Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 48. (27.11.1878)
- Date
- 1878-11-27
- Page
- Seite 379 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 379 — des Herrn Mephistopheles erinnern „nicht jedes Mädchen hält sich rein"! — Wissen Sie, was Sie an der sogenannten „Judenwirthschaft" ärgert? Es sitzen einige Mitglieder jüdischer Religion in der Versammlung, welche sich durch Hingabe an die städtische Verwaltung, durch Fleiß, Treue und Intelligenz und durch ihre Kenntniß der Dinge einen gewissen Einstuß erworben haben, imb das ist es, was Sie ärgert; — denn Sie konnten von sich nicht sagen, daß Sie einen Einfluß aus den Gang der Dinge hatten. Soll ich Ihnen diesen Beweis sichren? Ich glanbe, er erübrigt sich. Doch genug! Ich führe Sie auf die öffentliche Arena, Ihr . . . Wort zu beweisen — können Sie das nicht, dann baden Sie den Beweis, daß Sie auch im politischen Leben ein ehrlicher Mann sind, nicht erbracht." Aus Oberschlesien. (Or.-Corr.) Zu den Städten Oberschlesiens, welche in gewissem Sinne verwaist Zurückbleiben, zählt nunniehr auch Nybnik. Gegen Eude des vorigen Monats verließ Herr Dr. Fränkel die Stadt, in welcher er über 20 volle Jahre segensreich und in jüdischem Sinne gewirkt hatte, allgemein geachtet und hoch geschätzt von seinen zahlreichen Freunden und Gönnern. Ein sichtbares Zeichen dieser Werthschätzung durfte der Scheidende in den Ovationen erblicken, welche seine Gemeinde unmittelbar vor seinem Fortgange ihm noch brachte. Nachdem ihm werthvolle Ehrengaben überreicht waren, veranstalteten seine Freunde und Gönner um 27. Oct. ihm zu Ehren ein solennes Abschiedsdiner. Bei dieser Gelegenheit hob Herr Vorsteher Prager in Worten dankbarer Anerkennung die verdienstliche Wirksamkeit des scheidenden Rabbiners hervor und gab dem lebhaften Bedauern Ausdruck, diesen so segensreich wirkenden Mann von Nybnik scheiden zu sehen. Sichtlich ergriffen antwortete hieraus Herr Di*. Fränkel. Eine sinnige Ueberraschung bereiteten ihm seine ehemaligen Schüler und Schülerinnen, in deren Namen eine eigens von Breslau herbeigeeckte Deputation ihm ein geschniackoolles Album überreichte mit den Photographien sämmtlicher Zöglinge aus älteren Jahrgängen, die sich heute noch ihres früheren Lehrers in dankbarer Verehrung erinnern. Herr Dr. Fränkel hat nunmehr seinen Aufenthalt in Breslau genonimen. Kurz vorher war ihm dahin vorangegaugen Herr I. Lustig, welcher viele Jahre hindurch in seiner Eigenschaft als städtischer Vertreter und Syuagogenvorsteher sich um Stadt und Synagogengemeinde unleugbar wohl verdient gemacht hat. Aus Nicolai wird folgender aufregender Vorfall gemeldet. Am Hoschana rabba siel es dem dortigen Cantor ein, die mspn en suite zu machen, ohne, wie sonst üblich, der Gemeinde Zeit zu lassen, die betreffenden Piecen vorher zu beten. Von einem der Vorsteher hierauf aufmerksam gemacht, beharrte der Vorbeter gleichwohl bei dem einmal von ihm beliebten Verfahren. Es kam in der Synagoge während des Gottesdienstes zu einem maßlos heftigen Wortwechsel zwischen Vorsteher und Vorbeter. Die Gemüther erhitzten sich dabei derartig, daß der Vorstand nicht säumte, noch am selben Tage den fett 27 Jahren in Nicolai fungirenden Cantor und Schächter seines Amtes zu entsetzen. Ob man sich inzwischen gegenseitig beruhigt hat und ein Ausgleich der Differenzen zu Gunsten des stellenlosen alten Cultusbeamten herbeigesührl worden ist, haben wir bisher nicht in Erfahrung bringen können. In diesen Tagen hat Gleimitz einen Nachfolger des vor einigen Monaten verstorbenen Schächters Nehemias Gultmann g-wähtt. Die Wahl siel auf den Schächter in Haynau. Schließlich wollen wir nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit der geehrten Leser auf einen beachtenswerlhen Artikel der „Gartenlaube" zu lenken. In Nr. 41 dieses Blattes ftndet sich von sachkundiger Feder ein hochinteressanter Aufsatz unter dem Titel „der Hosjnde Lippold. Eure Ehrenrettung, aus den Archiven." Der gelehrte Vers, kommt zu dem beachtenswerlhen Ergebniß, daß trotz mancher Schwächen und Blögen Lippold's an eine Veruntreuung kurfürstlicher Gelder von seiner Seite nicht im