Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 47. (20.11.1878)
- Date
- 1878-11-20
- Page
- Seite 369 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 369 — Reisepässen und Zeugnissen wie auch sonstigen Betrügereien schon von vorhinein jeder davon erhoffte Erfolg benommen, und große Eriparniß der Geldmittel bewirkt werben, deren Verwendung zur Linderung wirklicher Dürftigkeit viel kräftiger, nachhaltiger und hellvoller werden könnte. Sage man nicht, das Auffinden solcher Vertrauens Männer sei in diesen Ländern unmöglich, weil in denselben so arme Gemeinden bestehen, die gezwungen sind, ihre Ange« hörigen auf den schmählichen Wanderbettel auszusenden; da seit den grauen Zeilen der Erzväter kein Sodom mehr bekannt wurde, das wegen Mangels von nur zehn Gerechten dem Untergang verfiel. Dieser Vorschlag dürfte daher einer eingehenden Erwägung wohl werth gehalten, und ein etwaiger Versuch nicht unpraktikabel befunden werden. Er würde sicherlich dazu beitragen, die Schmach der so unschönen Erscheinung des israelitischen Wanderbettels von uns abzuwälzen, vorzüglich aber jenen Eifer für Erhöhung der Leistungsfähigkeit des Verbandes zu erwecken und rege zu halten, deffen so allgemeiner Befriedigung sich erfreuendes Wirken gewiß im höchsten Grade würdig ist, um durch vereintes edle- Streben die Ehre des israelitischen Stammes und das Wohl seiner Angehörigen möglichst zu sötdern! Vom Deutsch-Israelit. Gemeindebunde. Enquete wegen Anstellung von Bezirkslchreru. (Fortsetzung) Es ist keine Frage, daß der Religionsunterricht in den kleinen oft nur wenige und noch dazu unbemittelte Mitglieder zählenden Gemeinden gar sehr im Argen liegt In den meiiten Fällen müssen solche Gemeinden mit einem Cultusbeamten sich begnügen, der natürlich in erster Reihe Chasan und Schochet sein muß, und a u ch im Hebräischen und in Religion unterrichten soll. Für die allzugeringe Besoldung findet sich natürlich kein geprüfter deutscher Lehrer, man nimmt deshalb irgend einen aus Polen oder Rußland zugewanderten, der kaum der deutschen Sprache mächtig ist und keine Idee »om Unterrichten hat. Wo soll da bei der Jugend Liebe zum Unterricht und eine erkleckliche Kenntniß der Religion Herkommen? Darum ist es sehr dankenswerth, daß der Ausschuß des D.-J. Gemeindebundes diesem Uebelstande seine Aufmerksamkeit zuwendet, um durch Annellung von Bezirkslehrern resp. durch Uebertragung d»s Religionsunterrichtes an den Religionslehrer der Nächstliegenden größeren Gemeinde Abhülfe zu verschaffen. Zur Erreichung dieses Zweckes ist's vor allem nöthig, die localen Verhältnisse der betr. Kleingemeinden zu kennen; deshalb richtet der Ausschuß die nachfolgenden Fragen zunächst an seine Delegirten: 1. „Ist Ihnen bekannt, daß in der Nähe Ihres Wohnsitzes kleine jüdische Gemeinden existiren, welche nicht im Stande sind, einen Religionslehrer für die Kinder ihrer Mitglieder zu unterhalten? 2. Wird diesem Mangel durch irgend ein Nothmittel gegenwärtig begegnet, oder bleiben die Kinder dieser Gemeinden ganz ohne Religionsunterricht? 3. Ist in der Nähe solcher Gemeinden eine größere Gemeinde, deren Prediger oder Lehrer unbesch det seiner Berufspflichten, sich dorthin begeben und den Religionsunterricht in denselben wenigstens wöchentlich einmal ertheilen könnte? 4. Ist dieser Verkehr durch Eisenbahn. Omnibus rc. erleichtert, resp. mit welchen Kosten ist diese wöchentliche einmalige Verbindung verknüpft? 