Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 2. (11.1.1877)
- Date
- 1877-01-11
- Page
- Seite 16 (sequence 6)
- Language
- German
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16 ses Ersuchen gethan und können nur nachtragen, daß nach Aussage der Frau Karoline Deutsch, geborene Steiner, ihr Mann vor vier Jahren eine Abneigung gegen sie gezeigt habe, auf eine Scheidung aber nicht eingegangen sei, weil sie irgend eine Summe Geldes verlangt hatte. Sie behauptet ferner. Deutsch habe sich auf unrechtmäßige Weise in den Besitz von Schriften zu setzen gewußt, welche es ihm ermöglichten, ein Mädchen zum Altäre zu führen. Die nächsten Tage werden wohl Aufklärung in die ominöse Affaire bringen. Rumänien. Bukarest. Die Herren Rumänen erbringen den Beweis, daß der Orient nicht erst am rechten Donau-Ufer aufängt. Dieser Beweis besteht in der Nachahmung der bulgarischen Gräuel, nur mit dem Unterschiede, daß die Rumänen keine aufständischen Christen und Slaven, sondern die ohnehin vielgeplagten Juden mißhandeln, berauben und verjagen. Der Präfekt des Donau-Distriktes Baslui, Herr Reron Lupfeku, hat vor Kurzem „entdeckt", daß alle Juden seines Distriktes „vagabundiren". Höchst wahrscheinlick werden dort, wie überall, auch Vagabunden Vorkommen, aber man hat sich nicht mit den einzelnen Individuen begnügt, sondern beschloß, gleich aller Juden sich zu entlevigen. So wurden dieselben, Männer und Weiber, ohne Unterschied des Alters, von Haus und Hof verjagt, viele wurden schwer mißhandelt, ihr Eigenthum ist willkommene Beute der Bevölkerung, die Wohnungen wurden erbrochen und geplündert, während die Juden, von denen sehr viele 20 Jahre und darüber dort wohnten, in der jetzigen rauhen Jahreszeit trotz der flehentlichsten Bitten, trotz telegraphischer Beschwerden bei der Bukarester Regierung, der Kälte und dem Hunger preisgegeben und über die Grenze gejagt wurden. Einzelne meldeten sich bereits bei österreichischen Behörden in Jassy, und da die meisten in Rumänien wohnenden Juden österreichisch-ungarische Staatsbürger sind, hat das Wiener auswärtige Amt die Sache bereits in die Hand genommen, wie nachfolgende Depesche zeigt: Bukarest, 4. Januar. Große Aufregung. Graf Andrassy intervenirte energisch auf telegraphischem Wege zu Gunsten der von Haus und Hof vertriebenen Juden. (Die meisten politischen Tagesblätter bemühen sich nun, die Verfolgungen und Gewaltthätigkeiten als theils übertrieben, theils erfunden darzustellen. Ganz aus der Luft gegriffen sind die Mittheilungen jedoch nicht; wir werden in nächster Nr. Näheres darüber bringen. Red.) Großbritannien. London, 27. December. Graf Derby hat heute eine Deputation der hiesigen jüdischen Gemeinde empfangen, welche ihm die in der Versammlung der Allianze israelite am 15. d. M. angenommene Denkschrift für die Conferenz in Constantinopel überreichte. Der Graf drückte seine Uebereinstimmung mit den in der Denkschrift entwickelten Zielen aus und versprach, er werde dieselbe dem englischen Botschafter in Constantinopel übermitteln. London, im December. (Or-Corr.) Seit einiger Zeit weilt der Herr Rabbiner Kohen-Zedek wieder in unserer Stadt, um die beabsichtigte Midrasch-Ausgabe nach dem Oxforder Manuskript zu beendigen. Derselbe hat in Folge Aufforderung einiger bedeutender Männer am 2. d. M.jdem seligen R. Akiba Lehren einen "ILON in der holländischen Synagoge vor einer zahlreichen Versammlung gehalten. In Folge deffen wurde Herr Kohn von einigen Synagogen engagirt, um Samstag und Sonntag daselbst Vorträge zu halten. Auch hat sich ein Verein gebildet, um Herrn Kohn eine gesicherte Existenz zu verschaffen. Hierdurch wird Herrn Kohn die Möglichkeit geboten, seine hebr. Zeitschrift demnächst wieder erscheinen zu laffen. