Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 50. (11.12.1878)
- Date
- 1878-12-11
- Page
- Seite 395 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9583355-9583306--3856-9583309- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 395 — grüßt worden sind. So muß z. B. Hr. vr. Lewin sich darin den Vorwurf gefallen lassen (und er wird dieses Vergehen wohl gern auf sich nehmen), daß er die Schechita in der Gemeinde überwacht und somit bestrebt ist, daß die Mitglieder seiner Geimeinbe koschere Bouillon erhalten können. — Doch genug, alle Leier dieses gesch. Blattes sind vollständig klar darüber, auf welcher Seite Consequenz, Gesinnungstüchtigkeit und Characterfestigkeit zu suchen sind. Indem wir schließlich dem Hrn. Verfasser den wohlgemeinten Nath ertheilen, vor seiner Thüre zu kehren und sich nicht um Angelegenheit von Gemeinden zu kümmern, wohin ehedem sein lüsternes Auge selbst gerichtet war,*) stimmen wir mit ihm in den freilich etwas ab« geänderten Ruf ein: Wann werden endlich unsere Gemeinden Männer zu Rabbiuen wählen, deren Fähigkeit und religiöser Charakter über jeden Zweifel erhaben sind? — C. Frankfurt aßt (Or.--Corr.) Unser friedliebender Rabbiner vr. Horowitz, von dem bibl. Grundsätze geleitet: „Suche den Frieden und jage ihm nach!" — glaubte aus Ehrerbietung gegen Herrn Rabbiner Hirsch sich diesem vorstellen zu müssen und ließ sich zu diesem Zwecke bei ihm anmeldeiz, der Großmeister lehnte aber den Empfang pure ab. So ist der Mann, der Hort der Hyperorthodoxie und das Haupt der Trennungsgelüstler, stets unversöhnlich gewesen, wo eS feine Ehre betrifft. Es ist allbekannt, daß er wegen einer gegen ihn respectwidrig gethanen Aeußerung einem Familienvater trotz dessen fußfälliger Abbitte nicht nur nicht vergeben wollte, sondern die größten Anstrengungen machte, den Sünder aus der ihn und seine Familie ernährenden Stelle zu verdrängen. Das Mißlingen seines Austritts-Planes macht Hrn. Hirsch gegen die ganze Welt erbittert. Er kann seinen Unmuth nicht verbergen, hauptsächlich benutzt er, oder wie Andere es nennen werden, mißbraucht er dazu die Kanzel. Am Sabbath Wajera donnerte er von der Kanzel in folgender Weise: „Lot war auch ein Compromißler. Ihr wollet nur Achtelchen verdienen, Ihr wollet nur discontiren, manipuliren, Geld verdienen, weiter nichts. Und wenn man sich auch durch schöne Reden beliebt macht bei dem Volke, das nichts versteht, so ist man doch noch kein Jude. Warum entschließt Ihr Euch nicht einen entschiedenen Standpunkt einzunehmen und mit mir zu gehen durch Feuer und Wasser. Wer sich abwendet, ist ein." Die Ablehnung des Empfanges des ihn besuchenden Rabb. vr. Horowitz documentirt eine recht gehässige Gesinnung, die um so verwerflicher erscheint, als Hr. Rabbiner vr. Horowitz ja vollständig auf dem Boden des Talmuds und des Schulchan Aruch steht. Er war es auch nicht, der die Pläne des Rabbiners Hirsch vereitelte, sondern einsichtsvolle Mitglieder, die das einigende Band der Gemeinde nicht zerreißen lassen wollten, traten seinen Zersetzungsgelüsten entgegen und schafften solche Verhältnisse, wie sie längst in Hamburg und in Breslau existiren. Da waren doch die talmudischen Weisen ganz andere Charaktere, sie lehrten den Frieden und waren Muster von Sanftmuth und Bescheidendenheit. Wir erinnern an den Spruch Rabba's (Taanith 8a): Zwei Talmide Chachamim, die in einer Stadt wohnen und sich nicht gegenseitig gefällig zeigen, erwecken den Zorn (Gottes) gegen sich. Der Talmid Chacham muß sich bestreben bescheiden aber nicht stolz zu sein, nur den Frieden suchen aber nicht Streitigkeiten. (Derech Erez Suta c. 7.) Daß die Talmudisten auch nach diesen Lehren gehandelt haben, wird öfter bezeugt. Möchte doch Hr. Rabbiner Hirsch die Lehren des Talmud auch nach dieser Seite hin ebenso gewissenhaft befolgen, wie z. B. die über Eruw, sie scheinen uns doch mindestens eben so wichtig. Alzei, 4. Dec. (Or.