Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 3. (18.1.1877)
- Date
- 1877-01-18
- Page
- Seite 25 (sequence 7)
- Language
- German
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Mein Auge ruhte so selig auf Dir — weißt Du's noch? —" „Wie könnte ich den schönsten Augenblick meines Lebens vergessen!" hauchte Rosa, indem sie sich an Alfred's Brust schmiegte. „Du sprachst so kindlich und heiter mit mir, dem Fremden, daß ich erstaunt und befremdet zugleich Deinen Worten lauschte. Deine reine Seele lag unverhüllt vor mir. Du fragtest nicht, wer ich sei, ick fragte Dich nicht, — wußte jch's doch klar im Kopf wie im Gemüth: daß Du so gut als schön, so lauter und rein, wie der Quell und die Blume des Mai's. Ich suchte und fand bei Dir das geheimnißvolle süße Glück des Herzens, das sich nicht in Worte fassen, das sich nur empfinden läßt! Ich fühlte, daß ich Dich liebte, wie das Herz nur eininal zu lieben vermag. Der Frühling der Liebe kam über mich! „Der Frühling der Liebe kam über mich!" wiederholte sie, indem sie selig zu dem Geliebten emporblickte. „Du sprachst es aus. Und soll ich es Dir gestehen — es sträubte sich erst das widerspänstige Herz — dann aber umfaßte es Dein Bild mit ganzer Liebe und umraukte es mit aller Hoffnung, und Dein Bild füllt mein Herz, daß es überquillt und kein anderer Gegenstand in demselben Raum mehr findet. Ich fühlte, was leben h^ißt." Alfred zog das Mädchen heftig cmi sich. „Und Du wirst es wieder fühlen, wenn auch nicht so selig, wie sonst", sagte Alfred ernst. „Leben heißt leiden, und der Schmerz pocht an unsere Thür. Ich muß Dich verlassen, auf längere Zeit verlassen. Meine Mutter, die ich innig liebe, ruft mich an ihr Herz" „Deine Mutter? Du hast mir nie von ihr erzählt." „Wir waren eben glückliche Kinder, die im Traum der Liebe — die Welt vergaßen." „Deine Mutter!" sagte Rosa wehmüthig. „Ich habe meine Mutter nie gekannt, ich war ein Kind, als meine Mutter starb. Wie lieblich klingt das Wort „Mutter". Der Vater seufzt, wenn ich der Mutter denke, er umarmt mich dann und sagt: „sie war ein gutes Weib, gleiche ihr und Du wirst mich glücklich machen." Tante Esther sorgt für mich, der Vater läßt mir die Freiheit, die ich so sehr liebe — aber ich glaube — ich hätte meine Mutter doch über Alles geliebt." Plötzlich wie aus einem Traume erwachend, fragte sie: „Wo lebt Deine Mutter? Ist sie weit von hier, da Du vorhin von langer Trennung sprachst?" „Nicht die Entfernung meiner Mutter macht unsere Trennung lang; aber ich fürchte, daß mich kindliche Pflicht und mütterliches Recht länger fern halten, als es unsere Liebe ruhig ertragen wird," sagte Alfred zögernd. Rosa blickte ihn verwundernd an: „Darfst Du denn der Mutter nicht sagen, was Dich hieher zieht?" „Du selbst berührst, was ich mit Wehmuth nur berühren kann. Doch muß es fein und kein Rückhalt sei mehr zwischen uns. Ich werde Dir sagen, was ich fühle, denke, und bitte, sage auch Du es mir!" „Hab' ich Dir jemals verhehlt, was in mir vorging? Sprich, sage mir Alles." „Meine Mutter ist die verwittwete Reichsgräfin von Rolandsau; ich bin ihr einziger Sohn." „Wie?" frug Rosa erschreckt, „Du bist —" „@raf Alfred von Rolandsau", ich sagte es. „Aber mein Gott, wie Du zitterst, fehlt Dir etwas?" „O nein — keineswegs", sagte Rosa abwehrend. „Und das sagst Du so traurig!" „Du irrst Dick, Alfred", sagte Rosa