Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 5. (1.2.1877)
- Date
- 1877-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Jore Deah *) uns von dieser Pflicht entbindet? Wenn also der Vorstand nicht auf Hirsch's besonderen, sondern auf den allgemein gültigen Sch. A. sich beriefe? Also es bleibt dabei, daß auch Hirsch theils gezwungen ist, mit dem Sch. A. zu pakliren, theils ihn ignorirt und ihm subjective Ansichten als Gebote unterschiebt. Schult, daran ist in vorliegender Sache sein aus falschen Prämissen hervorgegangener Standpunkt. Was niemals im Judenthum urgirt worden, das urgirt plötzlich Hirsch — nämlich das Bekenntniß. „Erkennen und ausüden" — dies wird in der heil. Schrift gefordert, nicht aber „bekennen". Tritt doch selbst die höchste Lehre des Judenthums, die Lehre vom Dasein und der Einheit Gottes, nicht in Gestalt einer Bekenntnißformel, sondern einer geschichtlich anzuerkennenden Thatsache auf Und da soll auf einmal die blos noch nominelle Zugehörige keit zu einer Reformgemeinde eine Verletzung des jüdischen Bekenntnisses sein? Und diejenigen, welche mit schweren Opfern in Allem orthodoxer Institutionen sich bedienen, aber der gemeinsamen Pflege rein humanitärer Bestrebungen wegen das Tischtuch zwischen sich und der Gesammtgemeinde nicht zerschneiden wollen, diese sollen mit beiden Richtungen ein Spiel treiben! Ja, Hirsch geht in seinem Eifer noch etwas weiter und behauptet: „Es wäre dasselbe Spiel, wie wenn ein Jude sich taufen ließe und doch in seinem Leben die jüdischen Religionsvorschriften fortbeachten würde." Man könnte über solche Worte lachen, wenn es nicht gar zu traurig wäre, sie aus dem Munde eines Hirsch zu hören, wenn es nicht gar zu traurig wäre, daß das jüdische Gewissen in der Brust eines Rabbiners nicht anders rege ist. Die Cultusunterschiede in den Gemeinden der verschiedenen Richtungen betreffen meist Fragen, über die vie Wissenfchaft Belege für beiderlei Ansichten liefert, es sind demnach keine solchen, welche irgendwie Fundamenrsätze des Judenthums berühren, und wenn deshalb ganz und gar ein Hirsch'scher Jude sich zu einer Reformgemeinde bekennen würde, so würde er dadurch vielleicht den Zorn seines Rabbiners, aber sicher nicht den Zorn Gottes wach rufen. Gott sei Dank, Gott ist toleranter. Orthodoxie und Reologie verhalten sich nicht, wie Hirsch sagt, wie Lüge und Wahrheit zu einander. Eine Wahrheit, glauben wir, sind Beide, die Wahrheit sind Beide nicht; Beide zusammen sind ein Theil der Wahrheit, deren vollkommenes Siegel in den Händen Gottes ruht.**) (Schluß folgt.) Zustimmungserklärungen zu dem an der Spitze der in Rr. 1 d. Bl. veröffentlichten „Aufruf an die Gemeinden Preußens", betr. Aufnahme des jüdischen Religionsunterrichts als obligatorischen Lehrgegenstandes in den Unterrichtsplan der höheren Lehranstalten, sind bis jetzt eingegangen aus: 1) Halle, 2) Elbing, 3) Cassel, 4) Koschinin, *) „Die sich von der Gemeinde lossagen und nicht zu derselben beisteuern wollen, soll man wohl betrauern,aber es liegt den Gemeinde- Mitgliedern die Pflicht nicht ob, sich um deren Bestattung zu kümmern." **) Um Mißdeutungen vorzubeugen, wollen wir hinzufügen, daß der Herr Vers, ohne Zweifel die sehr verschiedenen Abstufungen der Orthodoxie wir der Reologie im Auge hat, denn objectiv kann allerdings uur Eins die Wahrheit sein, "yin ist entweder “irilD oder u. s. w. (Red.) 5) Lübben i. Lausitz (deffen Vorst, selbstständig beim Minister vorstellig geworden und im Falle einer Ablehnung seiner Vorstellung den Anschluß zusagt), 6) Lyck, 7) Friede berg i. d. Neumark, 8) Hamm i. Wests. 