Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 48. (27.11.1878)
- Date
- 1878-11-27
- Page
- Seite 376 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 376 — liberale Blätter leisten ganz Erkleckliches darin. Was die „Kölnische Zeitung", die „Schl. Ztg.," „Im neuen Reich," darin geleistet, ist bereits jüngsthin in diesen Blättern des Näheren gewürdigt, auf andere Blätter kommen wir vielleicht noch zurück. Für heute wollen wir uns hierüber mit dem Hofprediger Herrn Stöcker auseinanderzusetzen suchen, der die Juden als Untergrund seiner christlich-socialen Bestrebungen nicht entbehren zu können scheint. — Da der Herr Hofprediger Stöcker, der Schneider Grüneberg, der Maurer Siering und wie diese Biedermänner alle heißen, nun keine Musiker, sondern, Gott sei's geklagt, Politiker sind, vorläufig aber durch die Schuld der Berliner Wähler mit ihrem Talent noch daherfitzen, ohne es verwerthen zu können, während den Juden Lasker, Bamberger rc. theils gar von mehre ren Kreisen zugleich Mandate angetragen und übertragen sind, andere Juden wieder im communalen Leben, oder in der Presse oder in den kaute finance hervorragende Stellen einnehmen, so ist es selbstverständlich, daß sie sich in ihren Angriffen nicht gegen Halevy und Meyerbeer, sondern gegen Lasker, Bamberger, Levysohn und Bleichröder richten, gegen die sich als Menschen und Bürger nur ganz dasselbe geltend machen läßt, was Herr Wagner gegen' Halevy und Meyerbeer als Musiker geltend macht. Auch Herr Stöcker geht hierbei mit jener einseitigen Gründlichkeit zu Werke, die dem eingefleischten Hasse eigen ist und darum greift er das Judenthum in der Preffe, in der Verwaltung, das Geld der Juden rc. zu gleicher Zeit an. Hören wir daher wie es in den in der Reichshauptstadt von ihm berufenen und geleiteten christl.-socialen Volksversammlungen hergeht. In der in jüngstverfloffenen Woche stattgehabten äußerte der bekehrte Socialdemokrat Maurer Siering nach dem Bericht der „Magd. Ztg.": „Er sei Gegner jeder constitutionellen Monarchie, denn in dieser herrsche, wie die Thatsachen beweisen, nicht der König, sondern das liberale Judenthum. Es sei des deutschen Volkes unwürdig, daß es sich von den Juden regieren lasse. Ec frage: Was haben die Juden überhaupt in unserem deutschen Vaterlande zu suchen? Damit war dasZeichen zu einer allgemeine« Juden-Attaque gegeben und die Versammlung nahm einen ziemlich stürmischen Charakter an. Der frühere Bäckermeister Knönagel, der schließlich zur Vertheidigung der Juden das Wort verlangte, wurde unter laute« Bemerkungen: „Das ist wohl ein Jude? Jude Mauschel!" u. s. w. zur Tribüne geleitet. Herr K. sagte, es gebe unter den Juden sehr viele ehrenwerthe Leute. Die Juden haben stets eben solch' großen Patriotismus wie die Christen an den Tag gelegt. Er (Redner) sei aber ein Feind des sogenannten Mauscheltbums und dies wolle er bekämpft wiffen. — Hofprediger Stöcker: Er stimme dem Vorredner vollständig bei und muffe bekennen, daß er das Volk Israel sogar lieb habe. Die Geld- und literarische Macht des Judenthums wolle er jedoch bekämpft wiffen. Wenn man heut irgend ein liberales Blatt in die Hand nehme, dann sehe man als Redacteur verzeichnet Herrn Levysohn, Herrn Mosessohn, Herrn Moritzsohn, komme man in einen Bezirksverein, dann höre man „Herr Cohn, Herr Levy, Herr Hirsch". (Heiterkeit.) Dies seien doch keine gesunden Zustände. Viel Schuld haben auch die Christen, warum lesen diese Blätter, i n denen die christliche