Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 48. (27.11.1878)
- Date
- 1878-11-27
- Page
- Seite 377 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 377 — selbstloses, und wahrlich dem Vaterlande nicht zur Unehre gereichendes Leben und Streben seit nunmehr dreizehn Jahren den Augen Deutschlands und der Welt offen und durchsichtig vorliegt, beleidigen, wollten mir uns in eine weitläufige Widerlegung der in jener jesuitischen Weise so unbestimmt forniulirten Anschuldigung enthaltenen Verdächtigungen einlaffen, wäre aber Herr Hofprediger Stöcker dafür vor ein Forum zu ziehen, das jedes etwaige Ausweichen unmöglich machte, er würde, wenn er ehrlich ist und, wie wir nicht zweifeln, ein Gewissen hat, das da schlägt bei ungerechter Beschuldigung, eben so ehrlich wie einst ein weit höher stehender Gegner das letzte Tüttelchen seiner Behauptungen zurücknehmen und zurücknehmen müssen. — Aber, wir können es nicht leugnen, es beschleicht uns als Jude ein unendliches j Weh, wenn wir uns klar machen, daß selbst die Thätigkeit eines Laster nicht hinreicht gegen Angriffe zu schützen, wie die von Herrn Stöcker ausgesprochenen und bei seinen Parteigenoffen sorgsam cultivirten, ein Weh auch als Deutscher, wenn das Ausland sieht, wie das deutsche Volk mit seinen bellen Männern umgeht, von dem schon der ehrliche anspruchslose Jean Paul mit berechtigter Bitterkeit sagte, daß es seine Geistesheroen nicht eher zu goutiren wisse, als bis sie gleich den Mispeln auf dem Stroh gelegen haben. Doch sehen wir uns inzwischen die Leute resp. ihre Art einmal ein wenig genauer an, die nach Herren Stoecker als „Macht des Judenthums bekämpft" werden muffen, weil sie „ein Beweis ungesunder Zustände" sind, weil sie „die christliche Religion beschimpfen" und daher nach Genosse Sierings Ansicht im deutschen Vaterlande nichts zn suchen haben, ergo, da sie doch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht freiwillig hinaus gehen würden, hinaus gejagt werden müssen? Verfolgen wir an der Hand irgend eines Berliner Blattes ihre Spur nur einmal durch eine einzige Woche, die jüngste oder beispielsweise während der Decade vom 7.—17. November. Berichte und Correspoudenzen. Deutschland. T. Berlin, 19. Novemb. (Or. Corr.) Daß der Hofprediger Stöcker nach der großen Netirade, die er in Folge der gewaltigen Niederlage bei den Reichstagswahlen angetreten hatte, wieder aufgetaucht ist, daß er sich von seinem Gehülfen Grünberg losgesagt und allein die christlich-sociale Agitation wieder ausgenommen hat, daß dies mit allerdings sehr geschwächten Kräften geschehen ist, aber doch mitunter wieder den Zeitungen Stoff zu Berichten oder Notizen gibt — das Alles ist dem Publikum bekannt. Es ist nichts dagegen einzuwenden, daß der Herr Hofprediger von Zeit zu Zeit an seine Existenz erinnern will, und, in allem Ernste habe ich von meinem Standpunkte aus von Anfang an es nicht tadeln können, wenn Hr. Stöcker und seine Amtsgenoffen der socialdemokratischen Agitation mit den Lehren und Mahnungen der christlichen Religion entgegenzutreten und die Angriffe der Kirchenfeinde in öffentlichen Versammlungen abzuwehren versucht haben. Daß diese christlich-sociale Partei nach Kräften bestrebt sein werde, sich an den Juden zu reiben und durch den Appell an den schlummernden oder machenden Judenhaß Anhänger zu werben oder Beifall zu erringen, ließ sich allerdings voraussetzen. Proselyten machen, und Seelen jagen einerseits, auf Juden schimpfen anderseits, diese beiden Dinge sind von der Christlichkeit, welche die Stöcker und Consorten bekennen, schier unzertrennlich. Es genügt, nur einige christlich-sociale Kundgebungen vom vorigen Frühling und Sommer zu erinnern und ihnen die letzten Auslaffungen gegenüberzustellen. In ersterer Beziehung soll nicht Abgestandenes aufgewärmt werden, Stöckersche oder