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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-02-15 · N° 7. (15.2.1877) · p. Seite 54

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 7. (15.2.1877)
Date
1877-02-15
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
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erst später aufgetaucht. Herr Hirsch hat diesen sehr prinzipiellen Widerspruch zwischen früher und jetzt auch gefühlt und sucht ihn deshalb mit allen Kräften der Dialektik zu beseitigen; allein die Aufeinanderfolge der Thalsachen zeugt gegen ihn. Dieser Widerspruch wird es jet em Unbefangenen klar machen, daß Hirsch aus dem Krater seines vulcanisch organisirten Geistes einen Gedanken hat hervorbrechen lassen, der ursprünglich nicht darin war, daß sich mit dem ihm innewohnenden Feuer ächter, religiöser Begeisterung fremdartige Stoffe vermengt haben, welche nun ein lange verhaltener Groll gewaltsam hervorstößl, um zersetzend und zerstörend zu wirken. Die große Masse jüdischer Männer aber wird dieser Eruption das nie erlöschende Gefühl unentwegter Zusammengehörigkeit als Damm entgegensetzen, so daß der verherende Lavastrom einer falschen Leidenschaft die schönste Zierde des Judenthums, seine Einheit, nicht wird vernichten können. Hirsch schreibt: „Die Ganze bis zur Leidenschaftlichkeit aufgeregte Gegnerschaft gegen das Austrittsrecht wurzelt doch vorzugsweise in den Kreisen von Vorständen und Rabbinern, die jüdische Volksgesammtheit weiß wenig davon." Zu Ehren der Elfteren das erstere acceptirend, glauben wir mit vollerem Rechte behaupten zu können: die ganze bis zur Leidenschafllichkeit aufgeregte Gegnerschaft gegen Gemeindeeinheit wurzelt doch vorzugsweise in den Köpfen Hirsch's und seiner Knappen von kleinerem Geiste, die jüdische Volksgesammtheit weiß wenig davon. Es wird ihnen nicht gelingen, umgekehrte Jerobeame zu werden, sondern bei Beharren aus diesem Wege wird die Secession auf den heiligen Berg der Orthodoxie den Gipfelpunkt deffelben bald hinter sich und eine abschüssige Bahn vor sich haben. Mögen sie thun, was sie vor jüdischem Gewiffen verantworteil können! Um die Geduld der Leser d. Bl. nicht zu sehr für uns in Anspruch zu nehmen, wollen wir, obgleich wir noch Manches gegen Hirsch's Flugschrift auf dem Herzen haben, unsere Betrachtungen schließen mit jenem schönen talmudischen Worte, das derselbe Hirsch vor 40 Jahren seinen „Neunzehn Briefen über Judenthnm" als Motto vorsetzte: „Es ist bekannt und offenbar vor Dir, daß ich es nicht zu meiner Ehre gethan und auch nicht zur Ehre meines väterlichen Hauses, sondern zu Deiner Ehre habe ich es gelhan, damit sich der Streit nicht mehre in Israel." Nachwort der Red. Wir verweisen auf den Artikel Frankfurt im heutigen Blatte und fügen den vorstehenden Erörterungen nnr eine Bemerkung hinzu. Wir können Herrn vr. Mayer nicht beipflichten, wenn er den Gegensatz zwischen Orthodoxie und Neologie in der Art abzuschwächen sucht, daß es an ein Vermischen und Verwischen der prinzipiellen Unterschiede grenzt. Der Gegensatz der Prinzipien besteht nun einmal; hier aberhandelt es sich um ein Zusammenleben der Personen. Wir wollen Herrn Rabbiner Hirsch nicht Eigensinn u. dergl. zuschreiben, er geht gewiß von dem Gedanken aus, daß ein Zusammenleben von Orthodoxen und Neologen für Erstere, namentlich für deren Kinder, bedenklich sei. Wer dies ganz in Abrede stellen wollte, der "t müßte auch seine Augen gegen die Erfahrung verschließen. , Aber es ist falsch, wenn H. darum die Trennung beider Elemente in der Gemeinde und die Constituirung ganz gesonderter Gemeinden nöthig findet, und wenn er davon alles Heil erwartet. Falsch