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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-12-25 · N° 52. (25.12.1878) · p. Seite 412

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 52. (25.12.1878)
Date
1878-12-25
Page
Seite 412 (sequence 3)
Language
German
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— 412 — Gewerbe; General-Privilegien, die von den meisten Exemptionen befreiten, nicht für den Würdigeren, sondern wie immer für den Reicheren; Wucher-Privilegien für die Uebrigen; häufig versagte und dann wieder nach augenblicklichem Bedürfniß freigegebene Niederlafiung an einzelnen Orten; unerhörte Brandschatzungen endlich, denen durch den Ertrag eines ordentlichen Erwerbs außer dem Handel zu genügen unmöglich war: das waren die Bestandtheile des Zustandes, der bis zu dem angegebenen Zeitpunkte, wenn auch durch gebesierte Sitte gemildert, doch in seinem Grundwesen, in der Versagung des Bürgerrechts, fortdauerte." Wir unterlassen eS absichtlich, auf frühere Jahrhunderte zurück zu greifen, wo die Juden von den Fürsten, Prälaten und Städten nur lediglich gehalten wurden, um ausgepreßt und dann zertreten zu werden, und wo man sie vertrieb, verschenkte oder verkaufte und erbarmungslos todtfchlug, wenn es nichts oder nichts mehr zu pressen und erpressen gab. Die eigentliche Gleichstellung der Juden, die die Fesseln des Ausschlusirs von Gewerben rc. sprengte, datirt erst aus den vierziger Jahren und später, theils gar erst vom Erstehen des neuen deutschen Reiches, und da ist man so unbillig zu verlangen, daß ein Nebel, das Jahrhunderte des ärgsten Zwanges und der Roth gezeitigt und zu Wege gebracht, in weniger als einer Generation gehoben und geheilt werden soll? Es liegt uns wahrlich fern, diesen argen verderblichen, aber confessionslosen Krebsschaden gesunder Gesellschaftszustände zu entschuldigen oder gar vertheidigen zu wollen, und sind gern bereit, wenn eine leidenschaftslose und unparteiische Prüfung ergeben sollte, daß die vorhandenen Gesetze dagegen sich als nicht zureichend erweisen, wenn Mittel und Wege gefunden werden, das Ueoel einzudämmen oder zu beseitigen, ehrlich und aufrichtig dabei mitzuarbeiten, nur suche man nicht durch Verdrehung der Thatsachen und Sophismen abscheulichster Art die Sache so darzustellen, als entspringe sie aus dem Judenthum, aus dem MosaismuS und sei folgerichtig nur mit Ausrottung des Letzteren selbst zu beseitigen. Wo gäbe eS überhaupt eine Religion, die so schlecht wäre, derartige Unmoralitäten zu billigen oder gut zu heißen? Und wie würde es unfern Hassern gefallen, wenn wir an der Hand der Verbrecherstatistik manche andere nicht weniger verderblichen Feinde gesunder Zustände, die, wie statistisch nachgewiesen ist, leider auch in erschreckendster Zunahme begriffen sind, deshalb der christlichen Religion aufbürden und als aus dem Christenthum entsprungen bezeichnen wollten, weil zweifellos festgestellt ist, daß die Juden ein verhältnißmäßig weit geringeres Contingent, das sich in vielen Rubriken auf Null reducirt, dazu gestellt haben als die Christen? So constatirt z. B., um einen auch in den Lugen unserer frommen Herren Gegner competenten Gewährsmann anzuführen, der Gefängnißgeistliche, Herr Pfarrer Stursberg zu Düffeldorf, in seinem jüngsthin veröffentlichten Schriftchen „Ueber Zunahme der Vergehen und Verbrechen und ihre Ursachen" mit unerbittlicher und nicht wegzudisputirender Zahlenlogik die betrübende Thatsache, daß in eben demselben Zeitraum, in welchem die Klagen über Zunahme des Wuchers laut und lauter wurden, in den Jahren von 1871/76 resp. 1877 in ganz Deutschland eine bedeutende