Grünberg'sche Ausfälle gegen Juden nach 4 bis 5 Monaten wieder abdrucken, ist wahrlich nicht der Mühe werth. Ich erinnere nur daran, daß Sladtrath Zelle in seiner Reichstags - Candidatenrede darüber folgendes gesagt hat: „Ich könnte hiermit das Thema von der Sozialdemokratie schließen. Aber wenn ich dem Rezepte der alten Theaterdirektoren folge und zu dem Trauerspiel etwas Satyre, etwas Humor hinzufüge, so darf ich auch Herrn Hofprediger Stöcker nicht unerwähnt lassen. Das Motto: „es ist zwar Unsinn, doch es hat Methode", kann man auf die Christlich-Sozialen dahin umwenben: „es ist zwar auch Unsinn, aber es hat nicht mal Methode!" Diese komische Agitation, die noch mit hoher obrigkeitlicher Erlaubniß sich breit macht, hat doch immer etwas Bedenkliches, und wenn man beispielsweise sieht, wie die Demagogen-Pastoren den Judenhaß in die Massen schleudern, so könnte ich mir wohl denken, daß in der Spandau er st raße 'mal Aehnliches passirt, wie jüngst in Kali sch." — Zum zweiten führe ich ein bemerkenswerthes Urtheil wieder vor, welches damals der Berliner Correspondent bes „Temps" ausgesprochen hat. „Wir haben hier, sagte er, in unseren christlich-socialen Pastoren, den Herrn Stöcker, Todt und Genossen, Seitenstücke zu den Herren von Mun und Chesnelong in Frankreich. Unsere „Christlich-Socialen" sind nichts als die protestantische Nachahmung der katholischen Arbeitercirkel, die seit mehreren Jahren in Deutschland und Frankreich bestehen, die Einen wie die Anderen bilden eine gewiffe Art des Socialismus, die sich „Christlich" nennt, und die sich zur Aufgabe gemacht hat, den demagogischen Socialismus in der Weise zu bekämpfen, wie einst die Kjrche das Heidenthum bekämpft hat, indem sie die Namen ihrer Heiligen an Stelle derjenigen der Mythologie gesetzt hat. Wie die Lehre der Herren von Mun und Chesnelong nichts Anderes ist als Proudhonismus, vermischt mit Wasser von Lourdes und Galette, so ist die Theorie der Pastoren Stöcker und Todt nichts Anderes als Lassalleanismus, gewürzt mit biblischen Redensarten. Das Endziel beider ist die Vernichtung des liberalen Regimes und die Herstellung einer theokratischen absoluten Herrschaft. Daher ihr Schlachtruf: „Der Liberalismus, die Handelsfreiheit, Gedankenfreiheit, kurz die Freiheit iu jeder Form ist vom Uebel!" — Zn diesen schönen Dingen, füge ich hi zu, gehört Judenhetze als unentbehrliches Requisit, als kräftiges Gewürz. Die Herren haben ihr Bestes darin gethan, denn nun höre man ihre Kundgebungen aus den letzten Tagen. In einer Versammlung in der vorigen Woche ließ ein Handwerksmeister seinem Grolle gegen Juden die Zügel schießen; Hr. Stöcker versicherte, er Haffe die Juden durchaus nicht ihres Glaubens wegen.*) Am letzten Freitag aber ging er auf seinem Rückzuge noch einen Schritt weiter. Vor Eintritt in die Tagesordnung richtete er die Aufforderung an die Redner, sich aller Angriffe auf die Juden zu enthalten; er selber werde jede im Fragekasten etwa befindliche Frage, worin der Juden Erwähnung gethan werde, kurzer Hand vernichten. — Die Vermuthung liegt ziemlich nahe, daß der Hr. Hofprediger einen gewichtigen „Wink von oben" empfangen habe, der ihn veranlaßt, die Juden endlich in Ruhe zu lassen. Indessen mag seine Sinnesänderung wie immer motivirt sein, wir Juden accepliren sie — requiescat in pace; er ruhe in Frieden! Dafür ist von anderer Seite dem Herrn Stöcker ein Geschäflsnachfolger erstanden, wenn auch nicht „aus seinen Gebeinen ein Rächer" — denn er ist nicht „Bein von seinem Bein", sondern ein Ultramontaner. Die Zeitungen melden nämlich: „In der am Diensttag Abend stattgehabten Versammlung des hiesigen Vereins der C en trums p artei ereignete sich, wie der „Fr. Ztg." von hier geschrieben wird, ein überaus interessanter Zwischenfall. Unter den einge- *} Man vergl. den Leitartikel in heutiger Nr. (Red.) '"™