-Corr.) In „Zarnke's Literarischem Centralblatt Nr. 48." findet sich eine Necension über „Schleiden s Romantik des Martyriums rc." Der Recensent muß . *) Da wir sonst den Grund der Verdächtigungen durch Veröffentnchung von Zuschriften jenes Corr. beleuchten würden. (Der Corr.) die literarische Bedeutung des Verfassers von seinen früheren Werken her anerkennen, durch diese, wie die frühere judenfreundliche Schrift über die wissenschaftliche Bedeutung des Judenlhums im Mittelalter aber meint der Recensent, habe Schleiden seinen literarischen Ruhm geschmälert. Man weiß nicht, ob von dem, was der Recensent tadelt, ihn eigentlich die Form, oder die Sache mehr genirt. Er führt tadelnd eine Anzahl Ausdrücke aus Schleiden an, worin die „schlechten Pfaffen" als die Veranlasser der Judenhetzen, und Kirche und Christenthum als im Widerspruche mit solchen Menschenschindereien stehend bezeichnet worden, wie sie an den Juden verübt worden sind. Die Thatsachen selbst hat Recensent aber nicht den Muth zu leugnen, und dies ist die Hauptsache. Wenn diese nun aber widerrechtlich von Christen, und dazu noch christlichen Priestern und Bischöfen verübt worden sind, so fallen sie auch den Christen zur Last. Einen lächerlichen Versuch macht daher der Recensent, in den Lesern der Schleiden'schen Broschüre leise Zweifel an der Wahrheit des Inhalts zu erwecken, indem er meint, Schleiden habe wohl die angeführten Quellen nicht alle nachgeschlagen. Recensent hat es aber auch nicht gethan. Somit vermag er auch nicht zu behaupten, daß die angeführten Thatsachen nicht darin bezeugt seien. Sie bleiben also trotz der lächerlichen, ja unsittlichen Anzweiflung von Schleidens Wahrheitsliebe dennoch als unumstößlich und verbürgt stehen. Schleiden hätte demnach nicht blos vom Mittelalter, sondern auch von der heutigen Zeit ein Recht zu sagen: „Ich schäme mich eines solchen Christenthums" d. h. solcher Christen, welche derartige Handlungen in Schutz nehmen, oder gar selbst üben und empfehlen. Wir aber wollen immer noch nicht das Christenthum verantwortlich machen für Schandtaten, welche von schlechten Vertretern desselben verübt worden sind und werden. Wenn aber Christen so gern das Judenthum und die Gesammtheit der Juden verantwortlich machen für Ungehörigkeiten eines einzelnen Juden; so fragen wir: Bei wem liegt da mehr sittlicher Fonds, mehr Sinn für Gerechtigkeit und Nächstenliebe? Man antworte! R, —8. Aus dem Großherzogthum Weimar, im November. (Or.-Corr.) Seit ungefähr emem Jahre spielt sich in unserem Lande ein Stückchen Rischus ab, das kürzlich in einem Schriftchen unseres Großherzoglichen Landrabbiners eine Abwehr gefunden hat, und worüber wir in Folgeubem berichten wollen. — In dem Städtchen Geisa im Eisenacher Overlan-e befinden sich einige jüdische Geschäftsleute, die leider schon seit Jahren Wuchergeschäfte treiben. Als dadurch der Ruin mancher Landleute herbeigeführt wurde und die Geschäfte vor das Gericht kamen, fühlte man sich veranlaßt, die Bauern vor derartigen Geschäften zu warnen. Im Gewerbeverein zu Dermbach wurde zuerst durch einen untern Gerichtsbeamten, Namens Hohmann (— nomen est omen —) über die Sache Vortrag gehalten, es wurden Fälle von allerdings schrecklich hohen Zinsen und Provisionen aus den Gerichtsakten veröffentlicht und über diesen Vortrag in der „Weimarischen Zeitung" (dem Regierungsorgan) referirt. — Hierauf wurde von einem „Bauernsreund aus dem Eisenacher Oberlande" (aller Wahrscheinlichkeit nach einem Pfarrer) in dem „schwarzen Blatte" ein Aufsatz veröffentlicht, und durch Separatabdruck im Verlag der „Germania" im ganzen Lande verbreitet, betitelt: „Wucherjude und Vorschußverein, oder: Wo borgt man am besten?" Schon an diesem Titel sieht man, daß man es hier nicht nur mit Constatirung von Wucherfällen, bez. einer Warnung vor den Wucherern, sondern mit wirklicher Judenhetze zu thun hat. Und wirklich strotzt auch das ganze Schriftchen von gemeinen Ausdrücken gegen Juden und Judenthum, wärmt die alten Geschichten von unredlichen Prinzipien des Juden t hu ms, namentlich des Talmuds wieder auf, citirt auch längst widerlegte Stellen aus Rohling's Talmudjuden und schließt mit einer Warnung an alle Bauern vor jüdischen Geschäftsleuten, denen man unter allen Umständen die Thür verschließen müsse. DaS Schriftchen war