Zunahme der Verbrechen stattgefunden habe, und zwar erstrecke sich diese Zunahme insbesondere auf Verbrechen und Vergehen gegen die Sittlichkeit, wider Leib und Leben, wider die persönliche Freiheit und Ehre der Mitmenschen, auf den Widerstand gegen die Staatsgewalt und gemeingefährliche Verbrechen: Ausflüsse roher Sinnlichkeit, ungebänoigter Leidenschaft, der Rohheit und Frechheit, sittlicher Verwilderung rc. rc. Beispielsweise nahmen hiernach in Preußen die Verbrechen gegen die Sittlichkeit um 294°/«, zu. Betrug in schwerenFällen um 290°/,. Raub und Erpressung um 164°/0, Mord um 138°/0, Todlschlag um 120°/o und sei immer noch in Progression begriffen. Die verhältnißmäßig bedeutendste Zunahme ergebe die Zahl der Verbre. cher unter 18 Jahren. — Auch unsere ärgsten Gegner werden nicht leugnen können, daß zu all den aufgeführten Kategorien von Verbrechen, mit Ausschluß desmit dem Wucher zusammenhängenden resp. mit ihm zusammenfallenden Betruges, die Juden oder wie Herr Stöcker sagen würde: das Judenthum — gar keinen oder einen erstaunlich geringen Beitrag liefern. WaS würde man uns also sagen, wenn wir alle diese Verbrechen, weil sie, dem Himmel sei Dank, bei Juden gar nicht, oder nur sehr sporadisch Vorkommen, dem Christenthum zur Last legen wollten? Das kommt uns nun allerdings nicht in den Sinn, vielmehr sind wir überzeugt, daß gerade der Mangel an „echtem" Christenthum es ist, der zu ihrer Ausbreitung beigetragen hat. Auch suchen und finden wir weder Trost noch Entschuldigung darin, daß andere Menschen ebenfalls ihre Fehler haben und würden gar dieser Dinge hier nicht so ausführlich Erwähnung thun, wenn wir er uns nicht schuldig wären, daß, wenn man, wie geschehen, von so hervorragender Stätte die öffentliche Meinung gegen unS einzunehmen und den Religionshaß in die Schichten der durch die ganze wirthschaftliche Nolhlage ohnehin aufgeregten unteren Volksklaffen zu tragen sucht, unfern Lesern zu zeigen, wohin die Consequenzen einer so schiefen Logik führen. Möge man sich doch auch überzeugt halten, daß uns die Befreiung von unfern Fehlern und Schwächen in socialer und volkswirthschaftlicher Beziehung, überhaupt von allen Ueberbleibseln schlimmer Vorzeiten, wahrlich aufrichtiger und ernster am Herzen liegen, als den Herren Schröder-Lippstadt und allen derartigen Freunden und Feinden. Sie rasch und im Handumdrehen verschwinden zu machen, das ist uns freilich unmöglich; jeder Ehrliche, Unbefangene wird aber zugestehen müffen, daß dem Christenthum dieses eben so unmöglich sein würde. Jeder Uebergang von einem in einen andern Zustand, vom schlechten zum besten selbst, hat seine besonderen Mißstände, die grell in die Erscheinung treten und oft ärger sind als der frühere Zustand selbst, aber sie sind unvermeidlich. Und sind denn nicht z. B. nach Aufhebung der Leibeigenschaft (man vergleiche Chr. Garve's treffliche Vorlesungen „über den Charakter der Bauern und ihr Verhältniß gegen den Gutsherrn und gegen die Regierung" vom Jahre 1786), nach Aufhebung der Sclaverei die Nachwehen auch noch lange sichtbar zu Tage getreten, ohne daß es irgend einem billig denkenden Menschen eingefallen wäre, deshalb mit Anträgen zu kommen, wie sie den gegen uns gerichteten zu Grunde liegen, wenn man sich aus mancherlei Gründen auch scheut, das Kind beim rechten Namen zu nennen und der Katze die Schelle anzuhängen. Allerdings hat es auch damals an jener sonderbaren Art von Menschenfreunden nicht gefehlt, die Mäusefraß, Mißernten und Hagelschlag, überhaupt alle Gebrechen und Gebresten der Zeit der Emancipation der Selaven oder

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