ist es, wenn er das Verbleiben in der Gemeinschaft mit Neologen zu einer Billigung und Bekräftigung der Prinzipien der Neologie stempelt. Wir wollen nicht nochmals bas ganz unzulässige Betonen von „Bekennen" und „Bekenntniß" hervorheben; wir sagen einfach: diejenigen Orthodoxen, welche für sich eine Religions- Gesellschaft bilden, besonderen Gottesdienst u. s. w. einrichten, dabei aber im Verbände der Gesammtgemeinde bleiben, geben ja deutlich zu erkennen, baß sie ihr Prinzip bekennen und vertreten, die Gesammlverbindung aber ans anderweitigen Gründen aufrecht erhalten wollen Wer hat also ein Recht, ihnen etwas Anderes unterzuschieben, aus ihrem Nichtaustritt eine Billigung und ein Bekenntniß herauszudeuten, gegen welches sie faktisch protestiren? — Falsch ist's ferner, wenn H. glaubt, der Austritt werde es verhindern, daß die Kinder eines Orthodoxen sagen würden: „unserm Vater muß die Neologie doch nicht als etwas gar zu Verwerfliches erschienen sein." Nein, Herr Hirsch mußte darauf dringen, daß seine Genossen jede freundschaftliche und jede nicht unvermeidliche geschäftliche Beziehung zu den Neologen abbrechen, sie nie sehen oder nennen, ohne ihren Widerwillen auszudrücken u. s. w. Dann würden freilich Söhne und Töchter sehen, daß der Vater die Neologie für etwas Verwerfliches hält, bann würde der Fanatismus auf die Spitze getrieben sein; aber dann müßte man auch einräumen, daß Herr Rabbiner Hirsch den Muth habe, die volle Consequenz seiner Praemiffen zu ziehen. Zustimmungserklärungen zu der Breslauer Petition (an Ministeriunr und Abgeordnetenhaus), den jüdischen Religionsunterricht betreffend, und ferner von folgenden Gemeinden eingegangen: 78) Gütersloh, 79) Nicolai, 80) Eschwege, 81) Züllichau, 82) Trebnitz, 83) Liegnitz, 84) St olp, 85) Ancl am, dazu die folgenden eben in der Allg. Zeit, des Jud. veröffentlichten: 86) Lauenburg i. Pommern, 87) Suhl, 88) Simmen, 89) Vlotho, 90) Adel eben, 91) Aachen*) Das Comile darf die schnelle Bereitwilligkeit der Gemeinden aus den verschiedensten Gegenden mit Recht als Ermunterung ansehen und auf den Beitritt auch der übrigen noch ausstehenden rechnen. Allerdings ist denselben bringende Eile anzuempfehlen, da vor Beginn der nächsten Session des Abgeordnetenhauses eine Petition nicht nur an das Ministerium abgehen, sondern auch von diesem beantwortet sein muß, um wirkungsvoll das Abgeordnetenhaus zu beschäftigen. Erfrelllich ist es, daß die Strömung, wie der Aufruf des Comite's es vorausgesetzt hat. ziemlich bei allen Parteischattirungen eine dem Unternehmen günstige ist, abgesehen von dem in der vorigen Nummer d. Bl. besprochenen Dissenter und — hier und da wohl auch „Separatisten", die auch hierin etwas „Separates" haben wollen. Ein solcher separatistischer „Laie" kann nicht umhin, in Nr. 5 der jüd. Preffe seine Gegenvorstellungen znm Besten zu geben mit dem Wunsche zur Klärung der Sache durch Discussion beizutragen. Auch der Herr Laie hat das Breslauer Gutachten nicht sorgfältig gelesen, sonst hätte er sich nicht darüber verwundern dürfen, daß der Br. Gemeindevorstand die oblig. Einführung des Religionsunterrichts nur in die höheren und nicht auch *) Der Vollständigung der Aufzählung halber tragen wir hier noch aus der Nummer 5 der Allg. Zeit. d. Jud. die Namen der 15 daselbst veröffentlichten und in der vor. Nummer d. Blattes unter Nummer 63—77 gezählten Gemeinden nach: 63) Emden, 64) Saarbrücken, 65) St. Johann, 66) Malstadt. 67) Burbach, 68) Louisenthal. 69. Völklingen. 70) Sudweiler, 71) Ringelsberg, 72) Ems, 73) Nordhausen, 74) Marburg, 75) Rheine, 76) Arnsberg, 77) Lübbeke.

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