Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 51. (18.12.1878)
- Date
- 1878-12-18
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 405 — Oesterreich. Bon der untern Donau, 1. December. (Or.-Corr.) Fast möchte ich bebauplen. erst heute die ganze Tragweite des Ausspruches: „vifüeile 68t sat^ram non serlbers" zu erfassen und zu verstehen. Heber „die Verhältnisse der jüd. ungar. Gemeinden" soll ich Ihnen für Ihre deutschen Leser schreiben, und „gar noch, wie Sie ausdrücklich (mit Bezug auf mein Augenleiden) bemerken, „mit ungetrübtem, hellen Blicke" soll ich sie beleuchten? Nun in der Thal! Licht und Beleuchtung thui ihnen Noth, den Verhältnissen und Zuständen meiner vaterländischen Gemeinden: denn heule noch, gleichwie am ersten Schöpsungstage ist das lohn wabohu unseres jüdisch-communalen Treibens und Lebens unzertrennlich von dem knapp darauf Folgenden „und Finsterniß auf der Fläche de» Abgrundes" und höchstens der eine Wechsel macht sich geltend, daß der „darüber webende Gotkteshauch und Gottes ge ist" abhanden gekommen ist. — Fordern Sie aber nicht von mir, daß ich über systematische Systemlosigkeit auch systematisch referire: etwas rhapsodisches Gebühren müssen Sie mir schon freundlichst zu Gute halten: ich muthe wohl nicht mit Unrecht Ihren Überleithanischen Lesern Organisationstalent genug zu, um aus den bunten Skizzen sich endlich ein Gesammtbild zu formen. Sie werden es genz natürlich finden, daß ich mit der Schule beginne, denn mi-Zijon teze Thora, aus diesem Marksteine jüdischen Gemeindeledens geht die Lehre und die Belehrung aus, die wir für und ins praktische Leben hinaus- und hinübernehmen sollen. Aber, man giebt mir doch zu, daß trotz allem Kosmopolitismus und aller Liberalität moderner Anschauungen, — die ich übrigens nach meiner unmaßgeblichen Ansicht, weit eher Libertmage benamsen möchte, — das Leben des jüdischen Bürgers, mindestens innerhalb seiner vier Pfähle, einen mehr oder weniger confessionell-jüdischen Anstrich haben dürfe und haben müsse? Und woher sollen ihn, den consessionell-jüdischen Anstrich, unsere Kinder nehmen. und ganz besonders unsere Mädchen, die natürlichsten Bürgen nachwachse,»der Generationen, die, mindestens in den frühen, empfänglichsten und empfindlichsten Jahren ihrer Existenz fast ausschließlich auf die Mütter in Israel hingewiesen sind, oder doch wenigstens es sein sollten? Daß aber gut und echt katholische Schulschwestern den jüdischen Frequentanten ihrer — freilich überraschend wohlfeilen — Klosterschule jüdisch-confessionelles Beivnßlsein werden ins kindliche Gemüth eintrichtern oder einträuseln, — das glaube ich nun- und nimmermehr. Mit welchem stolzen Selbstbewußtsein kündigte vor einigen Tagen eine jüdische Mutter ihrem ebenfalls jüdischen Hausarzte an, ihr kauai 5jähriger Knabe werbe in dem für Weihnachten wie alljährlich zu veranstaltenden Fastnachtsspiele die Rolle eines der heiligen drei Könige durchzuführen haben?! Der Arzt nahm diese frobe Mähr ohne jede weitere Bemerkung hin, da er wohl begriff, den Mohren, oder richtiger, die Mohrin werde er nicht weiß waschen. Und wie sollte er wagen, das Prophelenworl zu Schanden machen zu wollen, das in richtiger Voraussicht sagt: „Deine Umsturzleute, deine Verderber — aus dir, dem Weibe, — werden sie hervorgehen!" Einer andern Dame, die thasächlich mehr als nominell Jüdin ist, gegenüber wagte der obengedachle Arzt eine Lanze für die jüdisch confessionelle Schule um so eher und nachdrücklicher einzulegen, als die Danre in quaestione selber den Lehrkräften des Gemeindeinstitutes, natürlich nur, was die wissenschaftliche Befähigung derselben anbelangt, volle Gerechtigkeit angedeihen zu lasten, durchaus nicht abgeneigt war. „Aber die Umgangsformen — nota bene bei einem noch nicht 10jährigen Mädchen — die werden doch von den grauen Schulschwestern unnachahmlich beigebracht!" — Versuche es einmal, lieber Leier, dem Weibe zu Gemüthe zu führen, daß jüdisch nationales