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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-11-20 · N° 47. (20.11.1878) · p. Seite 372

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 47. (20.11.1878)
Date
1878-11-20
Page
Seite 372 (sequence 6)
Language
German
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— 372 — glieder im Kirchenrathe vorgenommen worden. Wiederholt erschien eine Anempfehlung, unterzeichnet von „einigen Wählern", zu Gunsten der Herren P. und St. Der genannte Verein war bezüglich des Herrn P. in Verlegenheit. Gegen ihn zu stimmen lag nicht die mindeste Ursache vor. Denn Herr P. ist ein Mann, dem man die Führung einer Gemeinde anvertrauen kann. Obwohl er erst zwei Jahre in Amsterdam ansässig ist, hatte er sich doch durch seine Liebe für Bildung und Wissenschaft, durch Toleranz, Edelmuth und Freigebigkeit während dieser kurzen Zeit bereits sehr viel Freunde und die Achtung Aller erworben Dennoch wollte der gen. Verein nicht für ihn stimmen, weil man meinte, er sei vom Vorstande empfohlen. Man sandte Delegirte an Herrn P., um ihn zu fragen, ob er die Kirchenrathsstelle annehmen würde. Aber anstatt daß diese ihn zur Annahme bewegen sollten, wendeten sie alles Mögliche auf, um ihn davon abzurathen. Und in der Thal war es ihnen gelungen, daß der Herr P. ihnen ganz deutlich erklärte: er wünsche nicht durch sie gewählt zu werden. Auf diese Weise verbreiteten sie in der Stadt das Gerücht, der Herr P. habe auf seine Wahl verzichtet. Trotz aller Anstrengungen, die der Verein durch Plakate machte, um dem von ihm aufgestellten Gegencandidaten Herrn F. die Stimmenmehrheit zu verschaffen, wurden dennoch beide Candidaten der Friedenspartei, P. und St., gewählt. Der gesunde friedliche Sinn der Menge ließ sich durch Agitationen nicht beirren. — Im Anfänge des vorigen Monats wimmelte es in ganz Holland von Feierlichkeiten zu Ehren der Hochzeit des hier im Lande sehr beliebten Prinz Heinrich mit einer Prinzeffin von Preußen. Daß das fürstliche Ehepaar die eifrigen Bemühungen der Israeliten zu Verherrlichung der Einzugsfeierlichkeiten wohl würdigte, beweist das folgende Schreiben: „Gravenhage, 20. September 1878. In Vollziehung der Befehle Ihrer K. H. des Prinzen und Prinzess'n Heinrich der Niederlande habe ich die Ehre der Commission der israelitischen Gemeinde hier den Ausdruck von Hochderselben Dank zu überbringen für die Adreffe bei Gelegenheit des Einzuges Ihrer K. H. in die Residenz. Ihre K. H. haben ferner der Commission mittheilen lassen, daß das ungünstige Wetter am Abende des 31. v. M. Hochdieselben zu ihrem ernsten Bedauern verhindert hat, die Bezirke der Stadt zu besuchen, in welchen die Israeliten so viele und treffende Beweise ihrer Anhänglichkeit dem Hause von Oranien gaben. I. Ra gut, Secrelär Sr. K. H. des Prinzen Heinrich von Niederlanden." — S. M. der König, der sich unlängst auch mit einer deutschen Prinzessin, der Tochter des regierenden Fürsten in Waldeck, verlobt hat, hat den hiesigen Hoflieferanten L. Prins, Bruder des jüngst in den Kirchenrath gewählten Herrn L. Ph. Prins, mit dem Mobiliren der Appartements für die zukünftige Königin beauftragt. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Die Bevölkerung der Erde beträgt nach Kolb's eben m 8. Auflage erschienenem Handbuche der Statistik zusammen 1 30 0 vis 13 5 0 Mill. Was die Confessionen anbelangt, so nimmt Kolb 413 Mill. Christen und etwa 900 Mill. Nichtchristen an; nämlich 210 Mill. Katholiken, 115 Mill. Protestanten, 80 Millionen Griechen und 88 Mill. andere Christen; dann 7 Millionen Juden, 120 Mill. Muhamedaner und 770 Mill. sogen. Heiden. Berlin. Aus dem jüngst erschienenen Buche von Moritz Busch heben wir ein Gespräch über die Juden heraus, an welchem Graf Bismarck Theil nahm. „Die Rede — so heißt es in dem Tagebuche — ging auf die Juden über, und der Minister wünschte zu wissen, warum der Name Meier unter ihnen so häufig vorkomme. Der sei doch deutschen Ursprungs und bedeute in Westfalen einen Landbesitzer, während Juden früher nirgend Land besäßen hätten. Ich erwiderte: „UmBergebung, Excellenz, der Name stammt aus dem Hebräischen. Er findet sich schon im alten Testament, dann auch im Talmud und heißt eigentlich Melr, was mit Or, Licht, Glanz zusammenhängt, so daß er etwa der Erleuchtende, Glänzende, Strahlende bedeutet." Der Chef fragte weiter: „Dann ist der Name Kohn sehr häufig bei ihnen, was mag das heißen?" — Ich entgegnete, es heiße Priester, ursprünglich Kohen. Aus Kohen sei Kohn, Kuhn, Cahen, Kahn geworden, und Kohn oder Kahn verwandelt sich mitunter auch in Hahn, was einige Heiterkeit hervorrief.