5. Liegen in der Nähe Ihres Wohnsitzes mehrere kleine Gemeinden, die mit Hülfe einer Un.erstützung oon anverer Seite im Stande wären, einen Religionslehrer gemeinschaftlich zu unterhalten, und würde sich für denselben auch Aussicht auf Netenoerdienit durch Schechttah, Vorlängerfunclion oder Privatunterricht bieten, um ihm ein angei messenes Einkommen zu sichern? ' 6. Sind Sie im Stande, uns zur Lösung dieser, für die Erhaltung und Belebung des Judenthums hochwichtigen Frage, — der Beschaffung von Lehrkräften für die kleinen Gemeinden — irgend welche Vorschläge zu machen, oder aus Ihren praktischen Erfahrungen Aufschlüsse zu geben?" Wir haben diese Fragen hier veröffentlicht, damit aus den betheiligten Kreisen Vorsteher, Religionslehrec und sonstige Interessenten den Delegirten in Herbeischaffuug des Materials behülflich seien und über den einen oder anderen Punkt ihre Ansichten mittheilen; wozu wir ihnen die Spalten dies. Bl. gern offenhalten. (Forts, folgt.) Berichte nnd Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 15. November. Es sind heute hundert Jahre, daß Lessing die Versbildung von seinem „Nathan" begann, wir wollen diesen Tag nicht unerwähnt vorübergehen taffen. Wie Goethe den „Faust", so hat Lessing „Nathan den Weisen" sein ganzes Leben mit sich herumgetragen, — nicht mit der ausgesprochenen Absicht, die bekannte Fabel des Bocaccio von den „drei Ringen" wie Goethe die Fabel des „Faust", zu einem Drama auszuarbeiten — nein, dieser Gedanke kam ihm erst, als er sich vorgesetzt, das Schauspiel zu schreiben, aber der Gcundton hat ihn durch sein ganzes Leben begleitet und weitete sich am Ende seiner Laufbahn zu dem herrlichen Melodienreichthum aus, wie ihn jetzt die deutsche Nation besitzt. Nie hat Lessing geruht in dem Streit wider die Dunkelmänner, nie hat er gerastet, das Zelotenthum zu geißeln, aber die entscheidendsten Schläge that er am Schluß seines Lebens durch „Nathan den Weisen" und durch „die Erziehung des Menschengeschlechtes", diese beiden Evangelien der Toleranz. Das fuhr wie ein Wetter drein, nnd obschon es ihm damals noch nicht gelang, alle Feffeln zu zersprengen, hat er sie doch gewaltig gelockert und späteren Männern, die auf seinen Schultern standen, den richtigen Weg gezeigt. Mitte November 1778 war der prosaische Entwurf fertig. Am 15. November begann er die Versiftcirung und brachte zu Anfang April das Ganze zur Vollendung. Die Hauptsache, um den „Nathan" zu schreiben, fehlte ihm jedoch, das Geld. Lessing halte keine Subsistenzmittel während der 5 Monate, die ihn dieses Werk kosten würden, er schrieb deshalb an seinen Bruder, er möchte eine Subscription zu Wege bringen, dreihundert Thaler würden genügen, um ihn während der Zeit über Boro zu halten. Während Lessing sein Erlösungswerk schrieb, drückte ihn so die Sorge um das tägliche Brod, daß er auf die Milde Anderer angewiesen war und wäre nicht ein jüdischer Kaufmann, Namens Moses Wessely, so hochherzig gewesen. Lessing die 300 Thaler vorzustrecken, hätte das Werk, zu dem der Dichter vollständiger Ruhe bedurfte, an dieser Klippe scheitern müssen, da er sich auf eine Vorausbezahlung von Seiten der Subscribenten nicht einlaffen wollte. „Denn wenn ich nun plötzlich stürbe", schrieb er an seinen Bruder, „so bliebe ich vielleicht tausend Leuten, jedem einen Gulden schuldig, deren jeder für zehn Thaler auf mich schimpfen würde. Es ist wirklich ein Wunder, daß man von judenfeindlicher Seite nicht schon längst ausgesprengt hat: Lessing hat den „Nathan" für jüdisches Geld geschrieben. Leffing hatte die Vorrede zum Nathan mit den Worten geschloffen: „Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo das Stück schon jetzt aufgeiührt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgefuhrt wird." Hundert Jahre brauchte Deutschland nun nicht, um eine Aufführung des Stückes zu Wege zu bringen. Diese hundert Jahre sind jetzt gerade verflossen und keine größere Bühne giebt es in Deutschland, welche nicht diese Perle deutscher Dichtkunst zur Darstellung gebracht hätte, sei es auch mit noch so bescheide-