Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 51. (18.12.1878)
- Date
- 1878-12-18
- Page
- Seite 403 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 403 — lassen aus dem einzigen Grunde, weil man, wenn man es aufhob, nicht umhin konnte, die rechtliche Stellung der Juden überhaupt zu verändern, und ihnen in redlichem Erwerb eine Freiheit zu gestalten, was man bis vor Kurzem nicht wollte. Lieber einen Schurken als einen Concurrenten mehr," das ist auf's Kürzeste gefaßt, der eigentliche geheime Grundgedanke der ganzen Opposition, die wir hier zu bekämpfen haben. Es ist wahr, seitdem sind wiederum dreißig Jahre verflossen, denn länger ist's nicht her, daß z. B. in Hannover jener schmachvolle Zustand aufgehoben wurde, was aber sind dreißig, ja was sind hundert Jahre in der Entwicklung der Menschengeschlechter? Sind diese, wir fragen jeden, der den Gang der Menschheit in der Geschichte kennt, hinreichend, vollauf wett zu machen, was die Jahrhunderte, ja fast können wir sagen, was Jahrtausende verschuldet und an uns verbrochen? Und was man auch sagen möge, spurlos ist die kurze Zeit der Freiheit wahrhaftig nicht an uns vorübergegangen. Ja trotz aller Klagen und Anklagen, wie sie eben seit den letzten Jahren wieder sich so sehr häufen und auf die wir demnächst specieller zurückkommen werden, bleibt es wahr, daß mir gar Manches, was aus jenen trübseligen Zeiten uns anhaftete, abgestreift, manchen alten Schutt abgetragen haben. Mit Recht sagt daher Rießer, „daß es nach solchen Hinderniffen und Hemmungen wohl nicht allzusehr befremden dürfe, wenn die Fortschritte zu einer vielseitigeren bürgerlichen Thätigkeit nur sehr langsam und unmerklich vor sich gehen. Man setze einen trägen, untüchtigen, von angeerbten Gewohnheiten durchaus beherrschten Menschenschlag in die Lage, in welcher die Maste der ärmeren Juden noch vor zwanzig Jahren sich befand, sie würden sich nie und nimmer aus dem Schlamme, in welchen man sie — in socialer, nicht in moralischer Beziehung — hinabzudrücken vermocht hatte, erhoben, sie würden allesammt in alle Ewigkeit fortgefahren haben, mit alten Kleidern zu trödeln." Daß dies aber beim jüd. Volke nicht der Fall war, das werden selbst unsere ärgsten Gegner zugestehen müssen. (Schluß folgt.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 13. Decbr. Angeregt durch den Leitartikel in Nr. 35 d. Bl.: „Ein deutsches Volksschul-Lesebuch für Simultanschulen — und der konfessionelle Friede" hatte, wie uns milgetheilt wird, ein geschätzter Leser unserer Wochenschrift (in Schönlanke) sich das erwähnte Lesebuch kommen lassen und dastelbe Sr. Excellenz dem Herrn Cultusminister vr. Falk, von folgenden Zeilen begleitet, übersandt: „Ew. Excellenz nehme mir die Freiheit, hierdurch ein Exemplar des deutschen Volksschullesebuchs, herausgegeben von Rndolf und Woldemar Dietlein zu überreichen, welches, wie die Herren versichern: für Schulen jeder Confessio» geeignet ist, und nur Lesestücke enthält, die wohl geeignet sind, der christlichen Duldsamkeit Vorschub zu leisten. Jedoch enthält das Buch unter Nr. 404 betitelt: „Ein einträglicher Räthselhandel", ein Stück, welches meiner unmaßgeblichen Meinung nach nicht nur in keine Simultanschule, sondern überhaupt in keine Schule hineinpaßt, indem dadurch die gegenseitige 'Achtung der Confestionen, gewiß ein« der edelsten Regungen im Kindesherzen, gleichsam im Keime erstickt wird. Nicht Liebe zum Judenthum, welchem ich angehöre, sondern die Liebe zum Vaterland ist es, welches mich veranlaßt, Ew. Excellenz die Bitte vorzutragen: die Entfernung dieses oder dergl. Stücke aus den Lesebüchern der Schulen zu veranlasten." Hierauf erhielt derselbe am 1. November c. folgende Antwortschreiben: „Ew. Wohlgeb. erwiedere ich auf die Eingabe vom 