Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 49. (4.12.1878)
- Date
- 1878-12-04
- Page
- Seite 385 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Am 14. November — doch da kommt es: Der Stadtverordneten-Vorsteher, Herr Dr. Straßmann, sieht in dem von seinem Vorschläge abweichenden Votum seines Collegiums in einer Verpachtungs-Angelegenheit ein Motiv, plötzlich sein Amt niedcrzulegen. Da hätten wir also doch das Mißtrauensvotum gegen den — die — Juden. Doch was geschieht? Die Versammlung der Stadtverordneten beschließt einhellig in vertraulicher Sitzung die Abgabe eines Vertrauensvotums für ihren Vorsteher. 82 Mitglieder nehmen an derselben Theil, der abwesendeCollege,Professor Virchow, spricht schriftlich sein vollstes Einverständniß damit aus und unverweilt wirddem Herrn vr. Straßmann dieser Beschluß in nachstehender Fassung überreicht: „Die heut zu einer vertraulichen Besprechung versammelten Mitglieder der Stadtverordnetrn-Versammlung haben mit schmerzlichem Bedauern vernommen, daß Herr Vorsteher vr. Straßmann die Absicht zu erkennen gegeben hat, sein Vorsteheramt auf Grund der Verhandlungen am Schluß der öffentlichen Sitzung vom 14. d. M. niederzulegen. Sie halten sich dem gegenüber zu der Erklärung verpflichtet, die sie hiermit einstimmig abgeben, daß Herr vr. Straßmann stets und namentlich in der erwähnten Sitzung vom 14. d. M. als Vorsteher die Geschäfte der Stadtverordneten-Versammlung in sorgsamster Befolgung der Geschäftsordnung gewissenhaft, mit voller Unparteilichkeit und mit einer Hingebung an die Interessen der Gemeinde geführt hat, die ihm die höchste Anerkennung und den achtungsvollen Dank der Stadtverordneten-Versammlung wie der Bürgerschaft sichern. Sie erneuern dem Herrn Vorsteher vr. Straßmann den Ausdruck ihres uneingeschränkten Vertrauens und ersuchen ihn dringend: die Geschäfte als Vorsteher der Stadt verordneten-Versammlung auch ferner fortführen zu wollen." Das ist die uns bekannt gewordene Mitarbeitunserer Glaubensgenossen am öffentlichen Leben Berlins resp. des Vaterlandes in der Zeit vom 7.—17. November. Und da wagt es der Herr Hofprediger Stöcker im Verein mit Maurer Siering und anderen Gleichgesinnten von einer Ungesundheit unserer wirthschaftlichen und bürgerlichen Zustände deshalb zu sprechen, weil, wenn man in einen Bezirksverein komme, man Herrn Cohn. Herrn Levy oder Herrn Hirsch höre? Sollen sie etwa bloß die Pflicht haben, ihre Steuern zu zahlen und im Uebrigen stumm sein, wie die Fische? Oder soll es ihnen etwa ganz und gar verboten sein, Bezirksvereine zu besuchen und Zeitungen zu redigiren und ihnen nur die Pflicht obliegen, ruhig mitanzusehen, wie Herr Siering und Herr Stöcker ihre Hetzreden gegen sie halten? Was nun den andern Belag ungesunder Zustände nach Herrn Stöcker betrifft, daß „wenn man irgend ein liberales Blatt in die Hand nehme, man als Redacteur Herrn Levysohn, Herrn Mosessohn, Herrn Moritzsohn verzeichnet finde, den übrigens die Christen deshalb mitverschulden, weil sie diese Blätter, in denen die christliche Religion beschimpft werde, lesen," so ist diese Anschuldigung ohne die triftigsten unzweideutigsten Beweise so empörend, so bis ins Mark verletzend, daß es uns schwer fällt, ruhig darauf zu antworten. Wenn Herr Levysohn, Herr Blumenthal, Herr Stettenheim, Herr Haber oder irgend ein Anderer unter ihrer ausgesprochenen Verantwortlichkeit politische oder sonstige Blätter