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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-12-04 · N° 49. (4.12.1878) · p. Seite 384

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 49. (4.12.1878)
Date
1878-12-04
Page
Seite 384 (sequence 2)
Language
German
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— 384 — Dom Judenthum im öffentlichen Leben und in dev Presse. Von Max Weinberg in Magdeburg. II. Verfolgen wir an der Hand irgend eines Berliner Blattes die Betheiligung von Juden am öffentlichen Leben durch eine einzige, die letzte, Woche, resp. Decade vom 7.—17. November. Da läßt zunächst Herr Ludwig Bamberger seinen jüngst in der „Gemeinnützigen Gesellschaft" in Leipzig gehaltenen Vortrag über „die culturgeschichtliche Bedeutung des Socialistengesetzes" erscheinen, in dem er seinen schon im Reichstage begonnenen Kampf gegen die socialistilchen Irrlehren, freilich jeglicher Schattirung und jeder Etiquette, in einer zwar zähen und schneidigen aber doch keinesfalls unehrenhaften oder antideutschen Weise fortsetzt. Wo ist aber der „Jude" hierin? — Doch weiter. In einer von Männern der Wissenschaft, Staats- und Communalbeamten, Kaufleuten, Technikern und Vertretern großer Vereine berufenen und zahlreich besuchten Versammlung, die unter dem Vorsitz des Herrn Stadtsyndikus Eberty behufs Besprechung über den Plan der Errichtung einer Anstalt für wissenschaftliche Vortragscyclen (freie Akademie) zusammengekommen war, entwickelt vr. Max Hirsch als Referent der Commission in großen Zügen die Grundidee des Unternehmens, den weiten und einflußreichen Schichten, die sich dem Universitätsstudium nicht widmen können, durch systematische Vortragscurse eine wahre, harmonische, insbesondere auch dem öffentlichen Wirken dienende Bildung, im Gegensatz zu der auch in diesen Kreisen grassirenden Halbbildung, zu gewähren. Er schließt unter dem Beifall der Versammlung mit der Aufforderung, gerade die jetzige trübe Zeit zur Errichtung eines soliden Unterbaues zu benutzen, auf welchem künftige bessere Zustände erstehen könnten. Es sprechen sich fast sämmtliche Redner, insbesondere die Herren Direktor vr. Gold schmid t, Rechnungsrath Brämer, Prof. Alex Müller und Buchhändler S i m i o n, in gleichem Sinne aus. Hierauf wird einstimmig ein provisorischer Vorstand aus folgenden Personen gebildet: Dr. Max Hirsch, Stadtrath Eberty, Profeffor Alexander Müller, vr. M. Rosenberg, Stadtverordneten-Vorsteher Abgeordneter vr. Straßmann, Abgeordneter vr. Burg, vr. H. Bäblich, Lehrer Clausnitzer, Kaufmann Goldschmidt, Rechnungsrath Brämer, Professor vr. Steinthal, Abgeordneter vr. Langerhans, Direktor vr. Bandow, Buchhändler Simion, Direktor vr. I. Goldschmidt, Regierungsrath v. Scheel. Die freie Akademie soll schon zu Anfang 1879 ins Leben gerufen werden. Worin liegt hier das als speciftsch „jüdisch" Bekämpfenswerthe, das Unehrenhafte gar, das Verfolgung und Vertreibung der „Juden rechtfertigte? — Weiter: In dem unter Bambergers Vorsitz und Leitung in's Leben gerufenen „Verein für Handelsfreiheit", — hervorgerufen durch das eifrige Zusammenschließen der schutzzöllnerischen Elemente im Reichstage, Handelstage rc. — dem auch die Abgeodneten Fürst zu Carolath, Eugen Richter, v. Behr, H. H. Meyer-Bremen, v. Unruh rc. rc. angehören, befindet sich unter dem zu diesem Zweck für diesen Winter angemeldeten Vorträgen, ja nun kommts aber, Herr Stöcker — paffen Sie auf, nun kommts ein Vortrag