6. v. M. unter Wiederbeifügung des eingereichten Exemplars van Dietleins „Deutsches Volksschul-Lesebuch Ausgabe B", daß das Lesestück unter Nr. 404 ,n>t der Ueberschrift „Einträglicher Räthselhandel" zwar entbehrlich erscheint, daß ich mich aber nicht veranlaßt sehen kann, die Entfernung desselben anzuordnen, da eine verkehrte Austastung und Behandlung in dem Lesestücke selbst durch die Worte auf S. 392 abgewehrt ist: wie man's manchmal diesen Leuten macht, und versündiget sich dran." Falk. Wir halten diese Antwort des Ministers für ausreichend; da er zugesteht, daß das betr. Lesestück „entbehrlich" sei, so wird der Verf. resp. der Verleger dies von selbst wohl als Wink betrachten, es bei nächster Auflage deS Lesebuches daraus fortzulasten. Breslau, 12. Dec. (Or.-Corr.) Die jüngsten Montag stattgehsble Repräsentantenwahl für unsere Synagogengemeinde fand unter verhältnißmäßig reger Betheiligung (ca. 20°/0) statt. Bei der gestern von 5 Uhr Abends bis nach 1 Uhr Nachts vorgenommenen Zählung ergab sich seltsamer Weise, daß für die 16 zu besetzenden Aemter — zumal darunter 9 Stellvertreter — nicht weniger als ca. 2J0 Candidaten figurirten. Für die wichtigsten der zu besetzenden Aemter lind übrigens — oder vielleicht infolge besten — trotzdem die bisherigen Stelleninhaber wieder gewählt worden. — Mittwoch, den 25. d. Mts., soll in Breslau eine Versammlung von jüd. Lehrern der Provinzen Schlesien und Posen abgehalten werden, deren Zweck die Begründung eines allgemeinen jüd. Lehrervereins der genannten beiden Nachbarprovinzen fern soll. Die Lage der jüd. Volksschullehrer ist selbst unter günstigen Verhältnisten eine so precäre, daß die Nothwendigkeit eines solchen Vereins in die Augen springt. Wie wir hören, haben die Einberufer die Herren Dr. Badt in Breslau und Dr. Cohn in Oels — die Absicht, als nächste Ziele dieses Vereins die Regelung der Pensionsverhältniste, die Unterstützung von Lehrerwittwen und Waisen u. s. w. der Berathung der Versammlung zu unterbreiten. Bereits sind viele Anmeldungen eingegangen und neue kommen nachträglich hinzu. Wir können den jüd. Lehrern der beiden Provinzen den ev. Beitritt zu dem zu gründenden Verein nur dringend empfehlen. Aus Oberschlesien schreibt man bezüglich der Ergän. zungsmahlen für das nach den Vorschriften der Städteord nung ausscheidende Drittel der Communalverwaltung: „Die Wahlagitation ließ Heuer ein Symptom mit besonderer Deutlichkeit hecvortrelen, das sich schon seit einigen Jahren, wenn auch immer noch mit einer gewisten Schüchternheit bemerklich machte. Es haben sich nämlich in den verschiedensten Städten Gruppen gebildet, die mit dem Schlachtruf in die Arena traten: Hinaus mit den Juden aus der städtischen Verwaltung! Begünstigt und getragen wurde diese Förderung der confessionellen Zwietracht hier vornehmlich durch die ultramontane Partei. Alle andern Momente, auf welche freisinnige Leute in ihrer toleranten Befangenheit Werth zu legen pflegen, als da sind Sachkenntniß und ehrenhafte Gesinnung des Bewerbers, traten vor dem ersten und dringendsten Momente zurück und es genügte, wenn ein Candidat im dritten oder vierten Grade mit irgend einem Juden verwandt war, um ihn für die Verfechter der ultramontanen Richtung unmöglich zu machen. Diese Erscheinung ist keineswegs eine vereinzelte, sie tritt allgemein auf und soll ja auch außerhalb der Grenzen unserer Provinz wahrzunehmen sein. Soweit wir die Sache übersehen können, hat die anti-jüdische Bewegung bei uns in den letzten Jahren erheblich an Umfang gewonnen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es den Klerikalen in Oberschlesien gelingen wird, nach und nach alle israelitischen Mitglieder, zum mindesten soweit sie Wählern der zweiten und dritten Abtheilung ihre Mandate verdanken,