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Am 1. Juli d. I. wird der Begräbnißplatz der hiesigen jüdischen Gemeinde (in der Schönhauser Allee 25.) nach dann fünfzigjährigem Gebrauche geschlossen werden, da der Platz um diese Zeit ganz gefüllt sein wird. Als derselbe vor 50 Jahren erworben wurde, sollte er auf Grund der Wahrscheinlichkeits-Rechnung und der damaligen jüdischen Bevölkerungsziffer, für 150 Jahre reichen. Inzwischen hat sich die jüdische Bevölkerung Berlins, die 1827 etwas über 4000 betrug, bis jetzt mehr als verzehnfacht, da sie am 1. December v. I. bereits 45,464 betrug, wozu in der Zeit von 1871 bis 1875 allein 12,927 durch Zuzug von auswärts gekommen waren. Gegenwärtig hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde bei Weißensee neben dem der katholischen einen Begräbnißplatz erworben, da die Erwerbung auf Berliner Territorium vorgenommen werden mußte. (V. Z.) Emden. Mit der unlängst in diesem Blatte mitgetheilten Erwiderung des L. R. vr. B u ch h o l z, gegen die judenfeindlichen Artikel des Pastors H a f e r m a n n in deffen Kalender ist die Angelegenheit keineswegs erledigt gewesen. Hafermann hat replizirt, Buchholz duplizirt und Hafermann reduplizirt. Jetzt liegen die vier an Umfang immer stärker gewordenen Streitschriften als Separat-Abdruck aus der „Ostfries. Zeit." in einem zweiundachtzig-seitigen Octavhefte vor uns. Wir werden gelegentlich darauf zurückkommen. Fulda. Der Provinzialrabbiner Dr. Enoch ist am letzten Tage des v. M gestorben. Näheres bleibt Vorbehalten. 'rrn'ryn Wartenburg, 19 December. Eine abscheuliche Rohheit, die man kaum ganz ungebildeten Menschen Zutrauen kann, wurde jüngst in unserer Stadt von einem Manne begangen, der den sog. besseren Ständen anzugehören den Anspruch macht. Drei Jagdfreunde sprachen bei ihrer Heimkehr von der Jagd in einem öffentlichen Locale an, in welchem sich auch ein junger Mann jüdischer Confession befand. Alsbald wurde derselbe die Zielscheibe der Witze der Herren. Einer der Jagdgenoffen äußerte unter andern, ein Jude sei viel zu feig, als daß er das Pulver auch nur riechen könne. Und um diese Behauptung zu beweisen, lud er das eine der Gewehre mit Pulver, setzte ein Zündhütchen auf das Piston und rief dem jungen Manne zu, jetzt solle er zeigen, daß die Juden sich nicht vor Pulver fürchten. Kaum hatte der so Aufgeforderte das Auge in die Nähe des Laufes gebracht, als der Jäger abdrückte. Die ganze Pulverladung siog dem armen Menschen in's Gesicht; dasselbe ist dick verschwollen, und die Befürchtung liegt nahe, daß der Verletzte die Sehkraft vollständig verlieren wird; eine genaue Untersuchung der Augen läßt die starke Geschwulst noch nicht zu. Der rohe Mensch rühmte sich hinterher noch des gelungenen „Spaßes", den ihm das Gericht hoffentlich gründlich versalzen wird. (G. G.) B. München, 27. December. (Eingesandt.) Unserm sehr verdienstvollen, durch jeinen Wohlthätigkeitssinn und seine rege, warme Theilnahme an allen geistigen und religiösen Interessen des Judenthums auch in weitern Kreisen wohlbekannten israel. Mitbürger, Hrn. Max Wilmersdoerffer, kgl. sächs. General-Consul, wurden neuerdings zwei höchst ehrenvolle Auszeichnungen zu Theil: Se. Majestät der König von Sachsen verlieh ihm das Comthurkreuz des sächsischen Verdienstordens, und von Sr. Majestät dem Könige von Bayern erbielt er ein huldvolles Anerkennungsschreiben für seine Verdienste als Cassier des Comits's zur Errichtung eines Denkmals für den höchstseligen König Max II. Paris. Die Wahlen zu den Consistorien, welche gegen Ende des Jahres in den verschiedenen Sprengeln Frankreichs stattgefunden haben, sind diesmal besonders in Paris nicht ohne Kämpfe und Erregung vor sich gegangen. Es haben 'W-'"