Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 52. (25.12.1878)
- Date
- 1878-12-25
- Page
- Seite 417 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueberlebenden heran, um ihnen für den Erfolg zu danken. David wurde als der allerunerschrockenste bezeichnet. Vorgerufen sagte er: „Ich bin David Blum, der Jude aus dem Elsaß, der Ihnen einst in Spanien als ein phlegmatischer und des Schwunges entbehrender Mensch bezeichnet wurde. „Sie sind ein tapferer Mann und sollen Offizier werden." „Tanke Ihnen, General, aber bitte keinen Rang für mich; ich focht, um meine Kameraden vor den Kosaken zu retten, aber ich würde nicht meinen kleinen Finger rühren, um Ihren Kaiser zu retten, der meine geliebten Eltern in Schande gestürzt, ruinirt und ins Grab gebracht hat." Wieder vergingen einige Wochen, und die flüchtigen Truppen waren an der Beresina. Haufenweise fielen sie vor Mangel und Frost auf den gefrorenen Boden, der das Bajonett stumpf machte und den Leichen ein Grab versagte. An einem Wachtfeuer stieg Napoleon vonr Pferde und war erstaunt über die gute Ordnung, ja die Munterkeit dieser einzigen Truppe in dieser Wucht von Elend und Verwirrung. Ein Sergeant nahm das Wort: „Sire, wir verdanken unsere Rettung David Blum. Seine unerschöpfliche Energie erhielt unseren zusammen schmelzenden Trupp, sein Muth belebte uns, wenn die Lanzenreiter uns niederzureiten drohten und durch seine Vorsicht sind wir allein nie ohne Nahrung und Feuerung gewesen." „David, mein Krieger, sagte der Kaiser, mrt jener Stimme, die Throne erbeben machte und doch in solchen Momenten wie dieser süß und gewinnend sein konnte, „ein Platz ist für dich in meiner alten Garde bereit." Zugleich heftete er ein silbernes Kreuz von seiner Uniform los und übergab es dem Soldaten, in deffen Herzen der noch gährende Sauerteig des Haffes sich regte, während er doch zugleich unter dem Zauber der Ehrfurcht stand, den der Gewaltige überall hin verbreitete. So antwortete er denn ernst, wenn auch mit milderen Gestchtszügen: „Srre, ich bin ein elsässer Jude, und kann keinerlei Belohnung, Beförderung oder Dekoration annehmen, denn das hieße das Blutgeld für meine Familie empfangen, welche durch Ihr Dekret vom 17. März in Schande und Verderben gestürzt ist." „Ah" sagte mißvergnügt der Herrscher, „ich habe einige so traurige Klagen schon früher gehört; denn, fügte er kurz hinzu, „es war ein Jrrthum, aber wir können das aufheben und wieder gut machen" Die Wolke blieb jedoch auf feiner Stirn, und sein vor Kurzem ruhig freundliches Gesicht zeigte Spuren von Leidenschaft. Als wolle er weiterem Nachdenken, welches für den Augenblick unnütz gewesen wäre, entgehen, brach er auf, stieg zu Pferde und sprengte mit seinem Stabe davon. David grüßte mit der einen Hand, während die andere das Kreuz der Ehrenlegion fest umschloß. Er hatte dem Tiger von Airgesicht zu Angesicht gegenüber gestanden und hatte ihm fast verziehen, während er gefürchtet hatte, er könne sich rächen; fein Kopf war voll von Vorwürfen, fein Heiz schlug heftig. Seine Kameraden eilten zu ihm heran, um ihn zu beglückwünschen, doch erweckten sie ihn kaum aus seinen Träumen. Aber drohende Gefahr machte ihn vollends wach — die Kosaken kamen wieder über die Flüchtlinge. Im heißem Kampfe wurde fast die ganze Nachhut gelövtet und David verwundet. Er halte die ganze Vertheidigung so tapfer geleitet, daß man annahm, er fel ein Offizier und ihn für die Gefangenschaft aufhob. In einem Bergwerk Sibiriens war er achlundzwanzig Jahre begraben, und dennoch, als man ihm sagte, daß er frei sei, war das Gefühl »einer Vereinsamung so mächtig in ihm, daß er gern in die Tiefe zurückgekehrt wäre. Indessen der Ruf „Nach Frankreich" ließ seine Seele aufthauen, denn er war doch irgendwo, in einem Thale dieser grausamen Welt geboren, hatte dort gelebt und geliebt, und was die Barbaren auch von „dem Juden" sagen mochten, er halte dennoch ein Vaterland. So durchkreuzte er muthig