Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 2. (11.1.1877)
- Date
- 1877-01-11
- Page
- Seite 17 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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17 sogar bei mehreren Personen die Parteien einander so stark gegenüber gestanden, daß absolute Majoritäten nicht erziehlt und Stichwahlen nöthig geworden lind. Während man sonst wohl fast ausschließlich auf die sociale Stellung der Wahlcandidaten gesehen hatte, hat man diesmal auch die. religiöse Richtung in Betracht gezogen und hat sich weder durch grosses epaulettes, noch durch Empfehlung ge-vichligster und geachletster Persönlichkeiten, z. B. selbst Cremieux', beeinflussen oder imponiren lassen. — Leon Cohn, Sohn des vr. Alb. Cohn, ist zum Chef des Privatcabinels des Ministers und Conseil-Präsidenten Jules Simon ernannt worden. — Frau Baronin Horace (Herz) Günzburg ist in dem jugendlichen Alter von 38 Jahren plötzlich gestorben, tief betrauert als eine durch alle Gaben des Geistes, des Herzens und der Anmuth ausgezeichnete Frau. Feuilleton. Der letzte Jude.*) Von A. Oppenheim. Erstes Kapilel. Wenn der Wanderer etliche Stunden von der Residenz aufwärts gepilgert, steht er überrascht stille, ob der Anmuth und des Reizes, mit welchen sich die Natur hier geschmückt hat. Vor ihm liegt im hellsten Glanze des Sonnenlichtes das Thal iu seiner ganzen Länge und Breite, umschlossen von reich belaubten Hügeln, tiefdunklen Wäldern und hoch hinausragenden Bergen. Das Auge vermag nicht mit einem Blicke das Btlb zu erfassen, und geblendet wendet es sich von der Ebene auf zu den Bergen, und wieder zurück in das Thal, und flieg! von Punkt zu Punkt, immer wieder von neuen Schönheiten angezogen und wieder abgelenkt. Aus dem frischen saftigen Grün der Wiesen und dem Golde der Fruchtfelder erheben sich im anmuthigsten Wechsel niedrige Hütten, Thürme mit rothen Kuppeln, Schlösser mit regelrechten Alleen und Anlagen, und freundliche Ortschaften mtt netten, blinkenden Häusern. Und die Sonne mit ihren Strahlen spielt im hellen Glanze an den weißgetünchten Wänden der Häuser und den goldenen, funkelnden Kreuzen der Thürme von Rolandsau. Rolandsau — so wollen wir den Ort nennen — liegt nahe am Flusse, noch im Thale, aber doch auch in der Nähe des Gebirges. Unmittelbar bei Rolandsau beginnen die Hügel, die, sich immer mehr erhebend, bis zur Höhe von Gebirgen emporstergen. Rolandsau ist ein ruhiger, stiller Marktflecken und die Ruhe der Bewohner wird selten durch ein Ereigniß gestört. Die Erntezeit ist da. Ringsum klingt die Sense, die Sichel. Frohe Lieder steigen gleich einem Dankgebet zum Hinunel empor. Die weiten Felder sind belebt und es wimmelt von Schnittern, wie von Jnsecten. Da liegen Garbenhaufen, die unter den kräftigen Armen der leichtgekleideten Schnitter, rasch unter Lachen und Scherzen zu Boden sanken. Die Mädchen in kurzen, bunten Rökken, mit breitkrämpigen Strohhüten oder bunten Tüchern auf dem Kopfe, binden die Garben und Andere stellen sie schief zusammen, damit der etwaige Regen abrinnen kann. Seitwärts hinter einem Garbenhaufen liegt in einer Art Waschkorb ein kleines Kind und schreit. Daneben — als Wächter ein hellgelber Wolfshund. Ein junges Weib eilt herbei, beugt sich mit süßen Liebesworten über den Ruheplatz des kleinen^Schreimauls. Es hilft nichts. Da wischt sie sich mit ihrer schürze den Schweiß von Stirn und Wange, wirft die Sichel rasch auf die Stoppeln hin, nimmt das Kind an die Brust und hockt sich, ein zärtliches Gespräch mit dem kleinen Schreier beginnend, im Schatten der aufgestellten Garben. Ein paar Vögel schießen von dem Garbenhaufen