Bewußtsein, die Erkenntniß der seit Jahrtausenden ununterbrochenen und mindestens durch uns selber nun und nimmermehr zu unterbrechenden Solidarität und Zusammengehörigkeit, wenn sonst nichts anderes, höher zu veranschlagen seien, als hinfällige Umgangsformeu, die mit jeder Nummer des „Bazar" dem Wechsel der Mode unterligen können, versuch' das, lieber Leser! und bei aller Hochachtung vor deine Beredtsamkeit, du mühst dich hier ganz vergeblich ab. Die Frau versicherte mir übrigenzur vollen Beruhigung meiner aufgeregten Neugierde,, das Kind grüße ganz correct beim Eintreten der Nonne in den Lehrsaal: laucketnr J. Ch., miste ebenso correct das Pater noster und das Ave Maria, natürlich in vorzüglichem Ungarisch, und — Gott verzeih' mir meine Sünde ob der Zusammenstellung! — von dem Inhalte des Jigdal und deS Adon Olam miste dar 10jährige Mädchen dis heute noch keine Sterbenssilbe, werde es aber, sobald es nur Emil Otto'- französische Grammatik bester inne habe, aus Crächange' lieber« setzung des israel. Gebetbuches seiner Zeit schon nachzuholen wissen. — Und meinen Sie, diese Anekdote sei ganz und gar vereinzelt? Bewahre! Recht hat er, vollauf Recht, der alte Weimarer Dichter: Laßt uns Alle bester werden, Dann wird's bester sein auf Erden! — Großbritannien. T. Liverpol, 5. December. Am vorigen Sonntag hielt vr. Hermann Adler aus London hier eine Predigt zum Besten der israelitischen philanthropischen Gesellschaft. Sein Thema war „über den Einstuß des Judenlhums auf die Menschheit." Welch einen günstigen Eindruck diese Rede auf die zahlreich anwesenden, den besten Gesellschaftskreisen angehörenden Christen machte, ergiebt sich am Besten aus dem Berichr des hiesigen „Argus." Es heißt in demselben u. A.: „Der Redner bewies und erläuterte eine Tyatsache, welche zwar hinlänglich auf der Hand liegt, aber dennoch in unpassender und unredlicher Weise von dem größten Theil der nichtjüdischen (gentile) Schriftsteller ignorirt wird. Es ist nämlich die Schuld der Dankbarkeit, welche die Welt im Allgemeinen, und die englische Nation insbesondere gegenüber dem jüdischen Volke hat. Man kann sich nichts Unvernünftigeres denken — nm von der unanständigen Impertinenz zu schweigen — als den geringschlitzenden Ton, der von ungebildeten Leuten, die sich Christen nennen, zuweilen aber auch von nicht unwissenden angewendel wird, wenn sie von einem einzelnen Juden oder von dem Nachkommen Abrahams im Allgemeinen spiechen. Es ist gut für uns, daß wir von einem so kräftigen und beredten Sachwalter, wie Dr. Adler, an den Umfang unserer Verpflichtungen erinnert werden, gegen das Volk, dem wir so Vieles verdanken, was wir mit Recht als das Werlhoollste unter unseren religiösen Ueberlieferungen unserer bürgerlichen Einrichtungen und unseren geistigen Schätzen betrachten. Der Redner machte einen gewaltigen Eindruck, als er nach einer Anspielung auf die Zeilen, welche von christlichen Schriftstellern als „die finsteren" bezeichnet werden, auSeinandersetzle, daß er, nur durch Vermittelung der Juden dahin gekommen sei, daß diese finsteren Zeiten endeten; denn an jüdische Lehrer wendeten sich die Vorläufer der Reformation, um im hebräischen Text der Bibel unterrichtet zu werden. Ja, hätten nicht die Juden ihren Schatz während der finsteren Jahrhunderte so emsig bewacht, so würde dieses kostbare Besitzlhum dem Reste der Menschheit allzumal verloren gegangen sein. Es wäre in einer Mönchszelle begraben worden, oder in einem Kloster vermodert." Rumänien. Bukarest. Herr Moses Ga st er von hier, Hörer des Breslauet Semiitars, hat soeben seine von der Leipziger phil..Fakultät angenommene Doktordiffertaüon: „Zur rumänischen Lautgeschichle. 1. Die gutturale TenuiS," — tu Halle erscheinen lasten. Mögen die Senatoren Rumäniens noch so lange sich gegen die Emancipation sperren, die Juden haben die Emanclpalion vorweggenommen. Ein junger jüdischer Theo» löge aus Bukarest, der mit feinem Schlage gespornt und gewapp-