ganz Europa, seine Stütze der Wanderstab und die Gaben mildthätiger Herzen. An einem Dezembermorgen des Jahres 1840 erreichte er die Heimath. Das alte zerschlagene Wrack war zurtickgetrieben zu der Schiffswerft, wo es fröhlich, leicht und stattlich aufgetakelt vom Stapel gelaufen war. Jeder sagte, dies sei der Ort, aber David vermochte nicht, ihn wieder zu erkennen. Der Garten, wo er für Sarah Blumen gepflückt hatte, war mit einer rauchenden Fabrik bebaut. Zum ersten Male seit langen Jahren benetzte eine Thräne des Kummers feine Augen, welche von den Kupferdämpfen des Bergwerkes getrübt waren. Alle Gesichter waren ihm neu und unbekannt, sein Name war ihnen fremd, sie sahen ihn mißtrauisch von der Seite an Er betete auf dem Grabe eines Verwandten, welches die Fabrikbesitzer verschont hatten. So machte er sich denn auf, um nach Paris zu gehen, wo das Begräbniß des Kaisers gefeiert werden sollte. Dort hoffte er alte Kameraden zu finden. Er kam dort am 14. an, frierend und ermüdet, aber zu sehr erstarrt, um Schmerz zu fühlen. Er durchwanderte die Straßen und hörte die Leute von dem Ruhm des Kaisers sprechen, deffen Thaten Frankreich immer zieren würden — aber Niemand schenkte ihm einen Tropfen Wein ein. O, wenn die gemeinen Soldaten voraussehen könnten, wie undankbar ihre Landsleute gegen diejenigen sind, die für sie in Kamps und Tod gegangen sind.! Der alte Veteran schlief auf der Stufenhalle eines Theaters; es war kälter als in Sibirien! Er grübelte darüber, daß ein Mann die Gewalt gehabt habe, das Glück von hunderttausend Familien zu zerstören, als der Ruf „Vive Tempereur“ ihn weckte. Die Menge drängte sich zum Jnvaldenhotel, um ihrem vergötterten Helden Huldigungen darzubringen. Furcht, Neid, Feindschaft, alles war bei allen Klaffen dahingefchwnnden, und nur die mächtige Stimme der Geschichte machte über dem Grabe des Riesen sich vernehmlich. Das erhabene Schauspiel brachte David Blums Ideen in Verwirrung. Plötzlich fühlte er Mitleid mit dem unglücklichen. Manne, der, im vollen Besitze aller Macht, doch auch nie häusliches Glück kennen gelernt hatte, weder an der Seite Josephinens, die er von sich stieß, noch mit der Kaisertochter, die ihm widerwillig die Hand und dann das Schattenbild eines Sohnes gegeben hatte. Und er erinnerte sich an die Bewegung des Kaisers, als sie einander gegenüber gestanden hatten, nur wie Mensch dem Menschen, und jener gesagt hatte: „Es war ein Jrrthum!" Und so beugte er sich vor dem Mißgeschick der Halbgottes und verzieh ihm nach einem Leben von Groll. „Wir treffen einander zum letzten Male, o Kaiser! Du kommst aus einem Gefängniß, welches Dir das Herz brach,, und der arme Jude kommt aus seinem lebendiger Grabe In einem Lande der Freiheit, Gerechtigkeit und Duldung, da mag einst eine bessere Zeit kommen. Gott weiß wann, aber sie kommt. „Jetzt Glockengeläute, Trommeln und Trompeten, untermischt mit Myriaden Stimmen, welche riefen: da ist er nun inmitten derer die er liebte!" Unter dem Triumphbogen äs l'Ltoiäs („o glänzender Morgenstern, wie bist du gefallen!") erschien der prächtige Leichenwagen, umgeben von verstümmelten Generalen, geschmückt mit Fahnen und Adlern. David sank in die Knie und betete. Eine segensvolle Ruhe kam über seine Seele. Wie der Zug vorüber war, wurde er ohnmächtig und sank gegen eine der Triumphsäulen. Unter den zahlreichen kleinen Tagesbegebeheiten war im „Moniteure“ zu leien: Ein alter Mann wurde bewußrlos in den Champs Elys6es gefunden. Man weiß nicht, ob er in dem Gedränge verletzt worden, oder vor Kälte und Hunger umgekommen ist. Ec kam nicht wieder zum Bewußtsein, und da er unbekannt ist, wurde er in die Morgue gebracht. In seiner festgefchloffenen Hand war ein klernes Päckchen mit einem Kreuz der Ehrenlegion mit Napoleons Bildniß und einem bedruckten Stück Papier, welches so alt und mürbe war, daß es nur mit Mühe entziffert werden konnte als „das kaiserliche Dekret betreffend die Juden vom 17. März 1808."