Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 47. (20.11.1878)
- Date
- 1878-11-20
- Page
- Seite 371 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 371 — rirzte im Vatikan trotz aller Bannbullen dieses oder jenes judenfeindlichen Papstes. Als Orientalen, als Verwandte der Araber, standen die Juden überbaupt in aller Welt, auch bei Fürsten und Kaisern, im höchsten Ansehen ärztlicher Wissenschaft." (vergl. dagegen Billroth.) „Es gereicht Pius IX. zur Ehre, daß er, menschenfreudlich und liberaler (der Verf. schrieb dies 1856) als seine Vorgänger, die Ghelloschranken niederriß; dies geschah, wie es mir Juden ausdrücklich selbst bemerklen, nicht durch die jüngste Revolution in Rom, sondern ein Jahr zuvor, da die öffentliche Meinung und der reformirende Sinn des Papstes dieses Zugestäudnlß au die Moral des Jahrhunderts verlangten." „Die politische Reform des Jahres 1847 bezeichnet also das Ende jener Sclaverei der Juden Roms, welche so viele Jahrhunderte hindurch gedauert hat; so wenigstens Hof' fen wir, daß die Macht der öffentlichen Meinung sich stärker zeigen werde als ein willkürliches Vorurtheil, und daß die geringen Freiheiten, welche nunmehr die Hebräer errungen haben, sich auch so weit ausdehnen werden, daß ihnen ein ungeschmälerter Antheil an allen Gütern der Cultur und der Civilisalion gegeben werde." Wir brauchen also gegen die Ansichten Gregorooius über die Juden kein Veto einzulegen. Lublinitz, im October. (Or.-Corr.) In der hiesigen Gemeinde, welche lange Zeit ohne Rabbiner war, waren mancherlei Institutionen in Verfall gerathen. Das „Frauenbad" konnte nicht besucht werden, weil es ganz vernachlässigt und unbrauchbar geworden war. Die Jugend hatte keinen, resp. nur sehr geringen hebräischen Unterricht. Seit Antritt des neuen Rabbiners Herrn Dr. Fciedmann ist eine sichtliche Befferung eingetreten. Das Frauenbad iü restaurirt worden und die Knaben und Mädchen werden im Gebetübersetzen, elftere auch im Pentateuch und Grammatik unterrichtet. In der Gemeinde pulsirt noch viel jüdisches Leben. — Es kommen hier noch ziemlich oft religiöse Anfragen (Schaaloth) vor, zuweilen freilich ganz komische. So kam jüngst eine Christin zum Rabbiner mit folgender Frage. Sie halte eine Gans schlachten lassen, um dieselbe einem Jud"n zu schicken. Run war sie auf kurze Zeit von Hause forlgegangen und in ihrer Abwesenheit wurden der Gans mit einem lresenen Meffer die Flügel abgeschnilten: ob dieselbe deswegen selbst nicht „trefe" geworden) Sie fügte hmzu, daß sie mit der Frage gekommen sei, weil sie dies nicht auf ihr Gewissen nehmen wollte! — In der Synagoge ist der alte Ritus herrschend. Es fungiren daselbst zwei Cantoren, der ältere, der bereits mehrere Jahre hier im Amte ist, und ein jüngerer, der sich einer guten und schönen Stimme, und darum auch des Beifalls der Gemeinde erfreut. Oesterreich-Ungarn. Pest. Hr. Oberrabbiner A. Stern (in Neupest, Redakteur des Hamechaker) war — wie wir vor einigen Monaten berichtet —, weil er ein Ehepaar nach jüd. Gesetze geschieden, ohne daß die Ehetrennung nach Landesgesetzen ausgesprochen war, angeklagt und verurtheilt. Die Geschiedenen hatten nämlich auf Grund des rabbinischen Ehescheidungszeuguisses sich wieder anderweitig verheiralhet und waren deshalb wegen Bigamie angeklagt. Der Budaprster königl. Gerichtshof sprach die Geklagten von der Anklage frei, erklärte die vorgenonimene Evetrennung und die zufolge derselben eingegangenen neuen Ehen für giltig, verurtheilte jedoch alle drei Geklagten wegen Uebertrelung politischer Vorschriften zu einer Geldstrafe. Die königl. Tafel als Obergericht änderte das Urtheil ad, sprach die Eheleute Heinrich Brecher und Maria Weiß des Verbrechens der Doppel Ehe, Oberrabbiner Stern des Mißbrauchs der Amtsgewalt schuldig und verurtheilte alle Drei zu einem Monat Kerker In Folge Appellation des Vertheidigers kastle der oberste Gerichtshof dieses Urtheil und bestätigte das f r e i s p r ch e n d e. Demnach iü das Princip festgestellt, daß die durch den jüdischen Seelsorger mor6 judaico vorgenommenen Ehetrennnngen unter allen Umständen als g i l t i g anzusehen sind. Der Cultusminister hat in Folge dessen eine neue Verordnung bezüglich der Scheidung und Wiederverehelichung von isr. Ehepaaren erlassen, die wir in nächster Nr. mittheilen werden. Krakau, 8. November. (Or.