Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 51. (18.12.1878)
- Date
- 1878-12-18
- Page
- Seite 404 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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aus den Kommunal-Kollegien herauszudrängen. Wer auf die schlechten Leidenschaften spekulirt und die Mehrzahl der Bevölkerung in dem thörichten Vorurtheil zu bestärken sucht, sie besitze gewisse angeborene Vorzüge vor der Minderheit, der wird immer auf Erfolg rechnen können. In Oberschlesien ist es besonders leicht, die Massen zu fanatisiren, die Folgen sind freilich solche, die den Unternehmern der Verhetzung selbst unerwünscht und unbequem sind. Mit welchen Elementen die ultramontane Partei spielt, das zeigt ein Blick auf die Revolte, welche vor einigen Jahren in Königshülle ausbrach. Mit dem Rufe: „Nieder mit den Juden!" stürmte die aufgeregte Volksmenge durch die Straßen und demolirte und plünderte in blinder Wuth die Läden der jüdischen Kaufleute. Daß die Herren vom Centrum große Freude an Erfolgen solcher Art haben, wollen wir gewiß nicht behaupten, aber sie werden es nicht verhindern können, daß man in ihrem gehässigen Gebühren die Quelle künftiger Excesse erblickt. Auch in der Provinzialhauprstadt Breslau fällt die geschilderte Agitation auf einen fruchtbaren Boden; vielen Wählern schmeichelt es, wenn man ihnen vorredet, sie seien als Christen selbstverständlich bedeutend besiere Menschen als die Juden. Trotzdem ist nicht anzunehmen, das die Anhänger des Domkapitels die Früchte ernten werden, auf deren Aussaat sie so viel Mühe verwenden. Der Breslauer Bürger, selbst derjenige, der die Juden nicht recht leiden mag, hat denn doch eine zu tief eingewurzelte Abneigung gegen die ultramontane Agitation, um sich von ihr am Gängelbande führen zu lasten. Myslowitz, 9. Dec. (Or.-Corr.) Es dürfte viele Leser die Mittheilung rntereffrren, daß der Redact. K a r m e l i n aus Rumänien vorgestern hier nach zweimonatlicher Untersuchungshaft zn 2 Jahren Gefängniß verurtheilt wurde. Er wurde überwiesen, nicht nur England, Frankreich, Belgien, Holland und die Schweiz behufs Sammlung von Abonnenten für ein von ihm herauszngebendes jüdisches Journal bereist zu haben, sondern, was für das hiesige Gericht die Hauptsache war, in Oberschlesien durch Vorspiegelung falscher Thatsachen so und so viele Inden beschwindelt zu haben. Es wurden ihm einige 40 Fälle zur Last gelegt, und obwohl ein Schwager von ihm (aus Mahren) Cautton anbot, wurde dieselbe nicht angenommen. Der Staatsanwalt beantragte auf Grund der vielen Beweise (man fand eine Liste vor, aus welcher hervorging, daß er in England und Frankreich sich einige 30 Frcs. für 1 Abonnement, in Deutschland 10 Mk. geben ließ) eine viel größere Strafe, es gelang aber seinem Vertheidiger, Herrn vr. Norden, das Maß auf 2 Jahre herabzumindern. Es soll appellirt werden. Eigenlhümlich war's, daß, obwohl nur Juden — etwa 20 — als Zeugen vorgeladen waren, der Termin auf einen Sonnabend verlegt wurde, so daß viele derselben schon Freitag Hinreisen mußten. Straßburg. (Elsaß). 4. Dec. Die israelitische Bevölkerung unser Stadt ist von einer lebhaften Aufregung ergriffen in Folge eines Artikels der „Augsburger Zeitung" über die lanswirthschaftlicheu Kreditverhältniste in Elsaß- Lothringen, welchen Artikel die „Straßburger Zeitung" in ihrer Samstagsnnd Sonntags-Nummer abdruckre. „Der Verkäster dieses Aufsatzes", sagt dar „Elsässer Journal", macht die ganze israelitische Beoölkerung. das heißt, gegen 40,000 Bürger, haftbar für die wucherische Thätigkeit gewisser Leute, welche da und dort auf dem Lande Vorkommen nnd übrigens nicht blos von den Angehörigen einer gewisten Confession oder einer gewisten Klasse der Bevölkerung ausgeübt werden. Der Abdruck dieses Artikels durch die o f f i z i e l l e „Straßburger Zeitung" mußte die natürliche Folge haben, die Israeliten unserer Stadt in Aufregung zu versetzen und zwar^ um so mehr, als man in den genannten Spalten die Ansicht der Negierung selbst zu suchen gewohnt ist. Andererseits wird es Niemand läugnen, daß solche Artikel unter gewissen Umständen eigentliche Ruhestörungen zu veranlaßen und die Israeliten in eine gefährliche Lage zu