redigiren, wenn andere Bekenner des jüdischen Glaubens als Reporter oder sonsthin für sie oder andere Blätter schreiben. Alles unter ihrer resp. des betreffenden Redacteurs Verantwortlichkeit offen und unter den Augen der Behörden, wo läge eine Beschimpfung der christlichen Religion darin, die, wenn wahr, der schwerwiegendste berechtigtste Vorwurf wäre, der — immer noch nicht gegen das Judenthum — sondern nur gegen die betreffenden Individuen geschleudert werden könnte? Aber wo, in welchem Blatt ist denn von Juden die behauptete Beschimpfung des Christenthums ausgesprochen? Wir fragen Herrn Stöcker auf sein Gewissen als ehrlicher Mann, wo steht, — wer, wo sind jene Ruchlosen, die u n s weher thun als ihm und sich, bei Ihrer Ehre, Herr Pastor, nennen Sie ihn uns, damit wir ihn brandmarken und dahin stellen, wohin er gehört, an den Pranger der Verachtung und der Schande. Wir brechen ab, so Vieles sich hierüber auch noch sagen ließe. Jndeß für den rechtschaffenen ehrlichen Gegner dürfte das Gesagte genügen, für den unehrlichen, gewissenlosen, dem es nicht um die vorgegebene Sache und um gerechte gewissenhafte Abwägung von Recht und Unrecht zu thun ist, der nur verwirren und im Trüben fischen möchte, mehr als genug. Ueber das was Herr Stöcker die „Geldmacht der Juden" nennt, sowie über das Judenthum in der Wissenschaft und Literatur behalten wir uns eine besondere Auseinandersetzung vor. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 29. Nov. „Ich liebe das Volk Israel!" — dieses Wort des Hofpredigers Stöcker, das er in einer seiner jüngsten Versammlungen mit gewaltigem Pathos in die Reihen der christlich-sozialen Getreuen zur Beschwichtigung der von Judenhaß erregten Gemüther hineinwarf, ist auf dem besten Wege ein „geflügeltes" zu werden, es hat einen Apostel gefunden, der es von der Tribüne des preußischen Parlaments dem ganzen Lande verkündete, es hat auch seine Weihe erhalten von der „großen Heiterkeit" der Landtagsabgeordneten, die es unsterblich „gelacht" haben. Der Abg. Schröder (Lippstadt) war der Liebesapostel, der in der Sitzung vom 26. d. Mts. (gelegentlich der Schorlemer'schen Interpellation wegen Einführung der Wuchergesetze) den liebenswürdigen Ausspruch that: Ich thue es, weil ich dieJuden ganz besonders liebe! Daß nach dieser captatio benevolentiae eine nichts weniger als judenfreundliche Rede folgte, wiffen die Leser dies. Bl. bereits aus den Kammerberichten, aus denen wir hier nur den aus der Versammlung dem Redner gewordenen Zuruf: Sind Sie noch nicht bald mit der Juvenhetze fertig? wiedergeben. In einer persönlichen Bemerkung wirft Wind hör st (Bielefeld) dem Abg. Schröder vor, derselbe habe eine Sprache eingeführt, welche an die Judenhetzen und an die schlimmsten Hetzartikel der „Germania" erinnert. In der That, eine solche judengehässige Sprache ist im preußischen Abgeordnetenhause seit Jahren nicht geführt worden; eine hämische Bemerkung, ein Witzwort, ein Seitenhieb fiel von Zeit zu Zeit — aber die „Judenhetze" in aller Form und unter dem Mantel der christlichen Liebe zu predigen, war Herrn Schröder-Lippstadt Vorbehalten. „Ich thue es, weil ich die Juden ganz besonders liebe! — so dachte auch weiland Großinquisitor Torquemada, der die Juden zu Hunderten auf dem Scheiterhaufen schmoren ließ, Alles aus purer Liebe! Wir möchten wirklich lieber etwas weniger geliebt und dafür etwas gerechter behandelt sein. — Auf