über die freundliche Gruppe empor, als fürchteten sie dieselbe zu stören. Auf einem Obstbaume, in der Nähe des Garbenhaufens saß eine Anisel und sang. Sperlinge flattern umher und zwitscheren unhöflich in ihr melodisches elegisches Lied. Es war ein herrliches Bild des Lebens. Ein tiefgrüner Wald steigt mit einem schmalen Waldweg vor der Hügelkette sanft die Anhöhe hinan, auf welchem der Wallfahrtsort „Maria Grün" liegt. Die Sonne war gerade im Scheiden und schlang ihr goldenes Diadem ums grüne Haupt der Berge. Es schien der gewölbte Himmel ein Riesendom, in dem die ganze Natur ihre Vesper feierte, und der Duft der Gräser nnd Fichten durchzog gleich Weihrauch balsamisch die Lüfte. Und kann man sich einen erhebenderen Choral denken, als das Getriller jener Waldsänger, die von Zweig zu Zweig hüpfend, ihre fröhlichen Weisen ertönen lassen? Hierzu das feierliche Glockengeläuts der Kirche von Rolandsau und im Hintergrund vor allem die untergehende Sonne, die, gleich einer goldenen Riesenmonstrauz, — noch einmal über das heilige Thal den Segen ausstrahlte, eh' sie verschwand! -i- * Ein junger Mann, schlank und fest gebaut, wie die schönste Edeltanne im Wald, im Jagdrock schritt mit einer Dame an der Seite langsam den Waldweg hinaus. Es war eiu intelligenter, geistreicher Kopf, mit dunklem Haar und lebhaften braunen Augen, den der junge Mann auf seinen Schultern trug, Hände und Füße auffallend zart und klein. Der reine unge bräunte Teint und die weiße Hand ließ vermuthen, daß der junge Mann entweder gar nicht, oder nur sehr kurze Zeit den Einflüssen von Luft und Wetter ausgesetzt gewesen. Die Daine an seiner Seite war einfach gekleidet und zeigte ein hübsches Gesichtchen mit edlen, regelmäßigen Zügen. Lebhafte Augen, schwarzes krauses Haar, und etwas wie ein Ausdruck von Stolz, der sich um die schmalgeschaittenen Lippen und die klein gezeichneten Nasenflügel gelagert. Sie trug einen runden Strohhut, (der das reizende Gestchtchen vollkommen vor den Sonnenstrahlen schützte) mit einem frischen Strauß Feldblumen daran. Ein prachtvoller Jagdhund sprang lustig bald vor, bald hinter dem Paare einher. „So lange fern — so lang. Du böses Herz!" schmollte Rosa. „Du hast mich öfters fühlen gelehrt, was Freude, was stille Freude ist in der Menschenbrust, nun weiß ich auch, was Unruh, Schmerz und Sorge ist. Wo bliebst Du? sag's!" Plötzlich unterbrach sie den Redestrom und sagte ängstlich bewegt, indem sie des Geliebten Hand erfaßte: „Doch Du siehst nicht so froh, nicht wie sonst, Du scheinst betrübt? Was ist Dir? Sprich — bist Du krank oder warst Du es?" „Nein, nein, mein süßes Kind, ich war nicht krank, doch bin ich's heute — bin's im Gemüth", erwiderte Alfred, indem er Rosa an seine Brust zog. „Warum bist Du so betrübt? Sprich! Liebst Du Deine Rosa nicht mehr? Was quält Dich? Kannst Du mir's sagen? Willst Du's?" sagte Rosa rasch, indem sie sich den Armen des Geliebten entwand. „Ich muß Dir's wohl sagen; es bleibt mir keine Wahl." Und Rosa's beide Häude fassend, sagte Alfred langsam: „Wir müssen scheiden!" „Scheiden?,, erwiderte Rosa erschreckt. Und langsam wiederholte sie das Wort: „ Scheiden!" als wollte sie sich die Bedeutung dieses Wortes vor Augen führen, denn wie aus einem Traume erwachend rief sie: „Du willst fort? willst mich verlassen?" „Auf einige Zeit, doch nicht auf immer! Höre mich ruhig an, Rosa", sagte Alfred sanft. „Komm', setze Dich auf diesen Holzklotz — der Weg herauf hat Dich ermüdet." Rosa setzte sich wie betäubt; dann Alfreds Hand erfassend, sagte sie zitternd: „Was hast Du mir zu sagen? Ich bitte Dich — sprich!" (Forts, f.) 0 Nachdruck verboten.