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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-01-04 · N° 1. (4.1.1877) · p. Seite 5

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 1. (4.1.1877)
Date
1877-01-04
Page
Seite 5 (sequence 8)
Language
German
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5 so wird's vollauf genügen. — Oder will Herr vr. Neustadt den kabbalistischen Unsinn lehren, der im zusammengestellt ist, die Weltanschauung, die seiner Einleitung zum Siddur und durchgehend dem soi-disant IPITS zu Grunde liegt?! Dagegen möchten wir doch sehr ernsthaft protestiren! 8. Pr. Oldendorf, den 17. December. (Or.-Corr.) Es ist zwar bekannt, daß der Jude fast täglich Ursache ftnden mag, sich über die vorurtbeilsvolle Beschränktheit zu ärgern, mit der christliche Schriftsteller uns das Unsrige entziehen und es als ihr (christliches) Eigenthum in Anspruch nehmen. Ich meine natürlich unsre erhabensten Glaubens- und Sitteulehreu. Gleichwohl mag es nicht uninteressant sein, einmal ein recht treffendes Beispiel anzuführen. Vor einigen Tagen erst (wenn auch nicht leider) kam mir das Werk: „Practische Winke über die Fortbildung des Lehrers im Amte, von I. G. Zeglin, Seminarlehrer in Dramburg," zu Gesichte. Der „christlich-conservalive" Hauch, der das Buch durchweht, soll hier nicht weiter bemängelt werden; aber nun beachte man folgende Stelle. „Unter den neueren Schriftstellern ist es namentlich G. H. Schubert, der, wie Hebel, den rechten Ton zu treffen weiß, wo es gilt, naturwissenschaftliche Materien volksthümlich darzustellen. Er konnte es, weil auch er von dem christlichen G e i st e erfüllt war, der in der Schöpfung das Werk eines lebendigen, allmächtigen Schöpfers sieht, dessen Thron der Himmel ist, und seiner Füße Schemel die Erde." — Also diese Grundsätze des Judenthums, diese wörtlichen Aussprüche der israelitischen heil. Schrift sind christlich, christlicher Geist! Könnte nicht der Herr Seminarlehrer ebenso gut sagen, es sei sein oder der seine Anstalt durchwehende Geist, er, Lehrer Zeglin, habe diese Sätze zuerst ausgestellt! Es könnte nun vielleicht Jemand glauben, Hr. Zeglin habe es so nicht gemeint, er wisse, daß jene und ähnliche Lehren aus dem Alten Testamente stammen, und er stelle seinen „christlichen Geist" nicht dem jüdischen entgegen, spreche deu Juden und oem Judeulhum nicht diese Anschauungen ab. Dann höre er aber Folgendes. Indem der Verfasser an einer anderen Stelle des Buches dem Lehrer das estrige Studium der Bibel empftehlt, werde,: von berühmten Männern Aussprüche über die Bibel zusammengestellt. Auch Berlh. Auerbach ist ein Platz eiugeräumt. So läßt sich der Seminarlehrer in voller Naivetüt vernehmen: „Selbst (8io) Auerbach, der doch nicht einmal (!!) auf christlichein Boden steht, sondern nur (?) in christlicher Umgebung ausgewachsen (sehr relativ!) nur an protestantischer Wissenschaft gebildet ist, sieht in der Bibel das Muster eines Volksbuches." Um ein solches Urtheil zu bilden, ist eine Protest. Wissenschaft vonnöthen?! Als noch von gar keinen Chriftenthum, geschweige denn von Protestantismus die Rede war, unsere Altvorderen aber schon existirten und alle Wissenschaften befruchteten, waren bereits die herrlichsten Aussprüche über die Bibel gethan: -„sie ist ein Baum des Lebens rc. rc" und viele viele andere, von denen natürlich der Herr Seminarlehrer bei seiner Wissenschaft nichts weiß. Laupheim, 21. Deceiuber. (Or.-Corr.) Soeben komme ich von einer höchst einfachen, aber eben so würdigen Feierlichkeit zurück. Auf unserem Friedhofe hatte sich aus dem Grabe des im April d. I. verstorbenen Rabb. Abr. Wälder ein prunkloser, würdiger Denkstein erhoben, umgeben von hübscher Elnsassung, gestiftet von den Ge,ueindegenosseu. Die gesammte Schuljugend und der größere Theil der Gemeinde hatte sich eiugesunden, uiu auch bei dieser Gelegenheit ihre Verehrung des verstorbenen Lehrers zu bekunden, welche auch \ m der Ansprache des Provisor. Nachfolgers angemessenen Ausdruck fand. Mit Recht wurde darin hervorgehoben, wie das ganze Leben des edlen Mannes erfüllt gewesen sei von treuer Pflichterfüllung, von wahrer Menschenliebe und ächt priesterlicher Friedensliebe. Möchte doch die Gemeinde