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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-01-04 · N° 1. (4.1.1877) · p. Seite 6

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 1. (4.1.1877)
Date
1877-01-04
Page
Seite 6 (sequence 9)
Language
German
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6 rung, daß sein Erlaß nur auf diesen einen speziellen Fall Anwendung finden, und ein die Religionsfreiheit regelndes Gesetz dem Landtage demnächst vorgelegt werden solle. Ein solches Gesetz ist jüngst auch im Landtage, gelegentlich der Debatten über das Budget des Cnltusministeriums, von den verschiedensten Seiten mit Energie gefordert und von der Regierung in Aussicht gestellt worden. Es wäre, schou damit das liberale Ungarn hierin der anderen Reichshälfte nicht zurückstehe, dringend zu wünschen, daß die Vorlage eines solchen, eventuell sicherlich mit imposanter Majorität angenommenen Gesetzes durch die hochwichtigen politischen Tagesfragen nicht allzulange hinausgeschoben werde. Schweiz. St. Gallen, im December. Die eigenthümlichen „Tracas serien" gegen die Juden in der freien Schweiz — von Verfolgungen, Hetzen, Vergewaltigungen kann ja keine Rede sein — nehmen kein Ende. Kaunl ist die Judenquälerei wegen angeblicher Thierq".älerei, also das Schächtverbot erledigt, so kommt ein anderer auf die Tagesordnung. Der hiesige, erst vor neun Jahren mit großen Opfern hergestellte und erst wenige Grabstätten zählende jüd. Friedhof soll geschlossen werden. Das Resultat steht noch aus. Die St. Galler Zeitung vom 1. Dec. enthält hierüber folgenden Bericht: Verhandlungen des Großen Rath es. Nun folgt Eingabe von Schürpf und Consorten im Kronthal puncto israelitischer Friedhof im Tablat. Die Gemeinde St. Gallen hat letztes Jahr einen neuen gemeinsamen Friedhof erstellt, jedoch den Israeliten die Forlbenutzung ihres Friedhofes im Tablat für so lange bewilligt, als er Raum biete, unter der Bedingung sanitärischer Gefahrlosigkeit und der Nichtbelastung der Polizeicasse. Einige Häuserbesitzer recurrirten bei der Sanitätscommission gegen Fortbestehen des Friedhofes; der Negierungsrath wies die Necurrenten, gestützt auf das sanitätspolizeiliche Gutachten, ab. Eine Privatexpertise hatte die sanitätspolizeiliche Gefährde für die umliegenden Häuser in Bezug auf das Trinkwasser nachgewiesen. Die Petitionscommission beantragt Aufrechtstellung des Recurses, gestützt darauf, daß das Begräbnißgesetz die Anlage des Friedhofes in der politischen Gemeinde verlangt und nur, wenn kein Platz vorhanden ist, die Erstellung außerhalb der Gemeinde zugiebt, die Israeliten ihr Domicil in St. Gallen haben, die Gemeinde St. Gallen einen geräumigen entsprechenden Friedhof erst errichtet und die Israeliten nicht besseren Rechtes sein können, als alle übrigen Bürger des Cantons. Sie beantragt daher zu beschließen, daß die Weiterbenutzung des israelitischen Friedhofes zur Beerdigung von Leichen unstatthaft sei. Italien. Aus Berlin erhallen wir folgenden interefianten Beitrag : Zur neueren und neuesten Geschichte der Juden R o m' s, der bedeutendsten Journale Rom's, das „Diritto", schreibt: „Zu den edelsten Errungenschaften, welche Rom seiner neuen Aera verdankt, gehört die int Anfänge dieses Jahres erfolgte Begründung einer „Gesellschaft der Brüderlichkeit" (8oei6tä della fratellanza) für den moralischen und materiellen Fortschritt der armen Juden in Rom. Die Geschichte der Juden in Rom unter der Gewaltherrschaft des Klerus ist noch nicht vollständig geschrieben. Noch aber leben die Erinnerungen und existiren die Thatsachen, um sie schreiben zu können — und dieses Buch würde das strafbarste Brandmal von Infamie darstellen, welche von der sinnlosen Tyrannei, der grausamen Unduldsamkeit der römischen Curie begangen worden ist. Die Juden waren geduldet in Rom, aber geduldet zum Gespötte des gemeinsten Aberglaubens, geduldet um den Preis jeder erdenklichen Erniederung. Viele Jahrhunderte hindurch waren sie als die Paria's unter der Bevölkerung Rom's angesehen und behandelt worden; bis zu einer gewissen