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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-11-06 · N° 45. (6.11.1878) · p. Seite 356

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 45. (6.11.1878)
Date
1878-11-06
Page
Seite 356 (sequence 6)
Language
German
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— 356 — eröffnet. Die Schule, in der nunmehr die hebr. Sprache eine eifrige Pflege finden wird, ist eigentlich aus dem Haffe gegen das Hebräische hervorgegangen, wie es denn nicht selten ist, daß das Gute den Feinden des Guten verdankt wird. Aus Theer gewinnt man die herrlichen Anilinfarben, und aus Fusel bereitet man Eau de mille fleurs. Warum sollte ein ähnlicher Vorgang auf moralischem oder religiösem Gebiete Wunder nehmen? Die heute eröffnete Schule für das Hebräische ist, wie gesagt, eine Frucht der Opposition gegen das Hebräische. Von Zeit zu Zeit waren nämlich bei dem Vorstande Bittschriften von Gemeindemitgliedern eingelaufen, welche die Beseitigung des Hebräischen aus dem Religionsunterrichte an den öffentlichen Schulen verlangten. Im letzten Sommer waren sogar in verschiedenen Apotheken Bogen aufgelegt zur Sammlung von Unterschriften für eine bei dem Landesschulrath einzureichende Petition um Abschaffung des Hebräischen. Man muß ein solches Treiben, an dem sich übrigens nur eine verschwindende Minderzahl der Gemeindeglieder betheiligte, tief beklagen, aber der Vorstand sah sich gleichwohl genöthigt — „halb zog es ihn, halb sank er hin" — nachzugeben und er hat das Hebräische (bis auf die Leselehre) aus dein Religionsunterrichte an den Staats- und städtischen Schulen beseitigt. Viel wurde zum Glücke nicht eingebüßt, denn eswurde in jenem Religionsunterricht bei der knapp zugemessenen Zeit blutwenig Hebräisch gelernt. Jetzt soll nun der Ausfall durch die neu eröffnete Schule gedeckt werden, und dies wird über Erwarten geschehen. Obwohl der Besuch dieser Schule nicht obligatorisch ist, so haben sich doch bereits 260 Schüler einzeichnen laffen. Die Eröffnung, welche im Beisein der Prediger, des Vorstandes und geladener Gäste stattfand, nahm der Vorsitzende der Schulsektion, Dr. Kompert, vor, welcher mit warmen Worten die Bedeutung des Hebräischen betonte. Sollte der Besuch zunehmen, so werden ähnliche Anstalten auch in den übrigen Bezirken eröffnet werden. Der Vorstand ist gegenwärtig im Fahrwasser des Hebräischen und wenn nicht alle Zeichen trügen, wird das Hebräische, weil man dagegen opponirt, Mode werden. '-Ql pßlö p^PÜl 1X12 Dänemark. Am 8. October wurde in der jüdischen Gemeinde zu Copenhageu eine seltene Feier begangen. Es waren an diesem Tage 50 Jahre verstrichen, seil der Prof. Di-. A. A. Wolfs zum Oberrabbiner Copenhagens und ersten jüdischen Prediger Dänemarks ernannt wurde, und die Feier wurde dadurch um so schöner, daß der Jubilar, der sich um seine Gemeinde im verflossenen halben Jahrhunderte nach allen Richtungen hin, nach Innen und nach Außen, aufis Höchste verdient gemacht hat, noch eine Rüstigkeit und eine auch im Aeußeren sich kundgebende Frische besitzt, die auf eine noch lange dauernde künftige Wirksamkeit schließen lassen. Bekundet hatte er eben erst seine jugendliche Kraft und seinen Eifer und die seltene Ausdehnung seines Wissens durch die Ausarbeitung einer nach Inhalt und Umfang (32 Bogen) sehr bedeutenden Schrift: „Talmudfeinde",*) die er seiner Gemeinde in Erinnerung an den gemeinschaftlich durchgemachten Zeitraum gewidmet hat. — Abgesehen von allen den vielen Kundgebungen der Dankbarkeit und der Freude, die der Jubilar im Laufe des Tages mündlich, durch Briese, Telegramme und Geschenke von Privaten und Deputationen von Vereinen empfing, brachte ihm die Gemeinde durch ihre Repräsentanz (nach deutscher Art der Benennung: ihren Vorstand) am Vormittage ihren Glückwunsch dar, und kurz darauf überreichte ein Comitd von älteren und jüngeren Damen ein Geschenk seitens der Damen der Gemeinde, bestehend in einem Exeinplar der Petersburger Ausgabe von den Propheten aus dem ältesten, mit der babylonischen Vocalisation und Accentuation versehenen Codex. Das werthvolle Werk war in blauem Samml gebunden und außerordentlich reich und geschmackvoll mit Goldornameuten