Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 48. (27.11.1878)
- Date
- 1878-11-27
- Page
- Seite 378 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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378 — gangenen Fragen befand sich auch die, ob nicht auch Gesetze gegen die Juden zu erlassen seien und ob die Juden nicht reichsgefährlicher als die Jesuiten seien. Der Abg. Crem er, eins der vorgeschrittensten liberalen Mitglieder der Centrumsfraclion, meinte, daß der größte Tyeil unserer neueren Gesetzgebung von jüdischem Geiste und jüdischer Moral durchdrungen sei. Creiner erklärte sich zwar gegen Ausuahmegesetze gegen die Juden, trug aber kein Bedenken, die Juden- Emancipation an sich als einen sehr schweren politischen Fehler zu bezeichnen. Als Herr Cremer dazu überging, den angeblich seit Jahrhunderten sich gleichgebliebenen jüdischen Charakter nach dem Wortlaute des alten Testaments nachzurveisen, fordete der anwesende Vertreter der Polizeibehörde ihn auf, das Thema fallen zu lasien, da dasselbe eine Aufreizung der verschiedenen Gesellschaftsklassen gegen einander enthalte." Na warte nur, Cremer, b a l d e s ch l ä s st a u ch d u! Stettin, 18. Nov. (Jüdische und christliche Ehrlichkeit. Or.-Corr.) Vor zwei bis drei Wochen wurde in verschiedenen jüdischen Blättern, sowie auch in russischen Zeitungen, berichtet, ein jüdischer Armeelieferant habe bei Abschluß eines neuen Vertrages sich dem betreffenden General gegenüber schriftlich verbindlich machen müssen, keinen Juden als Gehülfen, Agenten oder Unterlieferanten zu betheiligen oder zu beschäftigen. Der Jude heißt Jsaac Malkul (Firma: Gebrüder Malkul) und gehört nach „Hamelitz" zu den Chassidim. Man mag da wohl über Mangel an Ehrgefühl auf Seite des Lieferanten klagen, der Eine oder Andere denkt vielleicht auch, der russische General möge wohl traurige Erfahrungen gemacht haben und nicht umsonst die Juden perhorresciren. Wir fühlen uns weder bewogen für Malkul in die Schranken zu treten, noch sind wir im Stande, für die Ehrlichkeit aller russischen Juden im Ganzen und der Lieferanten im Besonderen einzustehen, aber wenn Confession gegen Confession gestellt und aus Juden der Makel des Betrugs geworfen werden soll, dann übernimmt ein unverdächtiger Sachwalter die Vertheidigung der russischen Juden. Die „Rufs. Welt", also ein in Rußland selbst erscheinendes Blatt, schrieb dieser Tage einen ausführlichen Artikel über den Diebstahl an Kroneigenthum. Im Eingang wird es getadelt, daß man den Ausdruck „Kronsentwender" eingeführt habe. Es sei doch einerlei, ob man ein Bündel Wäsche gemaust, eine Uhr gestohlen oder eine gefälschte Rechnung über Fourage vorgestellt, um das Geld in die eigene Tasche fließen zu lassen. Ein Dreb sei ein Dieb und sei auch so zu nennen. Wenn man die Dinge nicht beim rechten Namen nenne, komme man so weit wie der Advocat Fürst Urussoff, der bei Vertheidigung eines Adelsmarschalls, der die Waisenkasse erleichtert hatte, die Richter versicherte, sein Client habe nicht gestohlen, sondern nur sich „selbst eine Unterstützung angedeihen lassen." Ja dann freilich ist jeder Dieb unschuldig, der im loyalen Bestreben, sich selbst eine Unterstützung zukommen zu lassen, seinen Nächsten bestiehlt. Aber wohin man auch einen Stein in Rußland werfen mag, immer trifft man einen Spitzbuben. Adelsmarschälle stehlen Waisengelder, fälschen Assignaten und Serien; verschiedene Räthe stehlen Kroneigenthum, statt es zu bewahren; Förster verkaufen Kronwald und stecken ihn an, wenn es zur Revision kommt; Friedensrichter stehlen Erbschaflsgelder und fliehen ins Ausland; Chefs übernehmen Lieferungen für das eigene Ressort; Lehrer bedrücken die Examinanden und beruhigen sich nur bei theuren Privatstunden; Intendanten, Kassirer, Rentmeister. Zollbeamte, Klosteräbte — Alles stiehlt. Selbst Zeitungsredacteure, strenge Moralprediger, verkaufen ihr Gewissen für Geld. Ueberall frecher Diebstahl: Cwilisten und Militär, sogar der Priester, Alles schleppt und kramt. Nicht der „faule Westen", nicht die „corrumpirten Ideen", unsere eigenen Diebe und