mit zitternder Stimme. „Es ist nicht Trauer, die mich bewegt, sondern der Schmerz, daß Du mir Deinen wahren Stand verhehlt. Warum sollte ich traurig sein? Wenn Du eine edle Mutter hast, die Du liebst, wenn Du von hohem Stande bist und dennoch mich kleines, unbedeutendes Mädchen lieb hast, wie sollte ich darüber traurig sein? Du bist ein Mann, bist Herr Deines Willens, Deiner Handlungen, wohl auch gesegnet mit Gütern dieser Erde — wie sollte ich traurig sein, wenn Du glücklich bist?" „Mein gutes, unschuldiges Kind!" rief Alfred, indem er Rosa an sich zog: „Doch eben diese Verhältnisse, fürchte ich, werden uns trennen." „Trennen?" rief. Rosa hastig. „Du sagtest ja nicht auf lange, kommst ja wieder. O, sprich — verhehle Deiner armen Rosa nichts." „Alfred sah sie forschend an. „Und wenn ich nimmer käme, nimmer kommen dürste?" „Nimmer? Ich Dich nicht Wiedersehen? Nein, nein, es ist nicht möglich, das wäre mein Tod!" rief Rosa im Tone der Verzweiflung, indem sie Alfred fester an sich zog, als fürchte sie den Geliebten zu verlieren. „Ruhig Rosa, das Meuschenherz vermag viel zu ertragen und muß mit dem Schmerze leben!" sagte Alfred in sanftem Tone. „Du weinst zum erstenmal an meiner Brust! O, diese Thränen sagen mir, was ich Deinen Worten nicht immer glaubte: daß ich Dir werth bin, wie Du mir Alles bist. Sei ruhig, Rosa, so stürmisch wird der See nicht brausen." „Warum aber sagtest Du das schwere Wort?" fragte Rosa bebend. „Vergieb! Da Du so ruhig warst, überkam mich der Zweifel, ob Deine Liebe tief sei, wie die meine." „Du hast gezweifelt, weil ich ruhig war?" fragte Rosa mit sanftem Vorwurf, und dann mit innigem Tone fortfahrend: „Weil ich Dich liebe, bin ich ruhig — weil Du mich liebst. Ich seh' in Deine Augen und zweifle nicht. — Doch — Du schweigst und blickst so ernst mich an. Was ist Dir? Hast Du mir noch mehr zu sagen? O, sprich!" „Hast Du denn nie Dich selbst gefragt, was unserer Liebe Ziel ist, und sein muß?" Rosa sah Alfred klar und ruhig an und sagte in beinahe heiterem Tone: „Das Hab' ich in der jüngsten Zeit. Wie sollt' ichs nicht? Ich dachte, wenn wir uns erst ganz kennen gelernt, und Du mich noch so liebtest, wie am ersten Tage, da dacht' ich, kämst Du wohl eines Tages zu meinem guten Vater und begehrtest mich zur Frau." „Du hast Dich nicht geirrt, mein süßes Kind. — Weiß Dein Vater nun unsere Liebe?" enlgegnete Alfred rasch, indem er Rosa's Haupt an sein H"rz legte. „Ich war mit meinem Herzen nicht fertig, und hab's ihm noch nicht gesagt. Aber nun — nun kann ich's nicht mehr allein tragen — und noch heute will ich zu ihm sprechen. O, mein Väterchen ist so gut und wird gewiß nicht böse sein, wenn ich ihm sage, wie sehr — wie innig ich Dich liebe." Die Herzenslaute des unschuldigen Kindes machten Alfred schweigen. Nach einer Pause fragte er zögernd: „Hat Dir Dein Vater nie gesagt, daß es oft große Hinderniffe, großen Kampf mit der Familie gibt, wenn ein Sohn aus hohem Stande einem schlichten, nicht vornehmen Mädchen die Hand reichen will?" Rosa schüttelte den Kopf und sagte verwundert: „Nein! Hinderniffe? Kampf? weshalb? Wenn Du mich liebst und willst, kann und darf das Jemand hindern? Bist Du nicht ein Mann?" „Doch auch ein Sohn, der Sohn der besten Mutter." „Und diese Mutter, die Dich liebt, hindert sie denn, was Du willst?" enlgegnete Rosa immer mehr erregt. (Fortsetzung folgt.)