Religion beschimpft werde? Im Uebrigen müsse er anerkennen, daß auf dem Gebiete der Wiffenschaft die Juden sehr viel geleistet haben, und er sei weit entfernt, die Juden ihres Glaubens willen zu Haffen." Haben wir da nicht dieselbe Wagner'sche Gründlichkeit? In den Parlamenten: Lasker, Bamberger, vr. Mendel u. s. w. Judenpartei; in der Communalverwaltung St r a ß m a n n, L ö w e u. A. Judenpartei, in der Presse Rudolf Löwen st ein, Stettenheim, Oskar B l u m e n t h a l, Arthur Levysohn, Berthold Auerbach, rc. rc. — Judenpartei. „Sind das gesunde Zustände" fragt darum voll sittlicher Entrüstung der Hofprediger Stöcker? Rein, sagt der Maurer Siering, das sind keine gesunden Zustände, (daß das Parlament nicht aus den sieben, zumal den verschiedensten p olitische n Parte i e n angehörigenJuden allein besteht, und diePreffe desgleichen, genirt natürlich den Hofprediger Stöcker eben so wenig, als den Maurer Siering) das sind keine gesunden Zustände und darum bin ich, der Maurer Siering, „ein Gegner jeder constitutionellen Monarchie, denn in dieser herrscht, wie die Thatsachen beweisen, nicht der König, sondern das liberale Judenthum. Es ist des deutschen Volkes unwürdig, daß es sich (natürlich statt von uns) von den Juden (Lasker rc.) regieren laffe. Was haben die Juden überhaupt im deutschen Vaterlande zu suchen." Und dieseVersammlungwird vondemPrevigerdesHofesgeleitetundsiewird nicht polizeilich aufgelöst. Da weist man feindlicherseits (Herr Prof. Meßner in der Eoang. Kirchenzeit.) uns darauf hin, daß der Judenhaß trotz aller Gleichberechtigung nicht abnehme, ja sogar wieder in Progreffion begriffen sei und wieder weiter uni sich greife? Und wenn es sich hier noch nach dem beliebten Stichworte um „Schacherer und Wucherer" handelte! Hier aber sind es — wie man sich auch sonsthin zu ihrer politischen Anschauung stellen möge, und wir bestreiten gewiß keinem ehrlichen Gegner das Recht je nach dem Standpunkt sich zustimmend oder ablehnend dagegen zu verhalten — hier sind es durchaus bewährte, lauter, vom Vertrauen Hunderttausender getragene Namen, hier sind es ehrenwerthe, fleißige, ehrliche Journalisten und Tagesschriftsteller, hier sind es die Hauptträger des communalen Lebens, die in öffentlicher Versammlung der Reichshauptstadt unter den Augen der Behörde von einem Prediger des 'Hofes und seinen Gesinnungsgenossen derartig dem Haß und der Verachtung ausgesetzt werden, daß nur eines Haares Breite weiter die Grenze des Gesetzes überschritten und die Sicherheit vieler Tausende fleißiger Bürger gefährdet würde! (Vergl. unter „Berlin.") In unserm Reichs- und Landtage ist zweifelsohne der von den Herren Stöcker, Siering und Cons. bestgehaßteste Jude nicht der Socialdemokrat Kayser, nicht Herr Sonnemann oder vr. Mendel, auch nicht, wenn er etwa noch unter den Abgeordneten weilte, der stets znm wärmsten Fürsprecher seiner Glaubensgenoffen frei hervorgetretene, leider zu früh verstorbene vr. Kosch, sondern, wenn Herr Stöcker Hand auf's Gewissen uns Rede darüber stehen will, der Abgeordnete Lasker, denn nur die Partei, der er angehört, hat vermöge ihrer Größe und ihrer Stellung auf die gesetzliche Entwickelung unserer vaterländischen Verhältnisse rc. einen hervorragenden Einfluß ausgeübt. Wodurch hat aber Herr Lasker Herrn Stöcker je Veranlaffung zu einer derartigen Sprache gegen ihn gegeben? Es hieße diesen lauteren, durch und durch deutschen, peinlich gewissenhaften und rechtschaffenen Mann, deffen uneigennütziges.