des Juden Bamberger über-nun, es muß heraus — über „das Geld"!! Wie sich nur der Herr Geh. Ober-Regierungs-Rath vr. Engel, der Herr Professor v. Neumann-Spallart rc. an solcher Vereinigung und gar an den Vorträgen selbst betheiligen mögen. Ja, wir sind hiermit noch nicht zu Ende, es erscheint unter den Vortragenden der Liste nach gar noch ein Jude, Ferdinand P h i l i p p s o n, der über Productivgenossenschaften sprechen wird. Gehen wir weiter: In einer stattgehabten anläßlich des bevorstehenden Parteitages der Fortschrittspartei-Versammlung hält der jüd.Reichstagsabg. Lud w. Löwe im ersten Berliner Wahlkreise eine geharnischte Rede gegen die Haltung seiner Partei zum Culturkampfe, die ihm der Regierung gegenüber noch zu gefügig erscheint und wird darin noch gar von einem Herrn vr. I a c o b s o n (wir kennen den Herrn nicht, aber doch ein höchstwahrscheinlicher Jude) unterstützt. Haben nun nicht die Herren Stöcker, Grüneberg mnd Siering Recht? Wenn sie von ihrem politischen Standtpunkt aus die Ansichten Löwe's bekämpfen, so ist das ihr gutes Recht und Niemand wird es ihnen schmälern wollen, wo aber liegt etwas Antideutsches oder gar etwas die christliche Religion Beschimpfendes darin? Und wie ist es nur zu erklären, daß der nur zum verschwindend kleinen Theil aus Glaubensgenossen bestehende Zuhörerkreis ihnen willig oder gar größtentheils beifällig zuhört und die Stadt Berlin Herrn Löwe in den Reichstag schickt? Doch gehen wir weiter: In der „Berliner Flora" halten die Deutschen Gewerke-Vereine (Hirsch -Dunkersche Richtung) in Gemeinschaft mit dem Gewerke- Verein der deutschen Maschinenbau- ».Metallarbeiter ihr zehnjähriges Stiftungsfest, dem zahlreiche durch öffentliche Wirksamkeit hervorragende Männer, darunter die Abg. Lasker und Rickert, beiwohnen. Max Hirsch, dem der Centralrath des Verbandes, als seinem Anwalt zu Ehren des Tages einen Lorbeerkranz auf weißem Atlaskissen und eine kunstvoll ausgeführte Adresse überreicht, hält die Festrede, und betont den friedlichen antisocialistischen Character der Gewerke-Vereine, die nicht den Kampf mit dem Kapitale, sondern die Versöhnung der Arbeit mit demselben als zweier unentbehrlichen Faktoren der nationalen Wohlfahrt zum Ziel habe, deren Streben auf intellektuelle und sittliche Hebung des Arbeiterstandes gerichtet sei. Im Verlauf der Feierspricht auch noch der Abgeordnete vr. Lasker unter lebhaftem Jubel den Be strebungen der Gewerkvereine seine Sympathien aus. — Sind etwa diese Bestrebungen, weil in hervorragender Weise ein Jude dabei betheiligt ist, derart, daß sie unter die von Herren Stöcker, Siering rc. verdammten Tendenzen entfallen? Sind sie undeutsch? Sind sie christenfeindlich? Oder was ist sonst bekämpfenswerth daran, Herr Hofprediger? Am 13. Nov. melden Berliner Blätter, daß auch in diesem Winter an dortiger Universität unter Betheiligung der Profefforen Aegidi, Dubois-Reymond, Treitschke rc. wöchentlich einmal Vorlesungen xublioe stattfinden werden. Von den darunter sich befindenden Juden werden lesen: Profeffor Steinthal „Ueber das Wesen und die Geschichte der epischen Poesie", Professor Goldschmidt, der frühere Oberhandelsgerichts-Präsident, über „Das Recht der Actien-Vereine", Profeffor Rubo „Ueber die Grundprobleme der Philosophie". Glauben Sie, Herr Hofpfarrer, daß die Milch der frommen Denkungsart dadurch vergiftet oder in Judenblut verwandelt wird?

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