Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 52. (25.12.1878)
- Date
- 1878-12-25
- Page
- Seite 414 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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414 — Die Aufforderung, einen ähnlichen Verein zu bilden, ging von dem Großherzoglich Sächsischen Landrabbiner Dr. Kroner in Stadt-Lengsfeld aus. Nachdem dessen Anregung von verschiedenen Seilen freudige Zustimmung gefunden, fand am 3. November in Eisenach die erste Versammlung statt, die den erwähnten Herrn Dr. Kroner durch Acclamation zum Vorsitzenden, den Herrn Rabbiner Dr. Leimdörffer in Nordhausen zum Stellvertreter und den Herrn Prediger Fackenh e i m in Mühlhausen zum Schriftführer erwählte. Eine Anzahl der Eingeladenen war fern geblieben und hatte sich schriftlich entschuldigt. Die Einen fanden die Entschuldigung in dem Brandunglücke, welches soeben Stadt-Lengsseld betroffen, die Andern waren durch amtliche Verrichtungen abgehalten und endlich mochten wohl die Dritten erst erfahren, was unser Verein eigentlich bezweckte. Hoffentlich werden bei der nächsten Versammlung, welche im Frühling stattsinden wird, derartige Gründe keinen unserer Herren Collegen verhindern, uns mit Rath und Thal zu unterstützen; besonders, so hoffen wir, werden diejenigen Herren, welche sich bis jetzt abwartend verhalten, sich uns nähren nnd uns die Bruderhand reichen. Nachdem die von Herrn Landrabbiner Dr. Kroner entworfenen, von Herrn Prediger Fackenheim amendirten Statuten verlesen, durchberathen und angenommen waren, hielt der genannte Herr Fackenheim einen Vortrag über „Förderung der Alliance israelite universelle," welcher mit vielem Beifall ausgenommen wurde und den Erfolg hatte, daß sämmtliche Anwesenden, welche dieser Vereinigung noch nicht angehörten, ihren Beitritt erklärten. Sodann erfreute Herr Rabbiner Dr. Leimdörffer die Versammlung mit einem gediegenen Vortrag über „die Pflege der hebräischen Sprache." So war der Tag unter ernster Arbeit hingegangen und hatte in allen Theilnehmern das Interesse für jüdische Wissenschaft, für gemeinsame WohlthätigkeitSanstalten, insbesondere für vie israelitische Allianz und den israelitischen Gemeindebund gehoben. Auch war der Beschluß gefaßt worden, daß der Verein, welcher den Namen „Verein israelitischer CultuSbeamten in Thüringen" führen wird, sich einem der bestehenden Vereine für Unterstützung der Lehrer, Wittwen und Waisen anschließen und mit andern Vereinen gleicher Tendenz in Verbindung setzen soll. Der Anfang ist also gemacht. Möge unter Gottes Beistand unser Verein gedeihen, zunehmen an Zahl der Glieder und wachsen im Geiste Gottes, auf daß er fördere Religion und Tugend, daß er ein Wohlgefallen werde für Gott und die Menschen. Aus Oberschlesien. Es dürfte die Leser Ihres für geordnete jüdische Schul- und Lehrverhältniffe wirkenden Blattes recht sehr interessiren zu erfahren, daß in Gleiwitz die Umwandlung resp. Verschmelzung der jüd. Gemeindeschule zu einer S i m u l l a n s ch u l e sich trotz der bekannten Opposition, die z. Z. zu dem sehr schroffen Verfahren des Vorstandes gegen den Rabbiner Dr. Hirschfeld geführt hatte — seit Ostern d I. vollzogen worden ist. Wir haben eS jetzt mit einem kalt accompli zu thun, dem wir sein gutes Recht zugestehen müssen. — Es ist — und wahrscheinlich gerade in Folge der Opposition — das möglichst Erreichbare bezüglich der Wahrung der religiösen Jnlereffen für die jüd. Lehrer sowohl wie für die zahlreichen jüd. Schüler erzielt worden. Die Bedingungen, die der Vorstand nach gemeinsamer Berathung mit einer Commission aus Repräsentanten und Gemeindemitgliedern festgestellt, sind folgende: 1) Die jüd. Lehrer und Schüler sind von dem Schulbesuch an den beiden hohen Festtagen (Neujahr und Bersöhnungstag) völlig dispensirt. 3) Es ist dem Wunsche der Eltern Vorbehalten, ihre Kinder vom Schulbesuche auch an den übrigen Festtagen und Sabbalhen frei zu machen. 