Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 5. (1.2.1877)
- Date
- 1877-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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Hamburg, bin 11. Januar. (Or.-Corr.) Die alle drei Jahre wiederkehreude Neuwahl des Repräsentanten-Collegiums der Gemeinde, brachte am Schlüsse des verflossenen Jahres einiges Leben in unsere jüdischen Kreise. Von den durch Zahlung rhres Beitrages für das Jahr 1875 zur Theilnahme an der Wahl berechtigten 1680 Personen*) gaben etwa 773 ihre Stimme ab, und siegte, trotz der ungewöhnlichen großen Anstrengung der Orthodoxen, die Liste ihrer Gegner; indem von den gewählten 9 Repräsentanten 6 dieser Liste entstammen, während nur 3 Candidaten der orthodoxen, von den 5 Ersatzmännern sogar 4 der liberalen und nur Einer der orthodoxen Richtung angehören — Man würde sich übrigens täuschen, wenn man ineinte, daß eine streng rituelle Lebensweise den Maßstab biete für die Berechtigung zur Aufnahme in die Reihen unserer Frommen; diese nehmen für sich das Vorrecht in Anspruch, welches wir nur Gott zuzuerekennen pflegen: „Gott sieht in's Herz," sie urtheilen nach der conservativen Gesinnung, möge ihr Candidat auch im Leben die religiösen Gebräuche längst abgestreift haben, — während Jener, welcher streng nach dem Gesetze lebt, keine Gnade vor ihren Augen findet und zur Roformpartei gezählt wird, sobald er im geselligen Leben keinen Anstoß daran nimmt, dem Frieden und der Eintracht zwischen den Parteien das Wort zu reden. — Das [bereite in Nr. 2 erwähntes vor einiger Zeit von Seiten unseres Oberrabbinats erfolgte Verbot der Fleischspeisen eines von Berlin hierher gezogenen Schlachters gab Veranlassung zu einer ganzen Reihe von Artikeln in unserer Tagesprefie zum Theil so widrigen Inhalts, daß ein Chillul haschem die nothwendige Folge davon werden mußte. — Es wäre zu wünschen, daß alle derartigen Erlasse unserer geistlichen Behörde in solche Formen gekleidet würden, welche den Gegnern weniger Gelegenheit geben, die rituellen Gebräuche in's Lächerliche zu ziehen. Die Wirkung würde, unserer Ansicht nach, dieselbe sein, wenn durch Anschlag und Verkündigung in den Synagogen bekannt gemacht würde, daß ein Schlachter nicht die Approbation und das Vertrauen des Oberrabinats besitze, und daß diejenigen, welche auf Kaschruth hielten, nicht von ihm kaufen dürften, als wenn das von ihm gelieferte Fleisch einfach als tre fa bezeichnet wird, obgleich der Schächter von anerkannt frommen und gelehrten auswärtigen Rabbinen geprüft und zugelasien worden, mag auch diese Bezeichnung in solchem Falle dem Schulchan Aruch nach entsprechend sein. Bei solchen Gelegenheiten werden daun gewöhnlich Fälle zur Sprache gebracht, welche auch hier erwäl nt zu werden verdienten. So soll einem Manne, der in unserer nächsten Umgegend, außerhalb des Dammthores, woselbst sehr viele jüdische Familien wohnen, einen Fleischhandel eröffnen wollte, lediglich leshalb die Concession versagt worden sein, weil er zu entfernt von der Stadt wohne, es daher Vorkommen könne, daß er Fleisch von Altona beziehe. Natürlich fragt das nach seinem gesunden Verstände urtheilende Publikum, wenn es auch ganz orthodox ist, ob denn das Fleisch von Altona in Hamburg trefa und die Aufsicht des Altonaer Rabbinats dem hiesigen verdächtig sei? Die Zulassung jüdischer Bäcker für den Betrieb von Koscher-Barches und das Setzen der sogenannten Schalettöpfe ist hier selten durchzusetzen gewesen und hat daher oft böses Blut gemacht; sollte man nicht auch da, wenn keine religiösen Bedenken vorliegen, solchen Bewerbern die Sache nicht zu sehr erschweren? Wir meinen, eine zu große Aengstlichkeit schadet oftmals mehr und sind wir überzeugt, daß Manche mit großem Widerstreben dadurch verleitet worden, sich Dinge zu erlauben, die sie bei etwas größerm Entgegenkommen sich versagt haben würden. — Daß der bisherige Abgeordnete zum Reichstage für unfern dritten Wahlkreis, Herr Dr. I. Wolffson, neuerdings mit großer Majorität wieder gewählt wurde, ist Ihnen aus den Zeitungen schon bekannt. *) Dann muß ein sehr erheblicher Theil der in Hamburg wohnenden Israeliten sich vom Beitritt zur Gemeinde fernhalten. (Red.) Cassel, im Januar. (Or.