Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 1. (4.1.1877)
- Date
- 1877-01-04
- Page
- Seite 7 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Vermischte imd neueste Nachrichten Wie man mir nämlich aus Rom schreibt, ist jüngst die sehr brennende Frage wegen derWohnungsverhältnisse im Ghetto wieder aufgetaucht, wodurch die jüdische Bevölkerung in große Aufregung versetzt ist. Die Bewohner des Ghetto besitzen nämlich aus alter Zeit her noch dasjus Gazaga (vom hebräischen Worte Chasaka, Besitzanrecht). Unter der Regierung der wenigen Päpste, welche eine Ausnahme von der Regel gebildet und gegen die Juden milde gesinnt waren, wurde die Letzteren früher angethane Gewalt, daß man ihnen die Häuser genommen, dadurch in Etwas gemildert, daß für ewige Zeiten die Miethspreise festgestellt wurden, welche die Juden für die Häuser im Ghetto zu entrichten hätten. Die Miethen waren natürlich den Verhältnissen jener Zeiten angemessen, so niedrig normirt, daß die Juden kaum geneigt sein konnten, von der seit der neuen Aera eingeräumten Freiheit, überall in der Stadt wohnen zu dürfen, Gebrauch zu machen. Denn seit dem Tage, wo Rom die Hauptstadt Italiens geworden ist, find die Miethspreise in der Stadt bis zur schwindelnsten Hohe gestiegen. Daher können die Juden das .fas Gazaga, ein fo theuer erworbenes Recht, nicht ohne Weite' res preisgeben. Wie hoch dieses im Werthe galt, erfuhr man bei Erbschaftsregulirungen, bei Verheirathungen, wo es die ganze Mitgift bildete u. s. w. Bald nach dem 20. September 1870 wurde die Frage aufgeworfen, ob nicht den Juden ohne Weiteres jenes Recht genommen werden dürfte, da ihnen die Niederlassung innerhalb der ganzen Stadt freistehe. Diese Frage beschäftigte die bedeutendsten Rechtsgelehrten, welche zu entscheiden hatten, ob das jus Gazaga ein reales oder personales Recht sei. Die Commission, welche mit der Einziehung der geistlichen Grundstücke und Güter betraut ist, hat auch diese Frage vou Neuem angeregt und sie vor das Forum des Gerichts zur Entscheidung gebracht. Mail kann sich denken, mit welcher Spannung die jüdische Bevölkernng des Ghetto den: Ausgange der Sache entgegensieht. Daher verdient eine so vielseitig und beispiellos noch immer an den Schlägen früherer Barbarei laborirende Gemeinde die allgemeinste Theilnahme. Mailches weitangelegte Herz wird solchen humanen Bestrebungen, auch wenn sie rärnlich fern liegen, sein Mitgefühl nicht versagell und vielleicht auch ein Scherflein für diese Zwecke der Humanität zu spenden gern bereit sein, dessen Uebermittelung an die Societa della fratcllanza in Rom ich mit Freuden übernehmen würde. Berlin (6. Gipsstr. 12a), am 10. December 1876. Di. A. S3 erlittet, Lehrer am Rabbiner-Seminar. Palästina. Jerusalem. Die Zeitschrift „Schaare Zion" spricht für die Colonifation Palästinas durch Inden und gibt dabei, gegenüber denjenigen, we'che wegen der dort herrschenden Unsicherheit Zweisei in die Ersprießlichkeit des Projekts setzen, folgende bemerkeitswerthe Notizen. „Wer hätte wohl vor wenigen Jahren geglaubt, daß auf den Trümmern Zions, wo man bei Hellem Mittag einzeln zu wandeln sich nicht getraute, 36 prächtige Zufluchtshänser für Juden stehen würden? Wer hülle geglaubt, daß eine halbe Stunde von der. Stadt entfernt Juden wohnen könnten ungeängstigt und ungeschädigt, aus- und eingehen unl Mitternacht ohne Furcht, und ein bewaffneter Kawaß hält alle Fellahs und Beduinen in respectvoller Erntfernnng. Wer hätte es vor fünf Jahren für möglich gehalten, daß auf der Straße von Jerusalem nach Jaffa bei Tag und Nacht Fuhrwerke sich bewegen? Als ich ein Knabe war, erbaute der edle Montefiore ans den nachgelassenen Spenden Juda Touro's etwa fünf Minuten von der Stadt entfernt Häuser, aber es fand sich Niemaild, der in denselben wohnen wollte (gratis) und nur mit Noch und auf vieles