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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1878-10-30 · N° 44. (30.10.1878) · p. Seite 348

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
9 (1878)
Issue
N° 44. (30.10.1878)
Date
1878-10-30
Page
Seite 348 (sequence 6)
Language
German
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348 — Sie haben uns gedemüthigt, es ist ein Schmerz für uns, allein Sie werden von uns nicht fordern, daß wir diese Frage sofort lösen, denn wir müssen Dieselbe durch eine Constituante, wir müssen sie conform mit unseren Gesetzen, mit unserer Verfasiung lösen, und Sie können nicht verlangen, daß wir jetzt eine Constituante einberufen, wo wir eine fremde Occupation im Lande haben. . . . Aber siehe da, die Bevollmächtigten erwiderten uns: Wir wollen weder von Ihren Gesetzen, noch von Ihrer Verfasiung etwas wisien. Wir verlangen von Ihnen, daß Sie diese Frage sofort ihrer Lösung zusühren! Sehen Sie, Herr Majorescu, wie die Engländer, die Oesterreicher, die Franzosen die Durchführung des Berliner Tractates verstehen! . . ." Die Constituante wird nach der Schlußerklärung des Ministers jedenfalls einberufen; wann? . . . Darüber hat die Negierung sich nicht ausgesprochen. Die „Magd. Zeitg." schreibt in einem Leitart. hierüber wie folgt: „Das Cabinet und die am Ruder befindliche Partei müsien fürchten, daß die Unterstützung der Judenemancipation für sie die Ursache des Sturzes werden könne, und sie suchen daher dieser Frage noch möglichst aus dem Wege zu gehen. Auf die Dauer wird dies aber kaum möglich sein und wird sich überhaupt keine Regierung in Rumänien der Aufgabe entziehen können, für die Durchführung dieser Bestimmung des Berliner Vertrages einzutreten. Die Bereitwilligkeit, mit welcher die Mächte die Unabhängigkeit des Fürstenthums anerkannt haben, legt diesem auch die Pflicht auf, seinen internationalen Verpflichtungen i m vollsten Maße nachzukommen." (Vgl. unter „London".) Bukarest. Ein Reuter'sches Telegramm vom 16. October meldet: England, Italien und Frankreich hätten erklärt, sie würden die Unabhängigkeit Rumänies nicht eher anerkennen, bis die bürgerliche und politische Gleichberechtigung der Juden verkündet sein würde. Diese Erklärung soll die rumänische Regierung denn doch veranlaßt haben, die Constituante schon im November einzuberufen. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Die „Jüd. Pr." hatte in ihrer Nr. 39 die sensationelle Nachricht als directe Mittheilung aus Petersburg gebracht, daß ein Ukas des Czaren die Aufnahme jüd. Schüler in das technologische Institut strengstens untersage. Wie die in Petersburg erscheinende trefflich redigirte hebr. Wochenschrift „Hameliz" nunmehr an hevorragender Stelle meldet, ist an der ganzen Mittheilung auch nicht ein Sterbenswörtchen wahr, (^nnö D'V-Q "w „erlogen von Anfang bis zu Ende"). Die Red. des Hameliz hat an maßgebendster Stelle die genauesten Erkundigungen eingezogen; der Director und sämmtliche Lehrer an diesem Institut rühmen den Fleiß und das Betragen der jüd. Zöglinge, die ein Drittel der Gesammtschüler bilden. Erst im vor. Monate seien mehrere jüd. Schüler neu ausgenommen worden, obwohl der Andrang der sich Neuanmeldenden sehr groß war und nur die Begabtesten Aufnahme finden konnten. Die Red. kann sich die Nachricht der „Jüd. Presse" nur als „Aprilscherz" erklären — den sich nicht blos die russischen, sondern auch die deutschen Juden verbeten haben möchten. „Hameliz" knüpft hieran die ganz berechtigtigte Bemerkung, daß durch Aufnahme und Verbreitung solcher Lügenberichte durch jüd. Blätter die Stellung der Juden in Rußland eher geschädigt als gebessert werde; ferner die Mahnung: da er (Hameliz) in Petersburg selbst erscheine, die Interessen der Juden vertrete, alle sie betreffenden Erlaffe und Bekanntmachungen schnellstens veröffentliche, so könne man auf dergleichen Sensationsnachrichten aus irgendwelcher Lügenfabrik wohl verzichten. Uebergroßer Eifer schadet nur! — Da auch mir die obige Nachricht in unserer Nr. 40, allerdings