Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 9 (1878)
- Issue
- N° 44. (30.10.1878)
- Date
- 1878-10-30
- Page
- Seite 347 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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347 — Jener entwunden, für welche die einbrechende Dämmerung die endliche Grenze ihrer Selbstkasteiung, des gesetzmäßigen Fastens gewesen .... Solche Anlässe, wo das Judenlhum als nationaler Factor in die Erscheinung tritt, sind wohl geeignet, einigen Nestexionen Naunr zu geben über das fast wunderbare Spiel des Schicksals, welches, und dies mit rastloser Consequenz, sich gerade dieses Volk dazu ausersehen, um uns ein großes psychologisches Räthsel in einer noch heute unerklärten Gestalt vorzufuhren. Unfaßbar, _ ja noch mehr, fast unbegreiflich erscheint dem denkettden Geiste, wie es denn möglich gewesen, daß diese Nation, losgerissen von dem heimischen Heerde, losgelöst selbst von den nothwendigsteu Existenzbedingungen einer gesunden Lebensentwicklung, srch bis heule in einer Weise behauptet hat, die selbst dem größten Zeloten ein gewisses Maß von Achtung abringen muß. Fast scheint es, daß für das „auserwählte Volk Gottes" eine Ausnahme des durch unzählige Fälle begründeten Weltgesetzes geschaffen sei, nach welchem jede Nation ihre Zeit, jedes Volk seine bestimmte Lebensepoche hat, über welche hinaus es fast spurlos verschwindet, mochte es selbst zu Zeiten die Geschicke ganzer Welten geleitet haben. Was sind die Römer heute als ein leerer Scheuten, als eine große Erinnernng au eine frühere längst vergangene Zeit! Und die Juden, die unter ungleich ungünstigeren Verhältnissen als jede andere Nation ihre Existenzphasen überdauerten, stehen heute noch nach fast sechstausend Jahren ungebeugt und in mehr als einer Beziehung achtunggebietend da. Woher das wohl kommen mag? Es märe eine Untersuchung darüber ein ziemlich intereffantes Problem für die neuere ctllturhistorische Forschung; ein Ergebniß läßt sich wohl mit Sicherheit schon voraus feststellen, daß die Anhänglichkeit und Treue, mit der die Juden ihre Religion bewahrt haben, gewiß nicht ohne Einstuß auf ihre ethische, culturelle und wissenschaftliche Entwickelung gewesen. — „Eines hat die Religion den Juden gewiß gelehrt, jene Toleranz und Herzensgüte, die wir fast als Nationaleigenschaft derselben bezeichnen können. — Herzensgüte und Toleranz, sind sie nicht der Inbegriff dessen, was einen Menschen der Gottheit nährt, und ihn den berechtlgsten Anspruch auf das begehrenswertheste Epuheton, auf das eines edlen Characters erheben läßt. Sagt ja schon der unsterbliche Dichterfürst: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" Rußland. Warschau. Die neuerbaute Synagoge, über deren Einweihung mir in vor. Nr. berichtet, steht nicht, wie das bei jüdischen Belhäusern gebräuchlich, gen Osten, worüber Viele ihre Verwunderung ausgesprochen. Der gelehrte Redacteur des hebr. Bl. „Hazephira" beschwichtigt dieselben mit der Erklärung, daß bereits vor Beginn des Baues über diese Frage vielfach debattirt morden und daß man auf Befragen talmudischer Gelehrten zu dem Resultat gelangt sei, daß nicht die Richtung nach Osten, sondern die nach Jerusalem die maßgebende sei (s. Baba Bathra S. 25). Hiernach müßten die Synagogen in Warschau die Richtung gen Süden haben, denn nur dies entspreche dem Verhältniß der geographischen Lage. Mittheilenswerth ist ferner, daß die Bundeslade aus Cedernholz gefertigt ist, welches Hr. Dao. Nathansohn vom Libanon hatte kommen lasten. „Hazephira" meldet ferner, daß all' die^ goldenen, silbernen und sonstigen Kunstgeräthe, welche die Spender für den Tempel meist rm Auslande gekauft halten, durch besondere Vergünstigungen seitens der Behörden, von dem hohen Zoll, der auf solche Gegenstände gehegt ist, gänzlich befreit waren; ebenso hatten die Steuerbehörden bei Abfassung der Contracte mit den Bauleuten und Handwerkern die Stempelsteuer erlassen. Uns ist in Preußen kein Fall bekannt, daß die Behörden eine solche anerkennenswerthe Rückiichtnahme bei Tempelbauten hätten walten