-Corr.) Herr Rabbiner Schreiber ist endlich als Schriftsteller ausgetreten. Er hat nämlich eine Bannbulle gegen das projektirte Seminar in Galizien erlassen, in welcher er behauptet, daß alle Märtyrer-Folterbänke und Scheiterhaufen nicht so arg waren, wie es ein Seminar ist. Zur Unterstützung seiner Behauptung weist er auf Deutschland hin. Da sein vertrauter Freund Herr Hildesheimer ebenfalls ein Seminar dirigirt, so hält Herr Schreiber entweder dieses Berliner Seminar gar nicht für ein Seminar, oder er thut es ebenfalls in — Bann. Herr Schreiber gibt in seiner Epistel an, daß das Semrnar nur 10 Stunden in der Woche Talmud unterrichten lassen wolle. Diese Angabe ist aber schon deshalb unwahr, weil ein Stundenplan für das Seminar noch nicht einmal entworfen wurde. Herr Schreiber eiferte auch hier in Krakau gegen die Errichtung einer Schule. Diese konnte in jüngster Zeit nur dann von einer Privatgesellschaft errichtet werden, als man den Schreiberschen Sekretär Herrn Winter an dieser Schule anslellle. Holland. A. Amsterdam, 1. November. (Or.-Corr.) Wenn man einen Blick in die jüdischen Blätter wirft, dann findet man in jeder Nummer Correspondenzen und Leitartikel über Spaltungen und Zerfahrenheit in jüdischen Gemeinden. Da begegnet man Schilderungen verschiedener Parteien: Reform, Conservatismus, Chassid.smus, conseroative Reform, stabilen Conservatismus, Orthodoxie, Trotzorthodoxie u. s. w. Der Fortschrittler wirb des Jnoifferentlsmus beschuldigt, der Orthodoxe der Intoleranz und Hetzerei; das Schlimmste aber dabei ist, daß die gemeinsamen jüd. Interessen solcher Gemeinden vernachlässigt werden und die Religion selbst in Verfall kommt, denn: „Fehlt der Friede, fehlt Alles". Fragt man sich, woher diese schlimmen Erscheinungen wohl kommen? Ist Jemand dafür verantwortlich? Oder sind sie vielleicht eine unumgängliche Folge der Zeit? Bevor ich die hiesige Gemeinde kennen lernte, hatte ich Letzteres geglaubt. Nachdem ich aber in die hiesige Gemeindeverhältnisse einen Einblick gethan, ist es doch kaum zweifelhaft, daß die Männer, die an der Spitze der Parteien stehen, sel's im orthodoxen oder fortschrittlichen Lager, in Deutschland oder Ungarn, nicht ganz unverantwortlich sind für die mißlichen Zustände, die die Theilung herbeigrführt haben. Denn hier m Amsterda m, in einer Gemeinde von beinahe 35.000 Juden, begegnet man Menschen, welche sich bezüglich Religion, Wissenschaft, Fortschritt von einander sehr unterscheiden. Es giebl hier eine Schichte der jüdischen Bevölkerung, die derart religiös fanatisirt sind, daß sie den in einem Ihrer letzten Leitartikel behandelten „polnischen Juden" gleichgestellt werden können. Andererseits fehlt es hier auch nicht an Reformjuden und Indifferenten, die den fortgeschrittensten Gemeinden Deutschlands zur Zierde gereichen würden. Orthodoxe findet man hier in allen Gattungen und Schattirungen. Und dennoch — keine Spaltung, keine Trennung in der Gemeinde. Ein Oberrabbinec, ein israel. Cultusvorstano, oder, wie es hier heißt: Nrederl. isr. Kirchenralh. Hier sieht man die Wünsche emes Ihrer Berliner Correspondenten verwirklicht. Das Rabbinat, bestehend aus einem Oberravbiner und drei ihm zur Seile stehenden Nabbinen, im Vereine mit dem erwähnten Kirchenrath bilden das Centrum der Hauptgemeinbe, in welches alle verschiedene Zweige einmünden. Hier ist Einheit und Freiheit. Seit der Dr. I. H. Dünner als Oberrabdlner fungirt, ist die traditionelle Richtung mehr im Schwünge, und die freisinnige in Mäßigung. Wohl giebt es auch hier Agitatoren, die zum Umstürze der bestehenden Ordnung arbeiten, aber sie führen glücklicherweise nichts aus. Es existirt hier ein Verein „Treue und Pflicht", der es sich zum Ziele gesetzt hat, bei jeder Wahl eines Mitgliedes vom Kirchenrath gegen die von den gebildeten Orthodoxen proclamirten Candivaten zu wirken. Am 27. v. M. ist die Wahl zweier Mit-