-Corr.) Sie haben mit jener erklärlichen und gerechten Entrüstung, welche sich eines jeden I Ehrenmannes bemächtigt, wenn er einem unehrenhaften und unwürdigen heuchlerischen Verfahren auf die Spur kommt, das hier Vorgesalleue charakterifirt. Sie th iten es in der Voroussetzung, daß hier doch jedenfalls Reformen in der Synagoge eingeführt worden sein müßten, durch die sich das Gewissen einer A »zahl Gemeindemilglieder verletzt fühlte, deshalb auch einen eigenen Gottesdienst für sich eingerichtet hätten oder einrichten mußten. Was werden Sie, was werden alle redlich denkenden Juden aber dann erst über Personen und Dinge urtheilen müssen, wenn sie erfahren, daß auch das nicht einmal wahr sei. Mit Ausnahme des Herrn Juda Goldberg und seines Sohnes ist in der hiesigen, fast 500 Familien zählenden, Gemeinde kein Einziger, der wegen religiösen Bedenkens die Synagoge meidet, kein Einziger! Aber woher nimmt G. Minjan? Sie sind theils bezahlt, theils Leute, die ihm zu Gefallen hingehen, wohl auch Einer oder der Andere, um die Miethe für seinen Stand zu ersparen. Hieraus läßt sich schon schließen, daß die Reformen nicht sehr weitgehend sein können, denn da sehr Viele der Gemeinde vom Lande hierher gezogen, die ganz eben so religiös denken und leben wie G, so würde sicherlich die Zahl eine größere sein. Und dennoch will ich es bei dieser Schlußfolgerung nicht bewenden lassen. Das jüdische Publikum soll alle Reformen in der sündigen Genieinde Cassel erfahren, soll in den Stand gesetzt werden, sein Verdict auszusprechen. Also hören Sie: 1) Der Gottesoienst an den Werktagen ist unverändert wie er von jeher war, nicht einmal ist in umgewandelt. 2) Am Freitag Abend wird zwischen ttflTp und 13^17 eine Strophe gesungen und ein deutsches Gebet verrichtet, sonst ist am ganzen Gottesdienst kein Jota verändert Doch hall! Bameh Madlikin fehlt. Wohin ist er gekommen? Ja, das weiß ich nicht, er fehlt in der hiesigen Synagoge schon länger als 30 Jahre. Vielleicht noch länger, vielleicht hat ihn gar das ehemalige westphälische Consistorium sich angeeignet. *) 3) Der Sabbath-Morgengottesdienst hat folgende Reformen erfahren: die Schmoneh Esra werden gleich laut vorgetragen; vor deren Ausheben wird ein deutsches Gebet verrichtet; den Aufgerufenen wird zusammen ein Mi Scheberach gemacht, das Gebet für den Landesherrn wird in deutscher Sprache verrichlet und vor wird wieder ein knrzes deutsches Gebet verrichtet. Da haben Sie den Götzentempel, der eines Mathatias harret, um trotz seiner sonstigen vollständig in alter Weise bestehenden Einrichtung zerstört zu werden. Aber, ja (werden Sie vielleicht denken) 4) die Festtage! Nun, wir müssen uns fast nach links hin schämen, denn außer dem Gesang und Gebet vor Alenu ist Alles beim Alten, sogar die haben wir noch! Sie staunen? Hören Sie weiter: 5) Unsere Festgottesdienste Morgens haben außer der Weglassung einiger Pijutstücke nicht die geringste Veränderung erfahren, und ebenso verhält es sich auch am rtJtPn tiWl- Einige, verhältnißmäßig wenige, Pijutims fallen aus, und zwar fast nur solche, welche von den Uebersetzern des Machsor unü der setzt gelaffen wurden, sonst Alles, wie von jeher. Doch *) Da habe ich allerdings vor etwa 35 Jahren in F. einen Engländer gekannt, einen sehr braven und frommen Mann, der auch gesagt hat: „If you take me my Barne Madlikin, I cannot go in your school“ (wenn Ihr mir meinen B. M. nehmt, kann ich nicht mit Euch „in Schul gehen.") Und da hatte ich in B. einen Synagogen-Nachbar, der mit einem Anflug von Nigun Mischna stets so sagte: „Bamme madlikin ubämme? — En madlikin en madlikin“ — Auch dieser Mann würde auf den B. M. nicht verzichtet haben. Das aber ist das Elend, daß Dr, Lehmann und Eons, diesen Standpunkt des schlichten Amhaarez als den des echten Judenthums proklamiren! (Red.)