Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 3. (18.1.1877)
- Date
- 1877-01-18
- Page
- Seite 24 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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24 und den Wortlaut der den Vertretern der Mächte überreichten | Denkschrift.*) Ein soeben ausgegebenes besonderes Heft » enthält die Protokolle über die Sitzungen der Conferenz und die bei dem Bankett am 14. gesprochenen Toaste. Wir werden im nächsten Blatte die herzerquickende Rede mittheilen, mit der Cremieux das von Oberrabb. I s i d o r gesprochene Tischgebet eingeleitet hat. Aix In der Hauptstadt der Provence ist vor Kurzem eine Statue Mirabeau's aufgestellt und von dem derzeitigen Maire, Herrn B6darride, enthüllt worden. Sehr richtig schreibt die daselbst erscheinende „La jeune Republique“ in einem längeren Artikel: Hr. B6darride hat vielleicht nicht daran gedacht, daher, als Jsraelite, eine Pflicht der Dankbarkeit gegen einen Wohlthäter seiner Vorfahren erfüllte." Es folgt eine Erzählung über Mirabeau's Aufenthalt in Berlin, wo er bald nach dem Tode Mendelssohns, das tiefe Bedauern kennen lernte, welches die gebildeten und durchgeistigten Kreise der preußischen Hauptstadt über das Hinscheiden des „buckligen Juden" empfangen. Mirabeau ließ dann ein Buch „Ueber Mendelssohn und die politische Reform der Juden" erscheinen, in welchem er „Emanzipation" forderte. Es werden einige der betreffenden Stellen mitgetheilt. (Es sind wesentlich dieselben, welche auch in Grätz Gesch. XL, S. 142 f. ausgezogen sind.) Rumänien. * Die ersten durch Telegramme österreichisch-ungarischer Blätter angelangten Nachrichten über neue Judenverfolgungen in Rumänien, namentlich im Distrikt Vaslui, sind ebenso schnell dementirt worden. Es ist allerdings wieder manche Uebertreibung nntergelaufen; sehr natürlich und erklärlich — die Geängstigten, an Vertreibung und jegliche schnöde Mißhandlung Gewöhnten fürchten schon bei der Drohung, viele ergreifen die Flucht, weil sie Grund genug haben, für Leib und Leben zu bangen, und tragen Schrecken in weitere Kreise, von wo das übertreibende Gerücht zu immer größern Dimensionen anschwillt. Dagegen haben die Rumänen wieder leicht abläugnen. Wie unter der Hefe der Bevölkerung in allen Ländern für Schimpfworte und Handgreiflichkeiten ein anderer Maßstab gilt, als unter Gebildeten, so begreift! der rumänische Bauer oder Städter in seiner Branntweinverthierung und der Bojarenpöbel in seiner Rohheit nicht, wie von Gewallthat und Verfolgung geredet werden mag, wenn man blas eine Hand voll Juden gehetzt, ihre Wohnungen demolirt, Franen mißhandelt, aber doch höchstens einige halb todt geschlagen hat. Es war unbegründet, wenn einige Blätter in den betreffenden Vorgängen eine Wiederholung „bulgarischer Greuel" erblickt haben, die Aehnlichkeit liegt aber auch darin, daß hier wie dort die ersten Nachrichten übertrieben waren, und die Wahrheit auch ohne Zuthat schlimm genug ist. — Wir stellen nun die begründeten Nachrichten zusammen. Noch während unser voriges Blatt gedruckt wurde, erhielten wir eine kurze Notiz aus —n Verlad, 2 Januar. Die in den Blättern laut gewordenen Nachrichten über Judenverfolgungen im Distrikt Vaslui sind sehr übertrieben. So viel wir hier, also in ziemlicher Nähe wissen, sind bis nun keine Juden verjagt, sondern j es handelt sich nur um erneuerte und verschärfte! Applicirung des Spirituosengesetzes, welches allerdings einer indirekten Austreibung vollends gleich steht. Das Verbot des Artikels 8 ist sogar auf die Stadt Vaslui ausgedehnt worden. Diese Maßregel rührt von dem dortigen Präfekten Lupascu her, dem Bruder des ehemaligen Präfekten zn Galatz, welcher im Jahre 1868 Juden in die Donau werfen ließ. — Ist es da zu verwundern, daß die Juden sich nichts Guten versahen? Was aber nicht in Vaslui geschehen ist, das geschah anderswo. Detaillirt berichtet darüber das N. W. Tageblatt in einer Korrespondenz aus! Kalafat, 31. December. Die starken Truppenconcentri- ’ rungen, welche hier stattgefunden