Blut, sauger ersticken uns." — So schreibt, wie gesagt, ein russisches Blatt! Was soll es da bedeuten, wenn man über einen Juden schimpft, der sich beim Betrügen gegen den Staat betheiligt. Wir können aber aus allen Ländern Beispiele anführen, welche zeigen, daß die gefährlichen, die g e m e i n g e f ä h r l i ch e n öfferülichen „Diebe" (um mit der „russischen Welt" diesen durchaus nicht zu harten Ausdruck zu gebrauchen) nirgends Juden sind. Da ist der schmähliche Bankerott der Bank von Glasgow — die jüdisch-englischen Blätter haben wiederholt darauf hingeivieien, daß die Directoren u. s. w., diese Diebe, spezifisch kirchlich-fromme Männer seien. Diese Behauptung ist nicht angefochten worden, da sind in Belgien die Langrand, T'Kind u. s. w., da sind in Deutschland die Kreisgerichtsrälhe (Schlesien), Kriegsräthe (Darmstadt), die Post- und Kassenbeamten aller Orten und ohne Zahl, welche flüchtig geworden, nachdem sie gestohlen und geraubt — unter allen ist kein Jude! Die hier zum Unheil einer halben Provinz verkrachte Bank — ihre Directoren, Aufsichts- und Verwaltungsräthe sind insgesammt keine Juden gewesen. Die Berspiele lassen sich verzehnfachen — wir haben keine Verbrecherliste angelegt. Was soll damit bewiesen sein? daß es unter Juden keine Betrüger und Schwindler gebe? Thorheit! Aber gefährlich, gemeingefährlrch ist nicht der Privatmann, der auf seine eigene Hand und Rechnung gaunert, vor dem ein Vorsichtiger und nicht nach Gewinn Lüsterner sich leicht sichern kann, sondern derjenige, der in einem staatlichen, communalen oder sonst öffentlichen Vertrauensamt stiehlt und gaunert, der Mann, vor dem der Privatmann sich nicht hüten kann — und da nenne man uns Juden, die in diese Kategorie gehören! Breslau. In einem in der „Bresl." Ztg." abgedruckten „offenen Brief" schreibt Herr Dr. Asch an den ehemaligen Stadtverordneten Herrn Rockel: „Mein Herr! Einem zuverlässigen in Nr. 531 der „Breslauer Zeitung" veröffentlichten Bericht über eine „christliche Bürgerversammlung" zufolge haben Sie in einer Rede, durch welche Sie die Wahl nur gut katholischer Stadtverordneten empfehlen, dies um so mehr für nothwendrg erachtet, als „die Judenwirthschaft" in der Stadtverorvneten-Versammlung aufhören müsse. Mein Herr! Ich halte Sie für einen ehrlichen Mann im bürgerlichen Leben — ob Sie es im politischen Leben auch sind, das beweisen fordere ich Sie hierdurch öffentlich auf! Was verstehen Sie unter „Judenwirthschaft"? — Was immer Sie aber auch darunter verstehen, wo und wann ist irgend Etwas, sowohl während der kurzen Zeit, während deren Ihnen das Vertrauen Ihrer Wähler einen Sitz m jenem Saal gewährte, als auch sonst jemsts geschehen; wann i|t irgend ein Beschluß gefaßt worden, welcher auch nur auf Tausend Meilen Entfernung mit „Judenwirthschaft" Etwas zu thun hat? Ist jemals der Steuersäckel der Stadt mit oder ohne Einfluß der jüdischen Mitglieder zu Gunsten der jüdischen Schulen, jüdischer Lehrer oder der jüdischen Kirchen in Anspruch genommen worden? Ist nicht das grade Gegentheil geschehen? Müssen nicht die jüdischen Mitglieder der politischen Gemeinde ruhig ihre Steuern hundertfältig zu rein christlichen Zwecken verwendet sehen und stimmen nicht die jüdischen Mitglieder der Stadtverordneten Versammlung ruhig mit für diese Zwecke, wenn sie sie erst für vernünftig halten? Heißt das nicht, mein Herr Rockel! Haß und Verachtung unter den verschiedenen Rcligionsgesellschaften verbreiten? Heißt das nicht, die gemeinsten Leidenschaften wachrufen, und warum? Doch nur um den eigenen Ehrgeiz zu befriedigen! Mehr als das: können Sie irgend einem jüdischen Mitglieds der LUadtoerordneten-Bersammlung auch nur den geringsten Flecken aus seinem Privatleben Nachweisen? Hat ein jüdisches Mitglied jemals, wann und wo immer aus seiner Stellung in der Stadtverordneten Versammlung einen Vortheil gezogen oder kann ihm das auch nur nachgesagt werden? Haben jüdische ^Mitglieder jemals durch ihre Stellung Geschäfte mit der Dtadt gemacht? Sie werden als ehrlicher Mann nicht „Ja" sagen können. Sie werden sich int Stillen vielmehr des Ausspruchs