Zeit zwangen die Priester jene Unglücklichen, während des Carnevals auf dem Corso wie die Berberhengste zu rennen und für eine abscheuliche Belustigung des Pöbels zu dienen. Die Juden waren verdantmt, im schmutzigsten, ungesundesten Witrkel der Stadt zu leben, ausgeschlossen von allen öffentlichen Aemtern, zurückgewieseu von den Schulen, untheilhaftig jeder Wohlthat und Barmherzigkeit, unterworfelt den schimpflichsten Steuerrt und Abgaben — konnten da die empfindlichsten Merkntale einer solchen bestialischen Verfolgung ausbleiben? Es ist nur ein Wunder der Standhaftigkeit, welches die Juden im Unglück stets aufrecht und zusammenhält, und das auch hier unter bent so schwer drückenden Joche der Priester sie wenigstens noch vegetiren ließ. Erst seit der Einnahme der Porta Pia (20. Septentber 1870) sind sie erlöst, nunmehr verbrüdert mit den andern Bürgern, ttnt sich gleicher Rechte, gleicher Gesetze, gleichen Antheils an der italienischen Civilisation zu erfreuen. Die „Gesellschaft der Brüderlichkeit" hat das edle Streben, die Schäden, welche die Vergangenheit angerichtet hat, auszubesfern, vielen Familien und unglücklichen Kindern die Wege des Unterrichts, der Arbeit uub des Wohlstandes zu öffnen. Der Verein hat bereits viele und ausgezeichnete Freunde in Rom und außerhalb gewonnen, wie dies die Nameusliste der Mitglieder ergiebt, deren Zahl intnter mehr im Wachsen begriffen ist. Ultterstützt von Spezial-Comluissionen, hat die Verwaltung des Vereins bereits Bedeutendes leisten können. Es konnte eine Altzahl von erwachsenen Knaben in die Lehre bei Tischlern, Schmieden, Sattlern, Hutmachern, Schneidern u. A. untergebracht werden. Diese Lehrlinge werden zugleich znm pünktlichen Besuch der Abendschulen angehalten, wodurch die weitere Ausbilduitg derselben int elementaren Wissen gefördert wird. Durch Einschreibung kleiiter Beträge in die Sparkassenbücher für eilten jeden Einzelnen wird zugleich Etwas für das spätere Fortkommen gethan. Für die Herstellung eines regelmäßigen Schulbesuchs wurde eine Statistik der Kinder von 4—12 Jahren ausgenommen, die Einschreibung von schulfähigen Kindern, deren Eltern es bis dahin vernachlässigt hatten, von Seiten des Vereins bewirkt. Beim Austritt aus den Asylschulen (Kleinkinderschulen) wurde eine besondere Controle darüber gehalten, daß die Austretendelt zur Elementarschule übergehen, wobei der Vorstand sehr oft ihre Einschreibultg selbst bewirkte. Mehrere der Fleißigsten wurden mit Sparkassenbüchern prümiirt, Andere wurden durch Geschenke, in nützlichen Schriften oder Kleidungsstücken bestehend, zum Fleiße und guten Betragen ermurttert. Es ist nicht zu verhehlen, daß die Arbeit lang, schwer und mühsam ist; aber man ist zu der erfrettlichen Hoffnung berechtigt, daß sie zu den erwünschtesten Resultatert führen werde, und zu denen daher edeldenkende uub eben so handelnde Menschen ihre Scherflein beitragen mögen." — Soweit der Bericht des „Diritto" vom 23. v. M. für den noch einige Ergänzungen folgen mögen. An der Spitze des Vereills steheit zwei mir persönlich bekannte Männer von llicht geringer Bedeutung: Vittore Rava, Rath im Ministeriunt des öffentlichen Unterrichts und Marco Alatri, Sohn des als Kämmerer der Stadt und De putirter des Parlaments rühmlichst bekannten Samuele Alatri' Der Minister hat dem Vorstande seine Anerkenmtng über die Leistungen der Schulen, welche die jüngst in Gegenwart vieler Notabeln vargenommene Prüfung ergeben hat, durch die Zusendung von 6 Sparkassenbüchern ä 50 Lire für eine künftige Prämiirung ausgedrückt. Die Alliance israelite universelle in Paris hat, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, „um die Spuren einer langen und traurigen Vergangenheit verwischen zu helfen," dem Vereine eine einmalige Subvention von 300 Fr. gewährt. Aber immerhin ist es nur als Anfang zu betrachten, was der Verein bisher leisten konnte, gar Vieles bleibt noch zu thun übrig, was nur durch vereinte Kräfte angestrebt und durch bedeutendere Mittel erreicht werden kann.

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