der an sie gerichteten Aufforderung, auch ferner den Frieden zu erhalten, Nachkommen und auch dadurch das Andenken eines geliebten Lehrers in Ehren halten! — Vor Kurzem hat sich hier ein Localverein der Alliance isr. univ. gebildet, nachdem sich auf ergangene Einladung und Erklärung der Tendenz des Vereins etwa 30 Mitglieder gemeldet hatten. Das Beispiel der hiesigen Gemeinde wäre wohl der Nachahmung in verschiedenen anderen Gemeinden Württembergs werth, in welchen die Alliance noch keine Mitglieder zählt. Oesterreich-Ungarn. Bon der Donau, 22. December. (Or-Corr.) Mit der im I. 1868 erfolgten Emancipation erfreuen sich die Juden Ungarns der vollständigen bürgerlichen Gleichstellung. In dieser verhältnißmäßig kurzen Zeit haben zahlreiche Juden in den Ministerien, Richtercollegien, Municipalbehörden und verschiedensten Lehranstalten zum Theil hervorragende Stellung erhalten. Im Landtage sitzen vier jüdische Deputirte, von denen namentlich zwei, die Herren Wahrmann und Chorin, eine einflußreiche Stellung einnehmen; Ersterer als einer der angesehensten Vertreter der Regierungspartei, Letzterer, ein naher Verwandter, wenn ich nicht irre ein Sohn Ahron Chorin's, als Parteiführer der Opposition. Weniger erfreulich liegen die Dinge in Betreff der religiösen Gleichstellung der Juden, oder richtiger: in Betreff der staatlichen Anerkennung des Judenr h u m s. Es fehlt nämlich bis zur Stunde noch das Gesetz, welches die factisch bestehende Religionsfreiheit klar und deutlich ausspricht, und die alten und veralteten, diesem Prinzipe widersprechenden Bestimmungen ausdrücklich aufhebt. Unter solchen Verhältnissen kann es nicht fehlen, daß sich mitunter Fälle ereignen, welche ein peinliches Aufsehen Hervorrufen und der Legislative die Nothwendigkeit nahe legen, diese hochwichtige Angelegenheit endlich einmal endgiltig zu regeln. Der Uebertritt zum Judenthum ist in Ungarn durch ein altes Gesetz verboten. Dieses Gesetz war seit der neuen constitutionellen Aera faktisch außer Uebung gekommen; man schien es stillschweigend als ebenso antiquirt und unausführbar zu betrachten, wie die Todesstrafe, welche es für Zuwiderhandelnde bestimmt. Uebertritte zum Judenthume und öffentliche Trauungen von Proselyten wurden in der Tagespresse wiederholt besprochen. Proselyten, die vor Auflösung ihrer christlichen Ebe eine neue jüdische eingegangen waren, wurden förmlich wegen Bigamie belangt. Als fast sämmlüche, kernmagyarische Bewohner zweier Ortschaften in Siebenbürgen, welche im Geheimen Sabbathianer waren, zum Judenlhum übertrateu, erklärte der unvergeßliche Eötvös, trotz der Proteste des Clerus, daß er diesen, wenn auch gesetzlich unstatthaften, Massenübertritt ftillschwegend geschehen lasse. Diese sievenbürgischen Proselyten, heute streng orthodoxe Juden, welchen selbst die „Peies" als integrirender Bestandttheil ihrer neuen Religion gelten, haben sogar, mit Genehiuigung des Ministers des Innern, im ganzen Lande Sammlungen zum Baue einer Synagoge eingeleitet und diese Synagoge seitdem auch öffeutlich eingeweiht.*) Da gelangt jüngst vor den obersten Gerichtshof ein Eheprozeß, in welchen: der Vertreter der Frau, einer Proselytin, sich auf das alte Gesetz beruft, welches den Uebertritt zum Judeuhum verbietet, und unser Cultusminisier Tröfort — schließt sich dieser Auffassung frischweg an, erklärte die Ehe als ungiltig und verordnet, daß die aus ihr entsprossenen Kinder in der jüdischen Geburtsmatrikel zu streichen seien. So wenig Werth nun auch das Judeuthum bekanntlich aus den Beitritt von Proselyten legt, so muß in diesem Vergehen doch eine Hintansetzung, ein Angriff auf die Ehre und Würde des JudenthumeS erblickt werden. Eine Deputation der Budapester jüdischen Gemeinde gab dem Cultusminister gegenüber dieser Ansicht auch offen Ausdruck, und erhielt von ihm auch die Zusiche- *) Wle mir ein glaubwürdiger Reisender erzählte, steht die Kirche in Bözöd-Ujfalu, so heißt die betreffende Ortschaft in Siebenbürgen, fast leer und muß der Pfarrer die Messe zumeist nur vor dem Küster und dem Ministranten lesen; feine frühere Gemeinde geht in die Synagoge, welche die Schaar der Andächtigen kaum fassen kann.

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