lassen. Mögen die Worte, die die äußere Front des Tempels zieren: ,-Dnx fw* xin n?n rvna NX iTim 01^1 mnxi („Er, besten Name in diesem Hause thronet, er laste Liebe, Brüderlichkeit, Friede und Freundschaft unter Euch weilen",) sich nicht blos an den verschiedenen Par« teien bewähren, sondern auch im Verhältniß der Jsraliten zu ihren christlichen Mitbürgern. Unsere Hauptfeinde sind übrigens nicht die gebildeten Stockrusten — diese sind sogar ziemlich aufrichtige Judenfrennde —, sondern die schlimmsten sind die Deutsch-Russen; diese schüren und hetzen durch Schrift und Wort am meisten gegen uns. So veröffentlicht ein Deutsch-Ruste in einem Blatte, das nur gesetzliche Verordnungen, amtliche Bekanntmachungen und dergl. enthält, und meist nur von Beamten gehalten wird, einen Artikel: „die Moral des Judenthums nach Rohling" — nur um uns in dem betr. Beamtenkreise anzuschwärzen und zu verdächtigen. Ozorkow, im September. (Oc.-Corr.) Hier hätte es vor eirugen Tagen gleich zu einer ähnlichen Judenhetze, wie die von Kalisch, kommen können, hätte die Vorsehung uns nicht gnädiglich davor beschützt. Am letzten Sonntag in frühester Morgenstunde bemerkte die Polizei 4 Männer, die ein Kreuz umwarfen und sich eben anschickten, es mit dem Chnstenbilde zu zerhacken. Sie wurden sofort ergriffen, und es stellte sich heraus, daß es Christen waren, die es aus dem Grunde thaten, um nachher, durch Verbreitung der Nachricht, die Juden hätten das Kreuz zerhackc, die Bevölkerung gegen sie zu Hetzen. Die polnische Zeitung „Eho", die einzige, die nicht von Jesuiten oder Ultramontanen redigirt wird, hat dies mit vieler Entrüstung veröffentlicht. Rumänien. Bukarest, 18. Oktober. Die außerordentliche Kammer- Session ist vorgestern Abend durch eine von den Ministern verlesene fürstliche Botschaft geschlossen worden, in welcher in üblicher Weise für den „erleuchteten Patriotismus und die politische Klugheil" der Vertretung der Nation gedankt wird. Die neuntägigen Debatten gipfelten in Vorwürfen, die der Regierung wegen des Verlustes von Beßarabien, wegen der Absicht, die Dobrudscha anzunehmen und zu besetzen und endlich darüber gemacht wurden, daß dieselbe die Constituante nicht sofort, sondern erst im geeigneten Momente einberufen wolle. Ueber den letzteren Punkt, der unter dem parlamentarischen Tttel: „Constituante, oder Kammern für die Revision der Verfassung" einherschreitet, jedoch seinem eigentlichen Wesen nach nichts anderes ist, als die „Juden-Fcage", sprach nur die Partei der Conieroativen sich eingehender aus, und zwar im Senate durch Herrn Karp und in der Kammer durch Herrn Titu Majorescu; namentlich war es dieser Letztere, welcher mit seiner bekannten Eloquenz die Gefahren schilderte, welchen Rumänien sich aussetzen müßte, wenn die Juden - Frage nicht sofort gelöst werden würde. Majorescu erklärte, er sei zwar äußerst schmerzlich davon berührt, daß der Berliner Tractat in dieser internen Frage Rumäniens Stellung genommen habe und wir somit vom Auslande her zu dieser Lösung getrieben werden, allein wolle man nach so vielen harten Schlägen auch noch den neuen Schlag abwarten, daß die eine oder die andere Großmacht uns sage, sie erkenne unsere Unabhängigkeit nicht an, bis wir die Juden-Fcage nicht geordnet haben? Es sei demnach unumgänglich nothwendig, eine Constituante, und zwar sofort einzuberufen, worauf Bratiano Folgendes erwiderte: „ . . . Wir wollten nicht, daß die Juden Frage auf dem Congresse auf die Tagesordnung gesetzt werde, uno wir kämpften aus Leibeskräften, daß dieselbe nicht vor den Congreß komme. Allein die Alliance Jsraelite, die eine gar mächtige Association geworden ist, war in Berlin durch die hervorragendsten Chefs vertreten; wir ließen uns mit diesen Repräsentanten in Verhandlungen ein, wir discutirten mit denselben, und als Herr Majorescu vorher sprach, da erinnerte er mich lebhaft an die Feinheit nnd Schlauheit derselben" (Beifall). Minister Bratiano replicirte ferner Folgendes: „Nachdem die Bevollmächtigten in Berlin sich ausgesprochen hatten, sagten wir ihnen allen: Meine Herren,