9) Belgard i. Pom., 10) Barten stein, 11) Leobschütz, 12) Patschkau, 13) Schmiegel, 14) Landsberg a. W., 15) Carlsruh, O/Sch.,' 16) Neustadt b. P., 17) Moers, 18) Kattowitz, 19) Wernigerode, 20) C.reutzburg, O/Schl. 21) G r ä tz, Provinz Posen, 22) L ü n e b u r g, 23) G e n t h i n, 24) B u r g ft e i n f u r t, 25) Osnabrück. Wir verfehlen nicht, darauf aufmerksam zu machen, daß, obwohl (wie verlautet) das Unterrichtsgesetz erst im Herbst den Kammern vorgelegt werden soll, die Angelegenheit dennoch Eile hat, da vor Einreichung der Petition an's Abgeordnetenhaus man erst noch beim Cultusministerium vorstellig geworden sein muß. Zu dieser Collecliv-Vorstellung ist aber ebenfalls die baldige Zustimmung recht vieler preuß. Gemeinten und Rabbiner dringend nothwendig. Berichte und Correspondeuzeu. Deutschland. Breslau, 26. Jan. (Or.-Corr.) Der Verein Liwjath- Chen versendet so eben einen Bericht über seine Thätigkeil im verflossenen Jahre 1876. Zweck und Wirksamkeit dieses, am hiesigen jüd. theol. Seminar bereits 20 Jahre bestehenden Wohlthäligkeitsvereines ist in diesen Blättern zu wiederholten Malen characterisirt worden. Dem veröffentlichten Jahresbericht entnehmen wir, daß sich die Hilfsmittel des Vereins auch in diesem Jahre erheblich vermehrt haben. Die verschiedenen Posten des Berichtes ergeben folgendes Resultat: Einnahmen (Spenden- und Rückzahlungen) 3828 Mk. 66 Pf. Ausgaben (Unterstützungen und Darlehen) 3032 „71 „ Mithin Ueberschuß 795 Mk. 95 Pf. Dem Vereine ist es gelungen, auch die Theilnahine fernstehender Kreise anzuregen, was in erster Reihe der Initiative seines verehrten Proteclors, des Herrn Direclor l)r. L. Lazarus, zu danken ist Ans den verschiedensten Gemeinden Deutschlands sind dem Vereine Mitglieder beigerrelen, deren Namen in dem so eben erschienenen „Jahresberichte des jüd. theol. Seminars" veröffentlicht werden Herr I)r. M. Salzberger, Rabbiner in Culm, ist der Verein zu besonderem Danke verpflichtet, da er demselben 46 Mitglieder seiner Gemeinde gewonnen. Zu wünschen erübrigt jedoch, daß der Verein nicht bloß auf die Hochherzigkeit Einzelner angewiesen bleibe, sondern daß die Gemeinden als solche — wie dies von einigen bereits geschieht — das gemeinsame Unterstützungswerk, das hier der jüd. Wissenschaft gilt, thatkräftig förderit. Hörer aus allen Gegenden Deutschlands und Oestreichs besuchen das jüd. theol. Seminar, das sich seit seinem 23jährigen Bestände als eine nationale Anstalt entwickelt hat, in welcher die höchsten idealen Interessen des Judenthums gepflegt und gefördert werden, als eine Anstalt, der die meisten und angesehensten Gemeinden Deutschlands ihre geistigen Führer und Seelsorger entnehmen Es ist daher unseres Erachtens, kein unbilliges Verlangen, daß die Gemeinden denjenigen ihre dornenvolle Studienlaufbahn erleichtern helfen, die später ihre Rabbiner und Seelsorger werden. Dr. B. Z. (Wir können die Unterstützung dieses ungemein segensreich wirkenden Vereins — dessen Wohlthaten jüd. Studirenden zu Gute kommen — Privaten und Gemeinden nur aufs Dringlichste empfehlen. Beiträge sind an den Vereins-Cassirer Herr A. Bärwald in Breslau Wallstr. Id. zu senden.)