*) „Ja", fuhr der Minister fort, „ich bin doch der Meinung, daß sie durch Kreuzung verbessert werden müssen (?l). Die Resultate sind nicht übel." Er nannte einige adelige Häuser und bemerkte: „Alles ganz gescheidte, nette Leute." Dann fügte er nach einigem Nachdenken und mit Auslassung eines Zwischengedankens, der wahrscheinlich auf die Verheirathung vornehmer Cbristentöchter, deutscher Baroneffen, mit reichen oder talentvollen Israeliten ging, hinzu: „Uebrigens ist es wohl umgekehrt besser (Bismarck gebrauchte hier ein nicht wiederzugebendes Bild über Verheirathung von Christen und Jüdinnen). Das Geld muß wieder in Umlauf kommen, und es giebt auch keine üble Race. Ich weiß n icht, was ich meinen Söhnen einmal rathen werde." Leipzig. Die Baumgärtner'schen Buchhandlung veranstaltet eine neue Auflage von Schleidens „Bedeutung der Juden rc." in Volksausgabe ä 50 Pf. Von „Wünsche's „der Talmud" wird der Ausschuß des Deutsch.-Jsr. Gemeindebundes eine größere Anzahl Exemplare übernehmen. Königsberg i. Pr. Für die Marmorbüste Joh an» Jacob y' s, em anerkanntes Kunstwerk, fand sich, wie wir berichtet, im dortigen Museum kein Platz (?), da hatten die Stadtverordneten sich und ihren einstigen langjährigen Kollegen zu ehren geglaubt, indem sie die provisorische Aufstellung der Büste in ihrem Sitzungssaale beschlossen. Die Negierung sah aber durch diesen Beschluß „das Gemeinwohl verletzt" und hat den Oberbürgermeister beauftragt, die Entfernung der Büste zu bewirken. Nachdem jedoch der Vorsitzende des Jacoby-Comit6s erklärt hatte, die Büste Iacoby' s wegen Mangels an einem Aufstellungsplatz nicht aus dem Stadtverordnetensaale abholen lasten zu können, ist dieselbe durch Feuerwehrleute exmittirt und danach wieder die Uhr an ihren alten Platz gerückt worden. Die Büste ist vorläufig in dem Bureau des Stadtausschuffes aufgestellt worden. So muß die Büste dem „ewigen Juden" gleich — rastlos wandern. — Die Angelegenheit soll im Abgeordnetenhause zur Sprache kommen. Frauksurt a. M. Die Nubier, welche im hies. zoologischen Garten sich sehen ließen, tragen an beiden Oberarmen kleine Kapseln — wie unsere Tefillin — in denen Verse aus dem Koran geschrieben sind. Ich weiß nicht, ob dies schon irgendwo mitgetheilt wurde. Jeßnitz (Auhalt), 14. Nov. Bei der heutigen Wahl zum Abgeordneten ist Hr. Fabrikbesitzer Isidor Herz wieder gewählt worden; Gegencandidat war der Oberlandesgerichtsrath Dr. Bolze in Dessau. Aus Petersburg wird geschrieben: Zum jüdischen Laubhüttenfest halte sich em Mann Namens Ssorkin von seinem Fenster aus, das in der vierten Etage eines Hauses auf den Hof hinaus schaut, das übliche Laubzelt errichtet, auf den vier Stangen, die einst zur Errichtung eines Balkons dortselbst in die Wand getrieben worden waren. Natürlich hatten die jeweiligen Jnfaffen dieses kleinen, gewissermaßen in der Luft schwebenden Baues alle Vorsicht zu beobachten. Der Zugang konnte nur durchs Fenster bewerkstelligt werden. Der so aus Brettern errichtete und mit Tannenzweigen überdachte Bau befand sich ca. 11 Faden hoch über dem Pflaster An ernem Abend saß nun Ssorkin wieder bei den Seinen zur Abendmahlzeit beisammen in der Laube. Plötzlich fällt durch das Tannenzweigdach eine große, mit Wasser gefüllte Flasche mitten in die Geiellschaft hin, zerschlägt die auf dem Tische stehende Erböllampe; das Erdöl entzündete sich, die «) Herr B. hätte auch noch „K atz" hinzusügen können, was bekanntlich die Initialen von Kohen Zedek sind; „Hahn" ist übrigens nichts weiter als das abgeschliffene Chahn l^7!2). Red.

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