mit der Einschränkung: „wie die „Jüd. Pr." erfährt", mitgetheilt, glaubten wir von der Erklärung des „Hameliz" hier ausführlich Notiz nehmen zu müsien. Berlin. Dem Jahresbericht des Nabbinerseminars für das orthodoxe Judenlhum für das Jahr 5638 entnehmen wir folgende Daten. Das Seminar besuchten im verflossenen Jahre 23 Hörer, darunter 13 ordentliche. Aus Deutschland sind sieben gebürtig, (bei einem fehlt seltsamerweise die Angabe der Heimath). Zum ersten Mal hatte ein Schüler in der Anstalt seinen Gymnasialkursus durchgemacht, und bestand das Abiturientenexamen. In dem Lehrerpersonal und der Einrichtung der Lectionen ist Wesentliches nicht geändert, her. vorzuheben ist, daß Herr Rabbiner E)r. S. Cohn den Unter« richt in der Homiletik übernommen hat. Die Einnahmen der Anstalt haben sich gegen das Vorjahr in einigen Positionen gehoben, besonders aber auch dadurch, daß die Hyphotekzinsen um fast 3000 Mk. geringer geworden sind. Es betragen die Einnahmen beinahe 40000 Mk. und das Gesammtvermögen beläuft sich auf mehr als 120,000 Mk. Dem Bericht geht eine Abhandlung von vr. Hoffmann über den obersten Gerichtshof zu Jerusalem voraus. Berlin. Während des Gottesdienstes am Sotimini azeres in der Synagoge an der Potsdamer Brücke verbreitete sich plötzlich die Nachricht, daß in dem Gebäude Feuer ausgebrochen sei; eine allgemeine Panik griff um sich, Alles drängte dem Ausgange zu, um sich zu retten. Mehrere auf dem Chor befindliche Damen fielen in Ohnmacht und Weinkrämpfe. Erst nach einer viertelstündigen Unterbrechung konnte die gottesdienstliche Feier fortgesetzt werden. Strelno. Zum Synagogeneinsturz schreibt die „O. P.": Es steht nun fest, daß durch das öftere Repariren des Ziegeldaches der Synagoge die Decke von Jahr zu Jahr mehr mit Schutt belastet wurde. Die Winkelbretter waren mit zu kurzen Nägeln an den Balken befestigt, und wie es sich herausgestellt hat, war der herabgestürzte Balken auch schon ganz vermorscht. Was man für ein Unglück gehalten, daß der herabgestürzte Schutt die Thüren derart versperrt hatte, daß die Frauen vermittelst Leitern aus den Fenstern gehoben unv ins Freie beförvert werden mußten, muß für ein großes Glück angesehen werden, denn wären die Eingänge frei gewesen, so dürfte sich durch besinnungsloses Herausdrängen der Maffe sehr leicht eine zweite Ostrowoer Katastrophe entwickelt und wir alsdann mehr Leichen als jetzt Verwundete zu verzeichnen haben. Cassel. Die in Nr. 41 unter Angabe der Quelle (Allgem. Zeit. d. Judenth.) gebrachte kurze Mittheilung betr. den Privatreligionslehrer Hr. Ehrmann wird durch eine an uns gerichtete Zuschrift eines Hrn. V. Hahn daselbst dahin berichtigt, „daß die (nach der A. Z. d. I.) gegebene Darstellung der Wahrheit nicht entspreche, und daß der erwähnte Vorfall keine Veranlaffung bietet, auf den sittlichen Charakter des Hrn. vr. E. einen Schatten zu werfen." Altona, 21. October. (Or.-Corr.) Ein höchst seltener Fall ist von hier zu melden. Am jüngsten Versöhnungstage fastete ein hundert drei und ein halbjähriger Greis Herr H. Seligmann, glücklich im Gedanken, den Vorschriften der heiligen Religion Nachkommen zu können. Dem alten Manne war von seinem Arzte das Verlassen der Wohnung verboten und als seine Angehörigen Abends von der Synagoge zurückkehrten, äußerte er: „Ich könnte noch einige Stunden fasten, denn nicht das Fasten war für mich Kasteiung, sondern der nichterfüllte Wunsch, in der Synagoge gemeinsam mit der Gemeinde beten zu können.!" *DT iniö3 — Am Kol-Nidre-Abend ereignete sich hier ein bedauernswerther Unfall in der Hauptsynagoge: Als der Vorbeter sein Gebet begann, brach Frau ,H. Herrmann in Ohnmacht zusammen. Sie wurde nach Hause gebracht, gab jedoch trotz gleich angewandter ärztlicher Hülfe den Geist auf, Jeßnitz (Anhalt). Am 16. October fand hier die feierliche Eröffnung des von dem edlen menschenfreundlichen Brüderpaar Samson und Aron Herz gestifteten Kindergartens, einer Erziehungsanstalt für Kinder v o r schulpflichtigen

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