haben, hatten unter Anderem zur Folge, daß nach durch das Militairgouvernement erfolgter Aufforderung eine große Anzahl jüdischer Geschäftsleute, hauptsächlich der ärmsten Klaffe angehörig, sich den einzelnen Truppenkörpern als Marketender anschloffen; selbe mußten, wie dies stets in solchen Fällen üblich ist, die Verpflichtung übernehmen, die Soldaten jederzeit nach Thunlichkeit mit Victualien aller Sorten zu versehen, während die Regierung den Leuten die Beistellnng eines Fuhrwerkes ohne jegliche Entschädigung versprach, sonstiger Zugeständnisse, welche den Leuten gemacht wurden, nicht zu gedenken. Trotz alledem bedurfte es vieler Aufrufe und Ermahnungen der Militairbehörde, um die jüdischen Händler zu dem nicht gefahrlosen Geschäfte aufzunmntern. Im Ganzen wurden per Jnfanterie- und Dorobanzen-Bataillon je ein, im Kavallerie-Regiment je drei Kantineurs engagirt und Kontrakte mit den diesbezüglichen Truppenkörpern ausgefertigt. Doch als die Leute mit ihr n Vorrätheri cintrafen, wurden die ihnen versprochenen Fuhrwerke nicht beigestellt; solche mußten sich die Marketender selber anschaffen, wofür ihnen die Bezahlung einer gewissen Geldsumme allerdings in Aussicht gestellt wurde; als sie aber dieselbe später verlangten, wurden sie von den Kommandanten zur Thüre hinausgeworfen. Es sollte noch ärger kommen. Sämmtliche Offiziere richteten es sich so ein, daß, wenn sie keine Provision von den Händlern erhielten, sie ihren Leuten verboten, bei denselben einzukaufen; Andere, so der Dorobanzen-Major Margelianic zu Crajova, forderten ihre Leute auf, die Juden durchzuprügeln, wenn sie ihnen nicht Alles umsonst geben; die Dorobanzen ließen sich's nicht zweiinal sagen, entrissen dem armen Teufel (sein Name ist Salomon Wolf, österreichischer Unterthan) seine Waaren, und als derselbe sich dem Beginnen der Soldaten wiedersetzen wollte, wurde er und sein Weib in furchtbarer und empörender Weise mißhandelt; Ersterer war durch Bajonettenstiche und Kolbenhiebe lebensgefährlich verwundet. Reklamationen, die der österreichische Konsul allerdings in sehr zahmer Weise machte, blieben erfolglos, in Calaraß, einem an der Donau gelegenen Städtchen, wurde der Kantineur des zweiten Rosciori- (Husaren) Regiments in grausamster Weise von den hiezu durch die Offiziere aufgereizten Kavalleristen erschlagen, uno zwar zu einer Zeit, wo der Kommandant der vierten Militair-Division, General Bncinsky, persönlich in Calaraß verweilte und der blutende Leichnam vor fernem Fenster von der beraitschten Soldateskaiin Kothe vorübergezerrt wurde; ähnliche, wenn auch nicht so tragisch endende Exzesse wiederholen sich im ganzen Lande, was Wunder, wenn die armen Inden, alles im Such lassend, sich eiligst aus dem Bereich des Truppenkörpers, dem sie engagirt sind, flüchten, wobei ihnen allerdings das Fatale passirt, daß sie dem eingangs erwähnten Kontrakt zufolge als Deserteure betrachtet werden und unerbittlich auf sie Jagd gemacht wird, und da die Prügelstrafe in Rumänien abgeschafft ist, mit dem Steigbngelrieinen halbtodt geprügelt und dann von einem Gefägniß i.i's andere geschleppt werden. Der empörendste Auftritt fand aber dieser Tage in dem wenige Stunden von hier entfernten Crajowa statt. Am Christabend waren sechs Kompagnien Infanterie, welche zur Division des General Lupu nach Cetale nächst Celafet bestimmt waren, zum Abmärsche bereit und schickten sie eben an, die Stadt, in welcher sie einige Wochen in Garnison gelegen nnd bei den dortigen Juden zahlreiche Schulden kontrahirt hatten, zu verlassen, als der kommandirende Offizier ohne jeglichen Grund seine Mannschaft haranguirte, zuvor den Juden die Fenster einzuschlagen. Kaum mar dies Kommando den Lippen des Edlen entflohen, als die Abteilungen sich lösten und unter wüstem Gejohle die ohnehin stark illuminirten Krieger in die Behausung der jüdischen Bevölkerung drangen, dort alles zerstörend und demolirend, nachdem sie zuvor alle Fenster durch Steinwürfe zertrümmert, alle Victnaliengewölbe (Siehe Fortsetzung in der Beilage.)