versehen. Geschmückt mit 50 goldenen Palmenblättern trug der *) Wir werden in Bälde unsere Leser von diesem leider in dün. Sprache abzefchten Werke näher in Kenntlich setzen können. Red. vordere Einbanddeckel auf einer goldenen Platte das Bild der Synagoge und die Widmung der Geberinnen eingravirt, in denv Ecken war auf derselben .Weise der Text der damaligen Antritts predigt (Maleachi 11,7) angebracht, auf dem hinteren Deckel der Wahlspruch des Jubilars, ein Psalmenvers. — Die Hauptfeier fand Abends in der Synagoge statt. Der mit Guirla nden, Kränzen und Lorbeerbäumen geschmackvoll decorirte Raum war von so vielen Frauen und Männern, als man nur Platz verschaffen konnte, gefüllt, als der Jubilar um 7 Uhr von der Repräsentanz und dem Synagogen- Vorstande eingeführt wurde und aus einem erhöhten Sttz vor der Kanzel Platz nahm. Nach der Absingung einer dänischen Wiedergabe des 111. Psalmes, wurde ein zu dieser Gelegenheit verfaßter hebräischer „Willkommsgruß" von den beiden Cantoren und dem Männersynagogengesangverein vorgetragen, und der Vorsitzende der Repräsentanz sprach dann dem Jubilars in beredten Worten den Dank der Gemeinde aus für seine langjährige, vielseitige und nie ermüdende Thätigkeit in der Synagoge und im Hause, bei allen freudigen und traurigen Ereignissen im Gemeindeleben wie im Einzelleben. Der geeignete Ort ihm zu danken sei gerade die Synagoge, das beste Zeugniß seiner Wirksamkeit, zu deren Erbauung er alle zersplitterten Kräfte der Gemeinde gesammelt hatte, in der er alle Spaltungen, die er vorfand, durch die Gewalt seiner Worte beseitigt hatte. Die Rede schloß mit dem Gebete, daß Gott den Jubilar noch lange erhalten möge. — Eine zur Feier verfaßte und componirte dänische Cantate (Solo, Quartett und Chor) wu^de darauf ausgeführt, und Pros. Wolff bestieg die Kanzel. Es sei ihm Bedürfniß, sich von dem göttlichen Beruf des Predigers auszusprechen, von dem Auftrag, den er erhält, wie von dem gnädigen Beistand Gottes, der ihm verheißen ist; Rechenschaft ablegen und Dank abstatten müffe er heute vor Gott und vor der Gemeinde. Anknüpfend an den Text seiner Antritlspredigt (s. oben) stellte er dar, wie vielfach es von dem Prediger gelte, „daß seine Lippen Kenntniß bewahren müffen," „daß man von seinem Munde Gottes Lehre verlange." Unendlich schwierig sei es imnier, ein „Bote Gottes" zu sein, bedeutungsvoll die Rechenschaft, die er heute abzulegen habe, seine Stärke sei aber imnier die Hülfe Gottes gewesen, die ihm nie versagte, wenn die Kräfte schwinden wollten, wenn ihm Hindernisse in den Weg traten. So danke er denn heute von ganzem Herzen dem Ewigen für seinen Beistand und für seinen Segen, der ihn noch die Frucht des ausgestreuten Samens hat blicken laffen, danke den jetzt Entschlafenen, die ihm bei seiner Ankunft freundlich entgegenkamen, danke Allen, die ihn durch ihre Aufmerksamkeit immer von Neuem begeistert haben, den Mitarbeitern im Hause Gottes, den Leitern und Vorstehern der Gemeinde. Mit dem Segen über Königshaus, Vaterland, Stadl und Gemeinde schloß die werthvolle Rede. Das Ende der in allen ihren Theilen erhabenen Feierlichkeit machte die Absingung von Adön ölam. — Unter den Eingeladenen bemerkte man die 4 Bürgermeister, den Stadtverordnetenvorsteher und den Polizeidirector Copenhagens. Die Regierung hatte ihre Anerkennung dem Jubilar, der schon vorher Ritter von DanebHgge war, durch die Verleihung des „Ehrenzeichens der Danebrogsmänner" gezeigt. — Auch im Auslande war vielfach des Tages gedacht worden. Aus England gratulirte u. A. Sir Mose Monteftore, aus Frankreich Ad. Crömieux, die Schätzung in jüdischen wiffenschastlichen Kreisen bezeugten Glückwünsche aus dem Breslauer Seminar. Schließlich sei noch erwähnt, daß der Jubilar 100 Arme speisen ließ. Rumänien. Bukarest. Aus den letzten Kammerverhandlungen tragen wir (nach dem Berl. Montagsbl.) die Rede des Herrn Mesail, eines getauften Juden, nach. Derselbe eiferte: „Sollen wir aus Furcht, die europäischen Mächte könnten uns die Anerkennung unserer Unabhängigkeit verweigern, die Juden emanzipiren? Meiner Ansicht nach giebt es nur einen Ausweg für uns, um uns von dieser lästigen Bedingung zu be-

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