bringen geeignet sind. Was wir hier sageit, wird nur denen als Träumerei Vorkommen, welche die Ereigniste vergesten haben, die sich in unserem Lande m den letzten Jahren zutrugen oder die sie nicht kennen. Wenn wir gut unterrichtet sind, so sollen von den gesetzlichen Vertretern der israelitischen Bevölkerung Slraßburgs offizielle Schritte beim Oberpräsidium geschehen, um dort die von fraglicher Publikation hervorgerufenen Gefühle kund zu geben und auf die Gefahren hinzuweisen, welche der Eintracht der Bürger und der Ruhe des Landes daraus erwachsen könnten, wenn ein ganzer Theil der Bevölkerung in dieser Weife gleichsam in die Acht erklärt werden sollte." Biberach, 4. Dec. Einer Einladung aus hiesigen Gelehrtenkreifen freundlich Folge gebend, sprach gestern Abend Herr Rabbiner Weimann aus Buchau im Gaühofe zum Rad hier über den Talmud. Eine äußerst zahlreiche Versammlung von Herren und Damen hatten sich zu diesem Vortrage eingefunden, von denen Mancher wohl begierig sein i mochte, zu erfahren, wie es dem Redner möglich werden dürfte, über das wichtigste Gesetz- und Lehrbuch der Israeliten in einer ausnehmend christlichen Versammlung zu sprechen. Der Redner aber, ein ehrwürdiger Herr mit schneeweißem Haare und im Besitze eines angenehmen Organs, hat seine schwierige Aufgabe wirklich glänzend gelöit. Nach trefflicher Einleitung warf derselbe folgende 4 Fragen auf: 1) Wie ist der Talmud entstanden. 2) Welcheist sein Inhalt. 3) In welchem Verhältnisse steht der Talmud zu den Bekennern anderer Religionen und 4) Welchen Einfluß übt derselbe auf seine eigenen Bekenner aus. Der Redner greift nun um Jahrtausende zurück, zeigt, wie in grauer Vorzeit von Mund zu Mund Geschichte und Gesetze sich überliefern, bis 190 n. d. g. Zeitrechn. Rabbi Jehuda unter Marc Antonin unter dem Namen Mischna die erste Sammlung niedergeschrieben. Die hohe Schule zu Jerusalem, vornehmlich aber die zu Babylon, suchen die Sammlungen zu vervollständigen und so entstand ums Jahr 500 n. Ehr. der aus 12 Bänden bestehende babylonische Talmud. Auf desten Inhalt übergehend, aus Verordnungen unv Erzählungen begehend, werden Herder. Lessing, Rückert und Mendelssohn uns vor das Auge gestellt. Mit hoher Achtung und Anerkennung spricht der Vortragende von den Verdiensten, wAche christliche Gelehrte und Forscher sich um das Studium des Talmud erworben. Wir hören mit Entzücken wie Reichlin in Tübingen und Ulrich von Hutten über denselben sprechen und eine Blüthen« lese wunderschöner Parabeln vollendete die Antwort auf die zweite Frage. Die dritte aber führt den Beweis, daß der Talmud seinen Bekennern gebietet, alle außerhalb Palästina wohnenden Völker zu lieben. Liebe Gott übe/' alles. Deinen Nächsten wie Dich selbst; was Du nicht willst, das Dir die Leute thun, das thue Ihnen nicht; das Alles ist schon im Talmud vorhanden. Der Redner beweist, daß der Wacher nicht vom Talmud befohlen, wie vielfach in der Gegenwart Zeitungen und Redner zu verbreiten gewohnt sind. Nicht mit Unrecht weist der Redner ans die Judenverfolgungen im Mittelalter hin. Nicht Bürger, nicht Meister, nicht Grundbesitzer konnte der Jude werden, so war er verdammt, zum Handel zu greifen und wenn er auf diesem Gebiete sich Uebergriffe erlaubte, so trägt doch der Talmud keine Schuld daran. Zuletzt noch zeigt der würdige Geistliche, welchen Einfluß derselbe auf seine Bekenner ausübte. Er ist das einzige Buch, dessen Inhalt jeder (?) Jude versteht, wohne er in Mecka oder in Stockholm, sein Gesetz regelt auf das Strengste, das Leben seiner Bekenner. Er gebietet ihnen den unbedingtesten Gehorsam gegen jede Regierung, er lehrt Vaterlandsliebe unv den Patriotismus. Zum Schluffe eilend prüft der Redner die hohen Verdienste der Gegenwart, die wie der Bergmann niedersteigend in die Schachte der Vergangenheit, die Schätze des Wissens zu Tage fördert, zum Besten der Menschheit, zum Frieden unter allen Confesfionen. Stürmischer Beifall lohnte den greisen Redner und Herr Rektor Speidel brachte demselben in den anerkennendsten Worten den Dank der Versammlung mit der Bitte, der gelehrte Herr Rabbiner möchte aus dem reichen Schatze seines Wistens hier noch öfter freundliche Proben geben. (Schwäb. Krön.)