Entfernten gedacht werden kann. Er sagt wörtlich: „Alles, was der Gerichtshof darin (in Lippold's Rechenbüchern) fand — und der Geschichtsforscher noch heute darin findet, denn sie sind unversehrt auf die Nachwelt gekommen — war nur das Lob Lippold's, daß er die Ausgaben des Kurfürsten mit größter Gewissenhaftigkeit, oft sogar mit heftigen Aeußerungen der Mißbilligung, wenn lie die Liebschaften desselben betrafen, ausgezeichnet hatte." Diese objectiv und rein wiffeuschaftlich gehaltene Darstellung über Lippold's Verfahren verdient gewiß die sorgsame Beachtung jüdischer Blätter und jüdischer Leser. Das hat uns veranlaßt, in unserem Berichte davon Kenntniß zu nehmen, zumal bisher alle uns zugänglichen jüdischen Blätter auf diese erfeuliche wiffenschaftliche Leistung mit keinem Worte hiugewiesen haben. —nc— Sohrau, O/S. (Or -Corr.) Am 9. November hauchte plötzlich ,einen reinen Geist aus der allgemein hochgeachtete Kaufmann, Herr Adolph Borinski, im Alter von 70 Jahren. Seine Bescheidenheit, seine Biederkeit, seine ungeheuchelte, unverfälschte, ächt jüdische Frömmigkeit und Gewissenhaftigkeit lassen die Gemeinde Sohrau diesen Verlust als einen herben und schmerzlichen tief empftnden. Auch die Ehrenämter, zu denen ihn das Vertrauen seiner Mitbürger und Glaubensgenossen berief, verwaltete er mit musterhafter Pünktlichkeit. Viele Jahre hindurch war er als Stadtverordneten- Vorsteher der Synagogengemeinde und Vorsteher des Krankenpflege- und Beerdigungsvereins thätig; bis vor mehreren Jahren ein Augenleiden, welches seine völlige Erblindung herbeiführte, ihn zwang, seine ersprießliche, gemeinnützige Thätigkett aufzugeben. Wiewohl an asthmatischen Beschwerden leidend, ließ er sich nicht davon zurückhallen, noch am 8. Abends das Gotteshaus aufzusuchen, um den Sabbath mrt der betenden Gemeinde zu begrüßen. In den Morgenstunden des 9 machte ein Herzschlag seinem Leben ein Ende. Ein zahlreiches Leichengefolge erwies ihm am 11. die letzte Ehre. Auch Freunde aus den Nachbarstädten fanden sich ein. Unser Rabbiner, Herr Dr. Deutsch, würdigte am Grabe gebührend die Vorzüge des Verblichenen. Merkwürdiger Weise glänzten die städtischen Vertretungen, Magistratswie Stadtverordnetencollegium — durch Abwesenheit. Sein Andenken wird hier in Ehren fortleben. I. Nakel, 14. Nov. (Or.-Corr.) Der jüngste Sabbath war für unsere Gemeinde insofern ein bedeutsamer und denkwürdiger, als an ihm Rabbiner Dr. Porges seine Abschieosreoe hielt. Nach der Anhänglichkeit und Liebe, die dem scheidenden Seelsorger von allen Seilen entgegen gebracht worden und nach dem allgemeinen Bedauern über sein Weggehen hätte man meinen können, derselbe sei nicht blos 4 Jahre in unserer Milte gewesen. Wie er seine Gemeinde an Sabbath- und Festtagen stets erbaute, also hat er auch unsere Jugend in der Neligionsschule, die sein verdienstliches Werk ist, für den Glauben unserer Väter begeistert. Ihm war es Ernst um seinen Beruf. Er wirkte um der guten, heiligen Sache willen, der sein Leben gewidmet ist. Daher die allgemeine Anerkennung. die ihm hier stets gezollt worden, die aber besonders bei seinem Abgänge in rührender Werse sich vielfach offenbarte. Es fehlte nicht an Spenden und Zeichen der Dankbarkeit und Verehrung sowohl von Seiten der Gemeinde, als auch seitens seiner Schüler und einzelner Gemeindeuntglieder. Dr. Porges geht nach Mannheim, um dort an der Seite seines Schwiegervaters, des Rabbiners Dr. Friedemann — der gleichfalls einst unser noch jetzt von uns verehrter Rabbiner war — als zweiter Stadtrabbmer in einem größeren und höheren Wirkungskreise zu amtiren. Die Mannheimer Ge, mernde ist die größte in Baden und fortwährend zunehmendauch darin groß, daß der flüstere Geist der Separation dorthin sich nicht wagt. Wo ein Fried m a n n wirkt, ist das auch ulcht möglich. Aber die noch so große Arbeitskraft dieses Mannes bedurfte bei der Größe und dem steten Wachsen der Gemeinde der Unterstützung. Uno diese wird ihin nun in der jungen Kraft des Dr. Porges werden Wahrlich! Wie wir uns freuen, daß der bewährte Meister der jüdischen Kanzel in dem Schwiegersöhne die ihn uiiterstützende und Hel-