3) Für die jüd. Lehrer und Schüler endet der Unterricht an den Sabbalhen und jüd. Festtagen um 10 Uhr Vormittags, so daß dieselben nicht an dem Besuche des um diese Zeit anberaumten Gottesdienstes gehindert sind. — (In die letzten Vormittagsstunden itt der christliche Religionsunterricht in den Lectionsplan eingesetzt, und die Anordnung getroffen, daß die auf die beiden ersten Stunden gelegten Ünierrichtsgegenstände nur solche sind, bei denen das Schrelben nicht erforderlich ist.) 4) Bei eintretenden Lehrer-Vacanzen sollen nach dem Verhältniß der Schüierzahl auch jüd. Lehrer angestellt werden. Was die Bedingungen über 1 und 2 anlangt, so enthalten dieselben nichts, was nicht auch an einer Mchtsimmultanschule allenthalben nach den bisherigen gesetzlichen Bestimmungen erreicht worden wäre. Der Schwerpunkt liegt in den sub 3 und 4 gestellten Forderungen. Die Städtische Schuldepuration hat sie befürwortet und die Königliche Regierung zu Oppeln bereitwillig ihre Zustimmung ertheilt. Hoffentlich werden diese Punkte (Anstellung jüd. Lehrer) auch in Zukunft stets gewiffenhast ausgeführt werden, selbst bei etwaigem Wechsel des gegenwärtigen Regimes im Cultusministerium, und hat der Vorstand sicherlich für Garantien nach dieser Seite hin gesorgt, denn man hat Beispiele, daß beim Jnslebentreten Manches zugestanden wird, was man später wieder allmählich zurückgenommen hat. Doch wir wollen nicht zu schwarz in die Zukunft sehen und bemerken nur noch, daß, da der an der Schule erlheilte Religionsunterricht fürs Hebräische nicht ausreicht, wöchentlich vier besondere Lehrstunden außerhalb der Schulzeit dazu vom Vorstande anberaumt worden sind. 8p. Solingen, den 13. December. (Or.-Corr.) Einen größer» Leichenzug, als am 3. Dec. d. I., hat unsere Stadt noch nicht gesehen. ES galt dem sel. Herrn Alexander Coppel, Ritter des Kronenordens IV. Claffe, Ehrenvorsitzenden deS Synagogen-Vorstandes unserer Gemeinde, die letzte Ehre zu erweisen. Eine innigere Tdeiluahme, als der Tod dieses von allen Seiten hochverehrten 83jährigen Greises gefunden, wird man schwerlich in einer jüdischen Gemeinde aufweisen können. Alle Schichten der Bevölkerung waren vertreten. Landrath, Bürgermeister, dar Stadtverordneten- Collegium und andere Corporationen. Vor sieben Jahren feierte der selig Entschlafene an der Seite seiner hochherzigen, ihn überlebenden Gattin die goldene Hochzeit. Es zeigte sich bei der Gelegenheit, welche Achtung und Verehrung der selige Herr Coppel in unserer Stadt und darüber hinaus genoß. Die Nächstenliebe war es, die den seltenen Mann in so hohem Maße zierte und ihm viele Freunde erwarb. Im Stillen wirkte er mit der anspruchlosesten Bescheide heil; die linke Hand sah nicht, wenn die rechte gab. Nie seine Frömmigkeit zur Schau tragend — er bildete in dieser Hinsicht einen Conlrast zu vielen unserer Orthodoxen — barg er den frommen Sinn tief in seinem Innern. Die traditionellen Gebräuche wohl beachtend, hat er keinen Zelotismus, Fanatismus gekannt, er war Jude und Mensch, Mensch und Jude. EinS hat das andere nicht beeinträchtigt, bei ihm war Alles Harmonie. Zu seinem größten Leidwesen konnte er bei Abnahme seiner Körperkräfte die Synagoge nicht mehr besuchen und ließ sich in seinem Hause den Wochenabschnitt vorlesen. Zur größten Freude seiner Angehörigen und der ihn verehrenden Gemeindemitglieder erschien der würdige Greis am Losest stasostaua in der Synagoge, um seinem Sohne, dem Slavtraly und Präsident der Handelskammer des Kreises Solingen, Herrn Gustav Coppel, die Tekioth vorzusagen, und, als ob er alle seine Kräfte aufbieten wollte, er entiedigte sich der Pflicht mit einer Hellen, klaren, Allen vernehmbaren Stimme. Tiefe Rührung herrschte bei diesem um so feierlicheren Act. Am Abend des Sabbaths Tholdoth, seiner Barmizwa-Sidra, hat er Hawdolo gemacht und ist deS Nachts selig hinübergeschlummert in die Gefilde der Ewigkeit; sein Ende war das eines Frommen, wie das auch in den gehaltenen Leichenreden hervorgehoben wurde. Sein Andenken ist und bleibt für alle Zeit gesegnet!