir sind im JTDf rp^ p einmal wieder zu weit gegangen. — Wir schlagen darüber freilich nicht an die Brust. — Eine Erklärung der Kreisvorsteher bringen wir im nächsten Blatte. (Red.)

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