Bitten und für viel Geld fand er ein Minjan, die ihre Armuth dahin flüchteten und in Angst und Zagen" daselbst wohnen mochten. Wie anders ist jetzt Alles!" (Schluß folgt.) Berlin, im December. Vor einigen Tagen wurde ich eines Büchleins ansichtig, das zwar weder durch belehrenden Inhalt noch durch Formschönheit des darin zum Besten Gegebenen die öffentliche Aufmerksamkeit, wohl aber durch den böswilligen, oft geradezu widerwärtig gemeinen Ton, den es anschlägt, mit Fug und Recht eine gehörige Züchtigung beanspruchen darf. Es betitelt sich: ,,G ouvernantenleb en" und hat eine M. Wer nicke, Leiterin einer nach ihr benannten höheren Töchterschule, zur Verfasserin. Das Werklein ist zunl Besten alter Lehrerinnen gemacht und wurde hier in einem zu genannten Zwecke errichteten Bazar verkauft. In Schimpfen nud Schmähen gegen alle Welt leistet es Unglaubliches, so daß wir Juden uns nicht wundern dürfen, wenn die Liebenswürdige die Schaale ihres Zornes auch über unser Haupt ergießt. Sie ruft nämlich in einem ihrer Gedichte voll edler Weiblichkeit: „Nieder mit dem Juden!" Gewiß ebenso sehr einer gebildeten Dame, wie besonders einer Direktorin würdig, zumal wenn eine große Anzahl jüdischer Schülerinnen ihr Institut frequentiren. Es gereicht mir zu großer Freude, daß alsbald nach dem Erscheinen dieser pädagogischen Herzensergüsse die Frau des Cultusministers Falk ihrer Tochter der W.'fchen Anstalt entzog, besonders rühmend verdient es hervorgehoben zu weroen, daß eine jüdische Dame, Frau W. dahier, mit aller Energie gegen diese Judenfrefferin vorgegangen, indem sie sich nicht damit begnügte, für ihr eigenes Kind auf die Wohlthat eines Unterrichtes, dessen Leiterin von so inhumanen Grundsätzen ausgeht, zu verzichten, sondern auch einen Aufruf circuliren ließ, welcher die Abmeldung von weiteren 22 Schülerinnen zur Folge hatte. (I. Pr.) Magdeburg. Auf eine diesbezügliche Anfrage des hiesigen Vorstandes hat der Magistrat erklärt, daß der hiesige, neue städtische Kirchhof confessionslos sei. Daß unter der Bezeichnung „Geistliche" Rabbiner im gesetzlichen Sinne nicht mitverstanden sind, ist durch ein Ministerialreskript vom Jahre 1863, auf welches die hies. Regierung jüngst hinzuweisen Gelegenheit hatte, ausdrücklich festgestellt. Pasewalk. Der Druck der neuen von unserem Rabb. Dr. Zuckermandel veranstalteten Tofefta - Ausgabe schreitet rüstig fort, 5 Bogen sind bereits fertig. Die erste Lieferung wird nach Beendigung sofort den Subscribenten zugesandt werden. Das Werk erscheint im Selbstverläge des Herausgebers. Posen, Ende Decbr. (Or.-Corr.) Ihr Correspondent in Nr. 51 hat über den hier erfolgten Austritt aus der Gemeinde recht witzig und sehr verblümt berichtet. Die Sache scheint mir jedoch geeignet, unverblümt erzählt zu werden. Der Ausgetretene hat vor ein paar Jahren der Brüdervereins- Synagoge eine Orgel geschenkt. Er hat sich im November um ein Mandat zur Stadtverordneten-Versammlung beworben. Er hat sich in einem zumeist von Juden bewohnten Bezirke als Candidat aufstellen lassen. Die Juden haben ihm ihre Stimmen nicht gegeben. Er ist „aus religiösen Bedenken" ausgetreten. Hier haben Sie die unverbundenen Sätze. Ein jeder bringe sie nach Belieben in Verbindung. Ein Jeder wähle' die passend scheinenden Conjunktionen. Gedanken sind zollfrei. — Im Vereine „Freunde der Wissenschaft und Geselligkeit" hielt am 20. dss. Herr Dr. Treuenfels aus Stettin, einen ebenso interessanten, als inhaltsvollen Vortrag über: „Der Materialismus und die Lehre von der Seele." Die gediegenen Vorträge und die sonstigen Bestrebungen des Vereins sinden hier allgemeine Anerkennung und führen demselben täglich neue Mitglieder zu, so daß die Zahl derselben nahe an 300 beträgt. Lemberg. Auf Einladung des Vereins „Geselligkeit" hat Profeffor Grätz zwei Vorträge in deffen Lokal gehalten. Der